"Die Sache Makropulos": Regisseur Christoph Marthaler und Dirigent Esa-Pekka Salonen erläutern die Besonderheiten eines Schlüsselwerks der Moderne
Kommenden Mittwoch hat Leos Janáceks Oper "Die Sache Makropulos"
Festspiel-Premiere im Salzburger Großen Festspielhaus. Regisseur
Christoph Marthaler und Dirigent Esa-Pekka Salonen erläutern im Gespräch
mit Ronald Pohl und Ljubiša Tošić die Besonderheiten eines
Schlüsselwerks der Moderne. Salzburg soll ein Labor sein - und sollte
eines bleiben.
STANDARD: Herr Marthaler, nach "Katja Kabanova" ist "Die Sache Makropulos" die zweite Janáèek-Oper, die Sie in Salzburg inszenieren. Was unterscheidet die beiden Werke für Sie mit Blick auf die szenische Herangehensweise?
Marthaler: Szenisch eigentlich wenig. Es ist eine wunderbare Musik, Janáèeks Opern sind Konzentrate, und sie sind auch kurz - man hat mehr Freizeit! Die Art und Weise, wie beide Opern komponiert sind, ist sehr ähnlich. Es kann sein, dass ich irgendwann eine dritte mache. Das ist wie bei Ödön von Horváth, den möchte ich auch noch nicht zu Ende inszeniert haben.
STANDARD: Die Emilia Marty in "Makropulos" ist eine Figur mit fast 340 Jahren Lebenserfahrung. Spürt man das auch in der Musik, ist das quasi hineinkomponiert?
Salonen: Nicht direkt. Es gibt ein Motiv, vom Bühnenorchester gespielt, das in der Oper dreimal vorkommt. Und ich glaube, das ist ein Sound, der von einem ganz anderen Ort herüberweht. Andererseits steckt in der Musik der Emilia Marty (Angela Denoke) ein unglaublich komplexer Prozess, der mit fragmentierten Phrasen beginnt, mit viel Distanz und Ironie. Emilia spielt Spielchen. Wenn sie aber am Ende die Entscheidung trifft, keine weiteren 300 Jahre leben zu wollen, was sie ja nicht müsste, beginnt die Musik zu wachsen. Es scheint, als wäre ein innerer psychologischer Prozess durch die Musik beschrieben. Da merkt man Janáèeks Meisterschaft.
STANDARD: Das ist ihre "Menschwerdung": Sie beschließt, sterblich zu werden?
Salonen: Ich möchte an den Wim-Wenders-Film Himmel über Berlin erinnern, wo es auch darum geht, Unsterblichkeit gegen Sterblichkeit einzutauschen. In dem Augenblick, da die Unsterblichkeit endet, verschwindet das Schwarz-Weiß für die Figur, und sie beginnt, in Farben zu sehen. Bei Emilias Musik ist das ähnlich. All die Freude, Trauer und Ekstase werden plötzlich sehr expressiv.
STANDARD: Sie, Herr Marthaler, sind ein Musiker, der in seinen Sprechtheaterarbeiten musikalische Kosmen erschafft. Wie verhält es sich mit dem Wechsel zur Oper, bei der Sie eine Partitur haben, die ja Festlegungen bedingt. Zwingt Sie das zum Umdenken bei der szenischen Erfindung?
Marthaler: Erstaunlich wenig, da für mich Musik, aus meiner eigenen Biografie heraus, eine Selbstverständlichkeit ist. Zudem ist das hier ein so tolles Werk, dass es kein Problem darstellt, sich in einer bestimmten Weise unterzuordnen. Man könnte manchmal auch Dinge wegstreichen, Sätze dazuerfinden, hier aber nicht. Wenn ich jetzt Tannhäuser inszenieren müsste, würde ich denken: Da könnte ich das und das hier einbauen. Das wäre natürlich eine Unverschämtheit, deswegen habe ich das ja immer abgelehnt. Ich habe gesagt, ich will keine Götter inszenieren, sondern Menschen. Deswegen habe ich Tristan in Bayreuth gemacht.
STANDARD: "Die Meistersinger" wären nichts für Sie?
Marthaler: Ich bin zu alt dazu, ich würde entsetzliche Dinge machen. Das brauche ich nicht mehr.
STANDARD: Herr Salonen, Sie haben beim Notenmaterial Fehler gefunden und ausbessern lassen?
Salonen: Ja, es ist unglaublich. Wir haben sicher schon 200 Druckfehler korrigiert, die Klavierpartitur und die Orchesterpartitur sind ganz verschieden. Es ist wirklich problematisch, es gibt eigentlich keine Urtext-Edition. Man muss die ganze Zeit wählen, was logisch klingt. Es ist eigentlich ein Skandal, das ist ja kein obskurer Komponist. Die Sache Makropulos wird zwar nicht so oft gespielt wie Katja, ist aber dennoch ein Meisterwerk. Mein Team hat Nächte mit dem Korrigieren zugebracht.
STANDARD: Was ist noch speziell an Janáèek?
Salonen: Die Art, wie er Sachen offen hält. Wenn Sie an Bergs Wozzeck denken: Berg beginnt mit einer formalen Idee auf der Makroebene. Aber bei Janáèek, glaube ich, beginnt es einfach bei Takt eins. Manche Ideen kommen und gehen und kehren nicht zurück. Manchmal hören Sie die gleiche Sache eine Stunde später, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Eine gute Janáèek-Aufführung hat immer die Anmutung einer Improvisation. Wozzeck muss strukturell sehr klar dargeboten werden. Janácek hat manchmal sehr fragmentarisch geschrieben, und man muss Kontinuität schaffen. Es gibt Zellen, die sehr klein sind.
STANDARD: Markus Hinterhäuser ist ja relativ kurzfristig in die Position des Intendanten hineingeraten. Er bleibt nur ein Jahr.
Marthaler: Es kommt jetzt eine völlig neue Zeit in Salzburg mit Pereira. Und das wird nicht meine Zeit sein.
STANDARD: Wer weiß?
Marthaler: Nein, das wird nicht meine Zeit sein. Ich sage nichts Schlechtes über den Nachfolger, der uns in Zürich als Operndirektor, als ich dort Schauspieldirektor war, sehr geholfen hat. Ich kann trotzdem sagen: Ich finde, eine andere Lösung wäre interessanter gewesen. Man kann Hinterhäuser nicht als Interimsintendanten bezeichnen. Er war immer eine Art heimlicher Intendant, ich finde, dass das Wesentlichste in Salzburg immer das Konzertprogramm war. Man muss hier Neues präsentieren, das ist die erste Aufgabe eines Festivals. Und ich hoffe, dass das so bleibt. Das Neue ist ja auch Mozart. Und Werktreue besteht nur, wenn man Mozart neu macht.
STANDARD: Welche Erinnerungen haben Sie an die Ära Gérard Mortiers?
Marthaler: Sehr gute Erinnerungen. Nach Karajan musste etwas geschehen, das war hart, aber diese Veränderung war wichtig. Es wird aber vielleicht in Salzburg nie eine Mortier-Straße geben, sondern vielleicht einen Mortier-Tunnel oder eine Mortier-Unterführung.
Salonen: Mittlerweile hat man in Salzburg das Gefühl, dass die Moderne für das Publikum hier ganz normal geworden ist. Das ist ein gesunder Zustand. Insofern ist Salzburg eines der wichtigsten Festivals überhaupt.
STANDARD: Bis jetzt gelten Sie vor allem als Schauspielregisseur. Wird und soll sich das ändern?
Marthaler: Das ist mehr ein Klischee. Es stimmt, ich habe sehr viele Schauspielproduktionen gemacht. Mittlerweile sind viele Opern dazugekommen. Vielleicht bin ich schon überroutiniert. Wobei ich nicht so vorgehe: Ich nehme dieses oder jenes Angebot an. Ich könnte mir niemals eine Zusammenarbeit mit einem Dirigenten vorstellen, der zu den Endproben kommt und sagt: Das geht so und so nicht! Esa-Pekka Salonen war auf so vielen Proben, er weiß, was wir machen, und dass wir eine Familie sind.
STANDARD: Janáèek hat keine wirkliche Schule hervorgebracht. Wie würden Sie ihn in der Musikgeschichte einordnen?
Salonen: Janáèeks Musik besitzt organische Qualitäten. Andere entwickeln eine DNA-Struktur und lassen diese wuchern. Der Komponist ist dann der Gärtner, der die Wucherungen beschneidet. Nehmen Sie jemanden wie Berio: Er schrieb Metaopern - Opern über Opern. Die letzte Oper, die zeigt, dass sie glücklich ist, eine Oper zu sein, ist Bergs Wozzeck. Pierre Boulez schreibt übrigens gerade eine Oper. Librettist ist Patrice Chéreau. Und der Stoff basiert auf Warten auf Godot. (Ronald Pohl und Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 6./7. August 2011)
Christoph Marthaler (59) stammt aus Zürich. Seine eigenwilligen
Inszenierungen sind profund musikalisch und hebeln die Gesetze der Zeit
aus.
Esa-Pekka Salonen (53) ist finnischer Stardirigent und
Komponist, der in seiner Arbeit als Anwalt der Moderne (Saariaho,
Lutoslawski ...) auftritt.