Wie Computersysteme und Spekulanten an der Krisenschraube drehen
An Tagen wie diesen bestimmt der Computer die Schlagzeilen. Dass die Märkte aus Sorge um die Eurozone ins Trudeln geraten, ist zu verstehen. Die Kursstürze der letzten Tage - Buchverluste in Billionenhöhe inklusive - sind es aber nicht.
Nun kann man einwerfen, dass die Märkte per se nicht rational reagieren. Schließlich kann morgen alles anders sein. Für die gegenwärtigen Massenverkäufe an den weltweiten Börsen könnte aber maßgeblich der Computer verantwortlich sein.
Genauer die sogenannte "Stop loss"-Funktion vieler Handelsprogramme. Bei jedem besser sortierten Investmentmanager im Programm, erlaubt sie es dem Anleger, seine Aktien automatisch zu verkaufen, sobald sie unter einen bestimmten Wert fallen. "Stop loss" steht für so viel wie "den Verlust beenden" und sorgt dafür, dass sich bei fallenden Kursen Abwärtstrends zu Abwärtsspiralen entwickeln können.
Nun stellt sich die Frage, ob sich dieser Domino-Effekt rein aus dem Herdenverhalten der Anlegerprofile erklärt. So mancher Experte glaubt daran, schließlich seien im Juli und August viele Privatanleger auf Urlaub und würden auf diese Verkaufsautomatik setzen.
Parallel dazu kommt die "Short-Selling" genannte Anlagetaktik von Spekulanten. Dabei werden Wertpapiere über die Börse verkauft, um sie kurz danach wieder zu erwerben. Mit dieser Strategie kann der Verkäufer von fallenden Aktienkursen profitieren.
Profi-Anleger haben jedenfalls ein Interesse daran, die im Wert gefallenen Titel von realwirtschaftlich hochsoliden Unternehmen wie ThyssenKrupp, Volkswagen oder der Allianz, in einigen Tagen oder Wochen günstig zu kaufen.
Ob sie auch die Finanzkraft haben, durch gezielte Massenverkäufe den Ausgangstrend entscheidend zu verstärken und die Börsen zu Tale rasseln zu lassen, ist nach wie vor umstritten. Eine feine Nase für die Psyche der Marktteilnehmer dürften sie aber haben. (derStandard.at, 5.8.2011)