Die Wiener Modemacherin Anna Aichinger wohnt mitten in der historischen Innenstadt, wo sie sehr vieles an ein Dorf erinnert
Die Wiener Modemacherin Anna Aichinger wohnt mitten in der historischen Innenstadt, wo sie sehr vieles an ein Dorf erinnert. Michael Hausenblas hat sie besucht.
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"Seit ich auf der Welt bin, lebe ich in diesem Haus in der Wiener Innenstadt. Das sind mittlerweile 32 Jahre. Mein Vater hat das Haus 1978 gekauft und dann Schritt für Schritt renoviert. Zuvor sah das Haus, wie die meisten Gebäude damals in Wien, sehr grau aus. Die Grundstruktur geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Seit 1820 sieht es mehr oder weniger so aus wie jetzt.
Mein Bruder wohnt einen Stock über mir, und meine Eltern sind oben im Dachboden zu Hause. Früher hat die ganze Familie hier in dieser Wohnung gewohnt, heute ist sie allein mein Reich, das ich mit meinem Hund und meiner Arbeit teile. Die Wohnung misst circa 130 Quadratmeter und liegt im ersten Stock. Gut die Hälfte davon nimmt mein Atelier ein, wo ich derzeit mit einer Assistentin und zwei Praktikantinnen arbeite.
Wahrscheinlich haben wenige Menschen ein solches Zuhause-Gefühl wie ich. Ich hatte nie ein altes Daheim oder ein neues Daheim, sondern immer nur dieses ursprüngliche. Wie soll ich sagen? Ich bin hier total verwurzelt. Das gilt auch für die Umgebung. Man könnte durchaus von einem Dorfcharakter sprechen. Jeder kennt jeden, dann gibt's die Kirche am Franziskanerplatz und das Kleine Café, das diese Atmosphäre abrundet.
Aber es ist nicht so, dass ich das ganze Jahr hier in der Wohnung bin. Ich reise berufsbedingt ziemlich viel, bin zum Beispiel viermal im Jahr in Paris. In Südfrankreich oder in New York zu leben würde mir auch gefallen - allerdings nur als Zweitwohnsitz. Ich mag Wien sehr, und ich kann mir durchaus vorstellen, mein ganzes Leben in diesem Haus zu wohnen. Wenn man sich viel auf Reisen befindet so wie ich, dann ist es schön, so eine Basis zu haben.
Außerdem haben wir seit kurzem einen alten Bauernhof im Waldviertel, wo ich gerade zwei Wochen verbracht habe und es durchaus noch länger ausgehalten hätte. Ich liebe es, frische Blumen und Kräuter in meiner Wohnung zu haben. Und erst kürzlich habe ich meine Liebe zum Gemüsezüchten entdeckt. Früher war mir das Grün nicht so wichtig. Vielleicht hat das was mit dem Älterwerden zu tun. Welcher Jugendliche sitzt schon gern auf einer Wiese und schaut einfach nur in die Landschaft?
Am selben Platz zu wohnen und zu arbeiten - das hat seine Vor- und Nachteile. Man muss einfach Wege finden, diese beiden Dinge voneinander trennen zu können. Anfangs hatte ich immer die Nähmaschine im Blickfeld, mittlerweile sind Atelier und Wohnbereich aber so gut wie vollständig getrennt.
Ich finde es amüsant, wenn im Hof Touristengruppen stehen und das Haus begutachten. Es bedeutet mir viel, in einem Altbau zu wohnen. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, in einem Neubau zu Hause zu sein. Die große Raumhöhe, die schöne Form der Fenster und Türen, all das strahlt für mich eine gewisse Eleganz und Großzügigkeit aus, die ruhig auch etwas Patina haben darf.
Am liebsten halte ich mich auf der Couch und am Schreibtisch auf. Nur das Loch dort oben in der Wand gefällt mir nicht. Das hätte eigentlich schon seit drei Jahren zugespachtelt gehört. Ein Zimmer mehr wäre auch nicht schlecht, aber man kann ja schließlich nicht alles haben.
Was die Möbel betrifft, habe ich einen Hang zu Vintage. Die Chaiselongue aus den Dreißerjahren hat meine Mutter tatsächlich aus einem Schuttcontainer gerettet. Ich sammle die verschiedensten Dinge. Aber von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl, dass es eng wird, und dann trenne ich mich wieder von manchen Sachen. Nur meine Globen-Sammlung würde ich niemals hergeben. Ich mag es, wie sich an ihnen abzeichnet, wie sich die Welt verändert und Grenzen verschieben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.8.2011)
ANNA AICHINGER wurde 1978 in Wien geboren. Sie besuchte
die Universität für angewandte Kunst in Wien und studierte dort bei
namhaften Gastprofessoren wie etwa Jean Charles de Castelbajac, Paolo
Piva, Raf Simons sowie Viktor & Rolf. Seit dem Jahr 2006 arbeitet
sie als selbstständige Designerin in Wien und präsentiert ihre
Kollektionen zweimal pro Jahr in Paris bei der Fashion Week sowie auf
diversen anderen internationalen Messen. Das Markenzeichen von
Aichingers Entwürfen sind klassische, oftmals sogar strenge Elemente im
Einklang mit raffiniert geschnittenen Drapierungen.
Link
www.annaaichinger.com