Sciarrinos "Macbeth"

Das Innere der Machtgier

5. August 2011, 18:40

Die moderne Variante eines Machtspiels konzertant in der Kollegienkirche

Salzburg - Schön, wenn sich der Salzburger Intendant Markus Hinterhäuser mit dem Konzertchef der Festspiele (auch Hinterhäuser) verständigen kann: Das ergibt eine inhaltliche Gebundenheit von Programmteilen; das ermöglicht kurz nach Verdis Macbeth, der in Peter Steins Kettenhemd-Stil die Felsenreitschule füllte, die moderne Variante eines Machtspiels zu erleben. Wie sie Salvatore Sciarrino erzählt.

Da geht es natürlich nicht um äußere Effekte. Sciarrino führt die Figuren in seine filigrane Welt winziger Tongesten, blickt in ihr Inneres: Der vokale Part transportiert die Zerrissenheit von Macbeth (delikat Otto Katzameier) und dessen Lady (sehr eindringlich Anna Radziejewska) mit einmal fragmentierter Rede, dann wieder mit gebrochenem Pathos oder zwanghaften Wiederholungen von Sätzen. Auch der instrumentale Part trägt beklemmend zur Verdichtung der porträtierten Zustände bei. Dabei herrscht ein minimalistisches Setzen von "Rufzeichen" vor. Sie können mit perkussiven Mitteln, mit sanften Glissandi oder Flageoletts erreicht werden - und sie erreichen ihre extrovertierte Kulmination in der Bankettszene:

Hier lässt Sciarrino um Macbeth pochende Rhythmen, aggressive Schläge und auch Tradition in Form von Mozarts Don Giovanni und Verdis Macbeth virtuos aufeinanderprallen und sich überlagern. Grandios. Das Klangforum Wien unter Evan Christ beherrscht die Reduktion wie die "Explosion" makellos und zeigt, dass Intensität auch ganz leise daherkommen kann. (toš, DER STANDARD - Printausgabe, 6./7. August 2011)

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.