Israel zwischen Judentum und Demokratie

Blog | Andreas Hackl, 5. August 2011, 16:13
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    foto: apa/epa/safadi

    Die israelische Flagge ist einem blau-weißen, jüdischen Gebetsschal nachempfunden. In der Mitte sieht man den Davidsstern, der schon im Spätmittelalter als jüdisches Symbol auf Amuletten verwendet wurde.

Ein neuer Gesetzesentwurf will den jüdischen Charakter des Staates im Zweifelsfall über die Demokratie stellen - Arabisch soll als offizielle Landessprache wegfallen

Am 17. März 1992 hat das israelische Parlament ein Gesetz verabschiedet, dass „menschliche Würde und Freiheit" beschützen soll und die Werte Israels als einen „jüdischen und demokratischen Staat" festlegt. Jetzt sollen die Grundpfeiler dieser Definition geändert werden. Diese Woche haben 40 Abgeordnete der Knesset, des israelischen Parlaments, einen neuen Vorschlag für ein Grundrecht eingebracht, dass dort dem jüdischen Charakter Vorrang geben soll, wo ihm die Demokratie widerspricht. Der Entwurf wurde von drei Abgeordneten der Parteien Kadima, Likud und Yisrael Beitenu angeregt.

Eine der vorgesehenen Änderungen ist die Einführung von Hebräisch als einzige offizielle Sprache. Damit wäre Arabisch, die Muttersprache von 1,5 Millionen israelischen Staatsbürgern, keine Landessprache mehr. Daneben soll auch das jüdische Recht als Quelle für Entscheidungen herangezogen werden können, „wenn die Anwendung der nationalen Gesetze zu keiner Lösung führt."

Die Synthese zwischen jüdischem Erbe und demokratischem Anspruch ist ein schwieriger Balanceakt. Denn Gleichberechtigung ist im multikulturellen Staat Israel nicht leicht mit dem Anspruch zu verbinden, dass die Bevölkerungsmehrheit auf Dauer jüdisch bleibt. Die sogenannte Ein-Staaten-Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ist für Israel unter anderem deswegen inakzeptabel, weil in einem einzigen Staat höhere Geburtenraten Palästinenser bald zur Mehrheit machen würden. Auch in Fragen der Einwanderungspolitik entlädt sich das jüdisch-demokratische Spannungsfeld immer wieder.
Durch das „natürliche" Rückkehrrecht können alle Juden jederzeit nach Israel einwandern und Staatsbürger werden.

Aber Israel ist auch ein attraktives Einwanderungsland für nicht-jüdische Arbeiter und das Ziel vieler afrikanischer Migranten. Diese wurden in der jüngsten Vergangenheit von israelischen Politikern oft als eine Bedrohung für die jüdische Mehrheit interpretiert. Der Bürgermeister der Stadt Eilat, an der Südspitze Israels, nannte die vermeintliche Untätigkeit gegen Einwanderung „nationalen Selbstmord". Premierminister Netanyahu erklärte 2010 nach einem Kabinettsbeschluss über den Status tausender „illegaler" Migranten, dass diese „eine Bedrohung des jüdisch-demokratischen Charakters Israels darstellen."

Bestimmten Flüchtlingen und Einwanderern wurde in der Vergangenheit auch Amnestie verliehen. Wie im Juni 1977, als 66 vietnamesischen Bootsflüchtlingen die Staatsbürgerschaft angeboten wurde.

Für den ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshof Aharon Barak ist Demokratie durchaus mit dem Anspruch auf einen nationalen jüdischen Charakter vereinbar, „weil unterschiedliche Behandlung von Individuen nicht immer bedeutet, dass sie deswegen auch diskriminiert werden." Israel solle ein jüdischer Staat sein, aber auch ein gerechter. „Nur eine nationale Heimat auf der Basis von Gleichheit und Respekt für den Einzelnen kann auf Dauer fortbestehen", schreibt er.

Die Wahrung des jüdischen Charakters hat für israelische Jugendliche jedenfalls oberste Priorität. Demokratie wird als weniger wichtig eingestuft, wie eine Studie des Macro Center for Political Economics im März herausfand. Nur für 14 Prozent ist Demokratie ein erstrebenswertes "nationales Ziel", die jüdische Identität hingegen für 26 Prozent.

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Dein schönster Traum
20
16.8.2011, 10:24
Israel setzt sich gegen die Islamisierung zur Wehr...

...daran ist nichts falsch.

Es wäre gut, wenn in Europa auch endlich beginnen würden, unsere Menschenrechte und Freiheitswerte über diesen Tolerantismus zu stellen.

Lang lebe Israel!

calvinanek
00
24.8.2011, 14:01

.. gegen die Islamisierung oder die Menschenrechte?

DerSepp
03
Klingt irgendwie analog der

ständig negativ behafteten Definition diverser islamischer Staaten, die Religion/den Islam über die Demokratie stellen wollen.
Kommt Israel deswegen in ähnliche "bashing"-Zwangslagen? Bin schon seehr gespannt.

apep
11
die arabische sprache bekommt sogar einen sonderstatus, so lautet der entwurf. trotzdem ist der entwurf wahnsinn, aber so einfach kann man es sich nicht machen, zu sagen arabisch wäre dann keine landessprache mehr.

typisch rechter tinnef von likud und beiteinu.

erinnert sei an die 120.000 flüchtlinge die israel in den 80er aus äthiopien aufgenommen hat, für ein land mit damals 4,5 millionen einwohner beispiellos. nun bekleiden viele äthiopische juden hohe ämter in israel. unvorstellbar in österreich.

was ich damit sagen will, ich bezweifle, dass die bevölkerung noch lange dem treiben eines likuds zusehen wird. die isralis sind eine offene gesellschaft, auch wenn sie likud wählen. begriffe wie rechts und links sind auf israel schwer übertragbar. es wird der gewählt der mehr sicherheit verspricht, da hat die avoda lange zeit mist gebaut und leider hat der likud so getan, als hätte er ein rezept für sicherheit - hat er aber nicht.

lie to me
 
11
Andere Länder andere Sitten?

Von-wegen dort wie hier wird der Glauben als Argument für Intoleranz eingesetzt.

Traurig oder???

Hossam Hassan
18
Das Absurde an dieser Meldung ist doch folgendes:

Es gibt einen Gesetzesantrag, der - schändlich genug - den jüdischen Charakter des jüdischen Nationalstaats festschreiben will. So weit so schlecht.
Was absurd ist, ist die Tatsache, dass zwei Generationen Isarelkritiker doch immer behauptet haben, Israel wäre bereits so und müsste nicht durch ein Gesetz erst dazu gemacht werden.
Und jetzt gibt es einen Antrag, (der nicht durch gehen wird, aus verschiedenen Gründen), der das schaffen soll, was Israel immer schon gewesen sein muss.
Österreich hat solche Gesetze schon lange und das größte Problem sind zweisprachige Ortstafeln in Kärnten. Come down and relax.

Kilianus
11

Ich verstehe es eher so, dass durch dieses Gesetz sichergestellt werden soll, dass der jüdische Charakter erhalten bleibt. Nicht, dass er so erzeugt werden soll, was meiner Meinung nach sehr wohl so ist. Noch.

Carle
11

eine zweiklassengesellschaft zu etablieren klingt sehr problematisch.

da wären striktere einwanderungsgesetze sicherlich die humanere variante um einen fortbestand der jüdischen kultur auch in demokratischer art und weise gewährleisten zu können.

Gilgamesh
610

Willkommen in der Riege der fundamentalistischen Staaten....

Te Ata
04
Wenn man die passenden Stellen durch "deutsch" ersetzte...

...könnte es direkt ein Stück vom HCS sein.

Was ich auch weiter südlich nicht prickelnd finde.

parpar
75
Willkommen in Teheran... äh Tel Aviv

Offenbar strebt die Regierung Netanyahu eine Normalisierung der Beziehungen zum Iran an und nähert sich schon mal ideologisch und demokratiepolitisch den iranischen Verhältnissen an.

wieso auch nicht
114

Die Unabhängigkeitserklärung erklärt gleichzeitig, dass Israel ein jüdischer Staat ist und dass Glaubensfreiheit herrscht. Das überfordert die platten Standardposter. Jüdisch ist hier eine Nation, genauso wie Jüdisch in der Sowjetunion eine Nation war! In der UdSSR stand das sogar im Pass. Und die Sowjetunion war bei Gott (haha) kein religiöser Staat. Ihr könnt schreiben was ihr wollt, Fakt bleibt Fakt.

Drago+
10

Zugegeben, dass "dem jüdischen Charakter Vorrang geben soll, wo ihm die Demokratie widerspricht" ist, wenn es so stimmt, doch ein bisschen unglücklich. Gerade das moderne Judentum war bis jetzt ein Pfeiler der modernen Demokratie, und derartige Gesetzgebungen wären irgendwie die falsche Richtung, welche die Israelis betreten könnten. Ich hoffe sehr, dass so eine Gesetzgebung oder Verordnung nicht zustande kommt.

Adam Markus
15

Für die rechten Parteien ist dies ein logischer Schritt.

Da sie eine 2 Staaten Lösung ablehnen stellt sich eben die Frage was mit Millionen Palästinensern zu machen ist, wenn sie alle Teil des israelischen Staates werden.

Wenn dieser Staat aber ein konfessionsfreier Rechtsstaat westlichen Typs ist, müssten die Palis ja auch die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen. Um das zu verhindern werden religiöse Gesetze geschaffen und damit die Vorherrschaft des Judentums gesichert.

Hinzu kommen noch die "Reservate" (oder Homelands) für die Palästinenser um nicht alle Palästinenser in Israel aufnehmen zu müssen.

Potator
00
Unsinniges Bestreben

Man kann nur hoffen, dass die Mehrzahl der Abgeordneten in der Knesset dieses dumme und schädliche Gesetz nicht annehmen. Immerhin ist die grosse Mehrheit der Bevölkerung in Israel säkular und demokratisch gesinnt. Nur die Trennung von Staat und Religion garantiert Demokratie. Religiöse Gesetze sind im allgemeinen mit demokratischen Grundrechten (besonders Frauenrechte) nicht vereinbar.

OhGee
00
stimmt. außerdem

ist mit den haredim nicht nur kein staat zu machen, sondern auch kein staat zu finanzieren.

Plato
18
Wenn die Trennung zwischen Religion und Staat nicht konsequent beibehalten wird,

ist das die Basis fuer Diskriminierung, Unruhen, Diktatur und Krieg.
Das galt und gilt fuer alle Staaten der Welt, auch fuer Israel.
Da die Israelis das sicher wissen, ist anzunehmen, diese Entwicklung bewusst in Kauf zu nehmen oder sogar zu wollen.

wieso auch nicht
178

Jüdisch bezieht sich auf eine Nation, nicht eine Religion. Aber es ist ja eine deutsch-österreichische Tradition den Juden zu erklären wer oder was sie sind

Te Ata
31
Ach so. Kritikverbot?

Dann les ich die Kritik halt weiter in haaretz.com.

"Able Danger"
59

Sind Christen dann auch eine Nation?

Dani B.
21

nein

Adam Markus
48

Und wie genau bestimmst du die zugehörigkeit zur jüdischen "Nation". Augenfarbe? Haarfarbe?

In Israel wird es sehr wohl durch die Religion bestimmt, was auch gesetzliche Unterschiede mit sich bringt, so zB das fehlen eines zivilen Eherechts oder die Wehrpflicht.

Das alles ändert nichts aber daran, dass Israel mit diesem Schritt immer näher seine religiös fundamentalistischen Nachbarn herankommt.

Kilianus
11
Durch die Abstammung

Es gibt in Israel Ausnahmeregelungen, zB keine Wehrpflicht für streng Gläubige, aber auch ein nicht-gläubiger Jude ist ein Jude. Das wird durch die Abstammung definiert, und nicht durch die Religion.

OhGee
12
ziviles eherecht

wurde mittlerweile beschlossen. interessanterweise auf vorschlag von lieberman.

Haman Harascha
01
soviel zu "Zivilehe"

http://www.heute-in-israel.com/2010/03/z... esung.html
"Die Ehe eines bekenntnislosen Mannes mit einer bekenntnislosen Frau wird den religiösen Ehen, die vom Rabanut, Kirchen oder Moscheen abgesegnet werden und nur als solche vom Staat anerkannt werden, nun gleichgestellt. "Mischehen" werden in Israel nach wie vor nicht abgeschlossen werden können, sondern im Ausland - Zypern ist "Mekka" für solche Ehen - was dann in Israel aber anerkannt wird."

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