Warnung vor allem Unglück dieser Welt

Kommentar der anderen | 5. August 2011, 17:05

Warum Anders Breivik sehr wohl zu den rechtsextremen Antisemiten zu rechnen ist - Von Stephan Grigat

Eric Frey hat über Anders Breivik geschrieben: "Dieser Rechtsextremist ist kein Antisemit." Wie aber sonst soll man jemanden nennen, der von einer "antieuropäischen Holocaust-Religion" faselt, die überwunden werden müsse, und den USA attestiert, sie hätten angesichts von "über sechs Millionen Juden" ein "beachtliches jüdisches Problem" ? Und was soll die angemessene Bezeichnung für jemanden sein, der alles Unglück dieser Welt von "Kulturmarxisten" verursacht sieht, die sich von der Frankfurter Schule, also der Kritischen Theorie der vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohenen Gesellschaftskritiker Max Horkheimer, Herbert Marcuse und insbesondere Theodor W. Adorno hätten inspirieren lassen?

Es ist keine allzu neue Erkenntnis, dass der Hass auf die Kritische Theorie ganz so wie jener auf die Psychoanalyse Ausdruck eines Antisemitismus ist, der sich jede Form individueller und gesellschaftskritischer Selbstreflexion panisch um sich schlagend vom Leib halten muss.

In Deutschland verbreitete die NPD in ihrer Monatszeitschrift schon vor Jahren, dass es sich bei der Kritischen Theorie, die Breivik gleich zu Beginn seines "Manifests" attackiert, um einen "Giftfraß" handelt, "der die inneren Organe und das Gehirn des deutschen Volkskörpers angreifen sollte." Die "Studien zum autoritären Charakter" von Adorno und Horkheimer sieht Breivik als eine Art Handbuch zur Zerstörung des abendländischen Erbes, der Koautor firmiert bei den deutschen Nazis im Sinne Breiviks als "geistiger Giftpilz der Gemeinschaftszersetzung" .

Abendland gegen Westen

Dass auch Antisemiten sich beizeiten Israel an den Hals schmeißen, ist keineswegs neu (wobei Breivik auch hier fein säuberlich zwischen jenen jüdischen Israelis unterscheidet, die ihm als Bündnispartner gelten und jener wohl überwiegenden Mehrheit, die allein schon aufgrund ihres "Multikulturalismus" letztlich aus der Welt geschafft werden müssen). Solche Leute solidarisieren sich mit Israel in aller Regel jedoch nur als Bündnispartner im Abwehrkampf, den das "Abendland" (ein Begriff, der auch von den heimischen Kulturkämpfern gegen jenen des "Westens" in Anschlag gebracht wird) gegen die antisemitische Konkurrenz des Islam zu führen habe.

Auffällig ist auch, dass der abgrundtiefe Hass des Attentäters auf emanzipierte Frauen, der neben der Kampfansage an Moslems zu den wenigen Dingen gehört, die in seinem wirren Manifest einigermaßen konsequent durchgehalten werden, in der Berichterstattung kaum eine Rolle spielt. Würde man ihm mehr Beachtung schenken, wäre wohl die Gefahr zu groß, auf die doch offensichtlichen Parallelen zwischen Breiviks Weltsicht und jener keineswegs nur des jihadistischen, sondern auch des orthodox-konservativen Mainstream-Islam zu stoßen. Breiviks Hass auf Muslime ist offenbar Ausdruck eines unbändigen Neids auf eine Gemeinschaft, in der repressive Familienstrukturen noch etwas zählen und Frauen wenig zu melden haben.

Breivik ist ein Antisemit im Zeitalter der Konkurrenz zwischen abendländischem Vernichtungswahn und islamischen Jihadismus. Doch davon muss in der augenblicklichen Debatte schon deswegen zwanghaft abstrahiert werden, um sich ja nicht die offenbar ungemein attraktive Gelegenheit entgehen zu lassen, kryptonazistische Muslimhasser mit liberalen und linken Islamkritikern in einen Topf zu schmeißen. (Stephan Grigat/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.8.2011)

STEPHAN GRIGAT ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien und Mitherausgeber von "Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung".

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19 Postings
Alan Jones80
21
Grigats Wahn

Breivik - ein Muslim! Was anderes kann von einem Grigat nicht kommen...

Aktive Arbeitslose
10
Hass auf Psychoanalyse?!

Hm, wo gibt es bitte den "Hass auf die Psychoanalyse" und warum soll da ein gesetzmässiger Zusammenhang mit Antisemitismus bestehen? Möglicherweise ist das ja auch nur Teil eines Hasses auf Psychotherapie bzw. Psychologie allgemein. Zeichnen sich Extremisten nicht dadurch aus, dass sie allgemein sich gegen jede kritische Reflexion wehren, also sind sie erst recht gegen das Psychologisieren in welcher Form auch immer.

Immer diese selbsternannten Experten mit salopp hergeholten Verallgemeinerungen der guten Sache mehr Schaden anrichten als nutzen.

Wer Menschen unbedingt in vorgefertigte Schubladen stecken will und "die angemessene Bezeichnung" sucht ist sowieso arm dran und vielleicht selbst ein kleiner Faschist ...

Fritz Wunderlich
00

"Wer Menschen unbedingt in vorgefertigte Schubladen stecken will und "die angemessene Bezeichnung" sucht ist sowieso arm dran und vielleicht selbst ein kleiner Faschist ..."

ihre vorgefertigte schublade - sie sind arm an selbstreflexion
:-))

der schwitzbär der schwitzt sehr
20
Lesen Sie nächste Woche in dieser Serie

Aufgedeckt - Warum Martin Luther King dem Ku Klux Klan nahe stand

Die Regierung nannte er eine Verbrecherorganisation. Nachdem jene 1967 das Verbot gemischtrassiger Ehen aufhob. Lesen Sie auch die nächste Folge, die Ihnen die Welt verklärt.

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Die Regierung nannte er eine Verbrecherorganisation. Nachdem jene 1967 das Verbot gemischtrassiger Ehen aufhob. Lesen Sie auch die nächste Folge, die Ihnen von Innsbruck aus die Welt (v)erklärt...

wutschwlllm
00
Freud, Adorno, Chomsky

"Es ist keine allzu neue Erkenntnis, dass der Hass auf die Kritische Theorie ganz so wie jener auf die Psychoanalyse Ausdruck eines Antisemitismus ist, der sich jede Form individueller und gesellschaftskritischer Selbstreflexion panisch um sich schlagend vom Leib halten muss."

Das ist doch eine überaus billige Argumentation. Es gibt genug Gründe, kritisch der Frankfurter Schule und der Psychoanalyse gegenüber eingestellt zu sein, ohne dass man auch nur irgendwas mit Antisemitismus am Hut hat. Oder wie erklären Sie sich sonst jemanden wie Karl Popper oder auch Noam Chomsky?

Hossam Hassan
05
Weder Popper noch Chomsky sind Gegner der Frankfurter Schule

Für Gegnerschaft müsste man sich damit beschäftigen und das haben beide nicht getan. Popper hielt alle Hegelianer für totalitäre Spinner und verweigerte eine intensivere Auseinandersetzung. Chomsky ist kein Philosoph, sondern ein an mathematischen Modellen orientierter Sprachwissenschaftler, der als Bürger seines Landes Kritik an der US-Politik betreibt. Adorno ist ein hegelianisch geprägter Philosoph, der im akademischen Umfeld der US Unis kaum gelesen wird. Hegel hat sich in den angelsächsischen Ländern auch niemals wirklich durch gesetzt. Deutschsprachige Philosophie überhaupt ist ein Konkurrent angelsächsischer Intellektualität und wird eher schied angeschaut als gelesen.

Carlito336
10
wirre peinlichkeit?

so viele zeilen und spalten in einer zeitung für einen versuch, die muslime für breiviks taten verantwortlich zu machen (neid!!!).
mikl-leitner sucht noch noch mitarbeiter... (göbbels nicht mehr).

Max Muster104
11
Breivik nahm sich die Islamisten zum Vorbild

Wie die FPÖ Islamisten unterstützt, Gaddafi, Ahmadinejad... So sieht auch Breivik die Faschisten aus den Orient als legitime Herrscher - im Orient aber. Er und seinesgleichen soll hier herrschen dürfen.

Ex-Muslim
10
Jup. Strache unterstützt Islamisten. Woanders hat er mit Islamisten kein Problem...

Siehe: http://www.exmuslime.at/goldeneba... initiative

Und dann das hier. Hier bekundet er sinen großen Respekt gegenüber dem Islam und der türkischen Kultur. Siehe:
http://www.kleinezeitung.at/nachricht... slam.story

nemo sander
00
steache reiste auch nach israel und zollte wie fp-sabbaditsch wolff

israel respekt. "daham statt islam" und das staendige aggieren der fpögegen "die muslime, den islam, die islamisierung,..." als liebe zum islam umzudefinieren ist ja verrückt. die antideutschen sind eben fanatisierte ideologen und muessen sich die realitaet zurechtbiegen.

ysengrimus
01

Man mag über Gaddafi denken, was man will, aber er ist definitiv nicht mit Ahmadinejad in einen Topf werfen. Gerade weil er die Säkularisierung Libyens vorangetrieben hatte, waren und sind die Islamisten in Libyen gegen ihn.

Fritz Wunderlich
13

bravo grigat

ysengrimus
11

Dem schließe ich mich nicht an. Auch wenn man von Grigat schon Absurderes gehört hat.

hinweis4
02

Ich stimme zu!

ysengrimus
61

Für das in einen Topf geschmissen zu werden haben sich diverse "Islamkritiker" hinreichend qualifiziert. Dass sich Fundamentalisten aller Konfessionen die Hände reichen können, ist übrigens eine Binsenweisheit. Das gilt in dem gleichen Maße auch für orthodoxe Juden, von denen Grigat natürlich in diesem Zusammenhang schweigt. Denn indem er eine Verschwörung aus reaktionären Islam und reaktionärem Christentum an die Wand malt, kann er das Judentum kollektiv als Opfer beider darstellen. Und es ist schon bemerkenswert, dass die Tat mit Gewalt als eine "antisemitische" dargestellt wird, auch wenn sie sich in erster Linie gegen "Kulturmarxisten" und emanzipierte Frauen richtet.

Fritz Wunderlich
17

kulturmarxisten war lange zeit ein verkappter antisemitischer vorwurf

gut, das können sie nicht wissen, denn was sagt solchen leuten wie ihnen schon adorno

ysengrimus
21

Ohne Zweifel sind im Denken des Täters auch antisemitische Denkmuster vorhanden. Aber ausschlaggebend war das für seine Tat nicht. Er hat weder eine Moschee noch eine Synagoge in die Luft gejagt, sondern auf sozialdemokratische Jugendliche, vornehmlich Frauen und Migranten, geschossen. Mittlerweile ist aber die Islamophobie dabei, den Platz des klassischen Antisemitismus einzunehmen. Es gibt hier mittlerweile viele Parallelen zwischen Islamophobie und dem Antisemitismus des 20. Jahrhunderts. Aber die "linken" Islamkritiker scheinen sich mit Händen und Füßen gegen diese Erkenntnis zu wehren, weil sie den Islam als das inkarnierte Böse, das sich gegen alle Aufklärung wende, ausgemacht haben.

Fritz Wunderlich
04

antisemitismus hat in europa zur fast geglückten vernichtung der jüdischen minderheit während der ns-diktatur geführt

islamische minderheiten leben in der eu und haben islamische staaten als beschützer und förderer, sind als religionsminderheit in vielen demokratischen staaten anerkannt und genießen bürgerliche rechte

der unterschied könnte nicht gewaltiger sein

jeder versuch, islamische minderheiten als die "neuen juden" auszugeben, ist daher ein versuch, sich fremde geschichte anzueignen und den opferstatus zu stehlen

richtig ist es, rechtsextremismus zu bekämpfen und dem hass auf moslems entgegenzutreten, öffentlich und politisch wie auch privat

dass die denkstrukturen, vorurteile etc. ähnlich sind, ist jetzt eine binsenw

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