Der Satiriker, Schriftsteller und Musiker Georg Kreisler spricht im Begleitprogramm zum Faust-Marathon über das Altwerden
Eigentlich hätte am Montag die deutsche Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich im Begleitprogramm zum Faust-Marathon mit der Gretchen-Darstellerin Patrycia Ziolkowska und Schauspielchef Thomas Oberender über Die Radikalität des Alters (so der Titel ihres Buchs) sprechen sollen. Die 94-jährige Mitscherlich musste krankheitsbedingt absagen, ihren Platz nimmt der um fünf Jahre jüngere Satiriker, Schriftsteller und Musiker Georg Kreisler ein.
Nachdem er 1938 vor den Nazis aus Wien flüchten musste, landete Kreisler in den USA, wo er sich in Hollywood mit zahlreichen Jobs bei Rundfunk, Film, Fernsehen und in Revuen durchschlug, dabei etwa Charles Chaplin oder den Berliner Kabarettisten Friedrich Hollaender kennenlernte. Als GI nahm er am Zweiten Weltkrieg in Europa teil, danach trat er u. a. als Sänger in New Yorker Nachtklubs auf. 1955 kehrte er nach Wien zurück, um an Chansons und Kabarettprogrammen (etwa mit Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger, Michael Kehlmann) sowie Musikkomödien und Gedichtbänden zu arbeiten.
Geprägt von einer pessimistischen Weltsicht schuf der heute 89-Jährige tiefschwarzhumorige Klassiker wie Taubenvergiften im Park. Nach München, Berlin und Basel wohnt Kreisler jetzt in Salzburg. Schon in seinem Chanson Unheilbar gesund (von 1965!) hat er sich mit dem Altwerden beschäftigt, der Protagonist bekundet darin, dass ihm "die Füße weh tun" . Dieses Schicksal hat inzwischen Kreisler selbst ereilt, aber das Alter empfindet er gar nicht als Fluch. Zwar sei die Realität des letzten Lebensabschnitts nicht immer angenehm (Mitscherlich sagt: "mühsam" ), aber immerhin falle die Angst weg - früher, als junger Hupfer, hatte sich Kreisler noch mehr vor dem Tod gefürchtet.
Auf dem Sterbebett möchte der Musiker übrigens keine Musik hören, seiner Mutter hatte er Bach am Klavier vorgespielt. Einerseits wird dem Menschen im Alter das unvermeidliche eigene Sterben bewusst, andererseits schenkt es, so Mitscherlich, auch Freiheit. Goethe schuf mit dem Faust ein Alterswerk jenseits der Gattungsgrenzen, in dem sich die Radikalität der Erkenntnis und Form mit der Melancholie und Verzweiflung im Rückblick auf das eigene Leben mischt. (dog, DER STANDARD - Printausgabe, 6./7. August 2011)
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