Stephan Mayer-Heinisch fordert höhere Gehälter für junge Verkäufer. Warum er sonntags einkaufen will und Greißlern nicht nachtrauert
Standard: In der Wiener Kärntner Straße gibt es ab September auf einen Schlag durch Peek & Cloppenburg gut 12.000 Quadratmeter Verkaufsfläche mehr. Welche Händler bleiben dadurch auf der Strecke?
Mayer-Heinisch: Die Handelsstrukturen sind im Umbruch, und zwar großflächig. Der Kunde will Neuankömmlinge - und deren gibt es viele. Forever 21 macht sich breit, eine Firma Primark wird kommen. Das setzt bestehende Händler und Standorte enorm unter Druck. Die Innovationsgeschwindigkeit wird höher, der Lebenszyklus von Konzepten kürzer. Wer da nicht mehr mitkann, erzielt miese Renditen.
Standard: Starken Verdrängungskampf gibt es freilich schon lange.
Mayer-Heinisch: Es gibt eine dramatische Beschleunigung der Veränderung, die rabiater ist, als wir alle denken. Die Händler müssen über die Schuhschachtel hinausschauen. Das Konsumverhalten der Jungen ändert sich, das Internet revolutioniert einzelne Branchen völlig. Technologie, Mobilität sind im Wandel. Unsere Debatten über Ladenöffnung und Kollektivverträge werden uns wie ein Schmarrn vorkommen. In zehn Jahren sieht der Handel anders aus. Wer nicht mittut, dem geht es wie dem Kohlenhändler. Das war eine große Branche - heute geht sie keinem ab.
Standard: Stört Sie die wachsende Uniformität der Einkaufsstraßen?
Mayer-Heinisch: Gute Konzepte setzen sich überall durch. Es ist Wettbewerb in reinster Form. Ich verstehe Leute nicht, die sagen, es ist schad, dass es den Meinl oder kleine Greißler nicht mehr gibt. Wieso haben sie dann einst beim Mitbewerb gekauft? Da ist schon ein bissl Wirtschaftsromantik dahinter. Gehen Sie in den siebenten Wiener Bezirk: Was es da an kreativen Textilern gibt. Ist einer gut, findet er seinen Weg. Man macht nicht nur am Stephansplatz gute Geschäfte.
Standard: Neu aufgeflammt ist der Streit um die Ladenöffnungszeiten. Was halten Sie von Richard Lugners Kampf für Einkaufssonntage?
Mayer-Heinisch: Er ist ein guter Geschäftsmann, und für sein Unternehmen ist damit was zu holen. Er traut sich was zu sagen, was ich erfrischend finde. Und manchmal geht es nur mit Klagen vor Gericht, um Bewegung in die Sache zu bekommen. Eine Gesellschaft muss das aushalten. Ich halte nichts von einem Diskussionsverbot.
Standard: Rentiert sich der offene Sonntag wirklich? Der Widerstand ist auch unter Handelsketten groß.
Mayer-Heinisch: Am Sonntag offenzuhalten soll ein Recht und keine Pflicht sein. Sperren alle auf, verlagern sich die Umsätze, was wenig sinnvoll ist. Aber warum lässt man die Touristen nicht sonntags zum Naschmarkt gehen? Wien hat starken Städte- und Kongresstourismus. Warum macht man es den Konsumenten so schwer, ihr geliebtes Geld auszugeben?
Standard: Vielleicht weil das auch auf Kosten der Beschäftigten geht? Gewerkschafter üben scharfe Kritik an Arbeitsbedingungen im Handel.
Mayer-Heinisch: Wir haben strenge Arbeitszeitvorschriften. Die Zahl der schwarzen Schafe ist begrenzt - der Handel beutet keine Mitarbeiter aus. Eine ganze Branche zu brandmarken ist unnotwendig.
Standard: Verkäufer sind mittlerweile überwiegend Regalschlichter und Kabinenausräumer. Das Image ihrer Jobs ist miserabel ...
Mayer-Heinisch: Das bereitet große Sorgen. Der Handel ist der zweitgrößte Arbeitgeber, die Zahl seiner Mitarbeiter stieg im Vorjahr um vier Prozent. Man muss sich anstrengen, sein Image zu verbessern. Es gibt gute, aber keine flächendeckenden Versuche. Es gehören dabei auch die Kollektivverträge verändert: Es braucht flachere Lebenseinkommenskurven. Junge dürfen finanziell nicht zu kurz gehalten werden, Ältere nicht in Gefahr gebracht werden, als zu teuer rausgedrängt zu werden. Es ist ein heißes Thema, das sich keiner anzugreifen traut.
Standard: Der Handel klagt heuer über magere Geschäfte. Zu Recht?
Mayer-Heinisch: Händler jammern immer. 2009 und 2010 waren in Österreich erstaunlich gut. Heuer ist die Straße ruppiger. Auch wegen des permanenten Krisen- und Steuergeredes. Das verunsichert.
Standard: Wieso gilt Shoppen dennoch als eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Österreicher?
Mayer-Heinisch: Der Mensch ist ein Herdentier, er verzweifelt alleine. In der westlichen Welt gibt es Tendenzen zur Vereinsamung. Früher gab es die Marktplätze, heute trifft man sich in Handelszentren.
Standard: Warum definieren sich so viele Menschen über Konsum?
Mayer-Heinisch: Ich rate ... Konsum kann man herzeigen, er differenziert einen oder macht zu einer Gruppe zugehörig. Sich über Leistung zu definieren ist mühsamer. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 6./7.8.2011)
Stephan Mayer-Heinisch (57) ist Präsident des Handels- und
Shoppingcenterverbands. Der Jurist war langjähriger Chef von Humanic und
zuvor in der Entwicklungspolitik in Afrika engagiert.
Am 22. September veranstaltet der österreichische Shoppingcenter-Verband im Haus der Industrie in Wien einen Kongress zum Thema "Einkaufen 2025 - Bleibt alles anders?"