Studierende, Kupferbergleute und Umweltschützer demonstrieren gegen den in Bedrängnis geratenen Präsidenten Chiles - Drei Jungpolitiker erklären hier die Gründe des Zorns
In der Nacht auf
Freitag brannten in Santiago die Barrikaden. Tausende Studenten demonstrierten
auf der Alameda, der Prachtstraße der chilenischen Hauptstadt, gegen hohe
Studiengebühren und ein insgesamt als unsozial empfundenes Bildungssystem. Das
Innenministerium, das diese Demoroute verboten hatte, warf ihnen tausend Mann
militarisierter Polizei, der Carabineros entgegen, die mit Wasserwerfern, Tränengas
und hoch zu Roß auf die Studenten losgingen. Das Innenministerium berichtete am
Freitag von 874 Verhaftungen unter gewalttätig gewordenen Demonstranten und
sprach von 90 verletzten Polizisten. Unabhängige Medien wie El Mostrador (www.elmostrador.cl) hoben hervor, dass an
etlichen Stellen Santiagos, auch in wohlhabenden Wohnvierteln, Bürgerinnen und
Bürger auf die Straße gegangen seien, um bei der größten Protestwelle seit dem
Ende der Militärdiktatur 1990 ihre Sympathie für die Anliegen der Studierenden
auszudrücken.
Am
Freitagnachmittag haben mich in der Wiener Standard-Redaktion drei chilenische
Jugendliche besucht, um über die verschärfte soziale Lage in Chile zu
berichten. „Soziale Konflikte hat es in Chile auch schon unter der
vorangegangenen Mitte-links-Regierung gegeben,“ sagte César Valenzuela (22),
der derzeitige Vorsitzende der chilenischen Jungsozialisten (JS). 2006 war er
einer der Wortführer der Wochen anhaltenden Schülerdemonstrationen gewesen, die
sich gegen die von der Sozialistin Michelle Bachelet geführte Regierung gewandt
hatten. Die Mittelschüler, die damals in ihren zumeist schwarz-weißen
Schuluniformen demonstrierten, weswegen ihre Aktionen bald als
„Pinguin-Revolution“ bekannt wurden, stießen sich vor allem daran, dass der
Staat im Erziehungswesen, wie es Diktator Augusto Pinochet dekretiert hatte,
nur eine „regulierende Rolle“ für vorrangig private Initiativen spielte.
„Damals brachten
wir als Wortführer 10.000. maximal 15.000 Schülerinnen und Schüler auf die
Straße, heute demonstrieren im Land 200.000 bis 250.000 Personen,“ meint
Carolina Pinto, ebenfalls 22 und JS-Vizepräsidentin.
Laut einer Meinungsumfrage
hat Präsident Sebastián Piñera mit
einer Zustimmung von nur 26 Prozent den schlechtesten Wert seit Wiedererlangung
der Demokratie erreicht. 56 Prozent der Befragten sind mit ihm unzufrieden.
Schon vor einigen Wochen hat, wie ich mich erinnere, ein führender
Oppositionspolitiker in Chile erklärt, dass Piñera sogar weniger populär ist,
als es Pinochet gewesen sei.
„Ja, das hat unser Parteivorsitzender Osvaldo Andrade gesagt“, bestätigte
mir Felipe Jeldres, auch er 22 Jahre alt und internationaler Sekretär der
Jungsozialisten Chiles. Das Trio hatte am der Welttreffen der roten Parteijugend
in Weissenbach am Attersee teilgenommen. Die Teilnehmer am „Iusy World
Festival“ seien stark unter dem Eindruck der beiden Attentate in Norwegen
gestanden, von denen sich das gewalttätigere, massenmörderische, ja gegen ein
Sommerlager der dortigen Jungsozialisten gerichtet hatte. Generell habe es
dort, so Valenzuela, Zustimmung zu Österreichs Kanzler Werner Faymann gegeben,
der bei einer Gedenkkundgebung erklärte, dass man die Ultrarechte einzig mit
demokratischen Methoden bekämpfen werde.
Den jungen Chilenen ist sehr wohl bewusst, dass wenige Jahre vor ihrer
Geburt in diesem südamerikanischen Land rechtsradikale politische Gewalt (von
Foltermilitärs, aber auch in Form der Terrororganisation „Patria y Libertad“)
tobte. Auch jetzt gebe es noch kleine Gruppen wirrer „südamerikanischer
Neonazis“, die auch schon Attacken auf Homosexuelle, auf Prostituierte und auf Bettler
unternommen hätten.
Für sie sei es eine Lehre aus den Geschehnissen in Norwegen und dem
ideologischen Umfeld, dass an der Aufarbeitung der Vergangenheit nichts
„gestrig“ sei. Der Behauptung der politischen Rechten, dass die Demokratie ohnehin
vorhanden ist, sei falsch. „Die Demokratie ist ein Wert, der ständig verteidigt
und perfektioniert werden muss“, meint Jeldres, auch im Hinblick auf die
aktuelle Lage in Chile.
Zu Jahresbeginn 2010 kam mit Sebastián Piñera erstmals seit 1990 wieder
ein prononcierter Rechter ins Präsidentenamt. „Analytiker bezeichneten sein
Team als ,Direktoren und Amigos’“, berichtet Jeldres. Doch etliche der Manager
und persönlichen Freunde Piñeras, die in der Privatwirtschaft zu kommandieren
gewohnt waren, scheiterten am komplexen politischen Geschäft. Piñera sah sich
gezwungen, politische Profis in die Führungspositionen zu holen, und dafür
standen ihm nur die Granden der harten Rechtspartei UDI zur Verfügung. Leute
wie Andrés Chadwick, Pablo Longueira oder Joaquin Lavin, „die Pinochet
verteidigte hatten und die beim Referendum 1989 für dessen Verbleib im Amt
eingetreten waren“ (Jeldres).
„Piñera ist ein Liberaler“, ergänzt César Valenzuela, „in
wirtschaftlichen Fragen, aber ohne Zweifel auch in Fragen der Werte.“ Er hätte
wohl nichts gegen die nun auch in Chile diskutierte Einführung der Homo-Ehe
(dort „matrimonio homoparental“ genannt). Die UDI-Leute seien dagegen
konservativ, erzkatholisch und natürlich dagegen.
Valenzuela vermutet deshalb, dass Piñera bei der chilenischen Bevölkerung
deshalb so sehr in Ungnade gefallen sei, weil sie sein Team nun ungut an die
Zeiten der Diktatur erinnere.
Dazu passt auch die Analyse der drei Jungsozialisten zur Streikbewegung
der Kupferarbeiter, die nach wochenlangen Auseinandersetzungen derzeit zu Ende
geht.
Die Arbeiter der weltgrößten Kupferfirma Codelco, die vor 40 Jahren vom
sozialistischen, 1973 von Pinochet aus dem Amt geputschten Präsidenten Salvador
Allende verstaatlich worden ist, würden nur vordergründig um höhere Gehälter
und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Im Grunde würden sie aber zurecht
fürchten, dass die Regierung das Unternehmen privatisieren könnte. „Nicht nur
die Rechte will das, auch die aus den Sozialisten hervorgegangenen Progresistas
sind für eine teilweise Privatisierung.“ Die Jungsozialisten seinen dagegen
überzeugt, dass der chilenische Staat weiterhin als kompetenter
Kupfer-Unternehmer (der Milliardenerlöse in die Kassen fließen lässt) agieren
soll.
Schon vor den seit Jahren größten Streiks der Kupferarbeiter hatte es in
Chile eine Mobilisierungswelle gegeben. Sie richtete sich gegen „Hidroaysén“
ein Mammutprojekt mit fünf Staudämmen im südlichen Naturwunder von Patagonien. Die
Jungsozialisten stimmen grünbewegten Chilenen zu, die Frevel an der Natur
befürchten. Dort gehe es nicht um elektrische Energie aus Wasserkraft, zitieren
sie eine frühere Umweltministerin. Das sei so, „als ob die Peruaner ein Megaprojekt
in Machu Picchu erreichten würden“. Außerdem gebe es innerhalb der Regierenden
jede Menge an Interessenkonflikten. So hätten Angehörige des Regierungslagers
im großen Stil begonnen, sofort Land in der Nähe der geplanten Kraftwerke
aufzukaufen, um dann den großen Schnitt zu machen. (Vorerst wurden das Projekt
per Gerichtsbeschluss allerdings auf Eis gelegt.)
Kommerzielle Interessen sieht das Jungsozialisten-Trio auch hinter der
Reformunwilligkeit im Bildungswesen.
Studieren ist teuer – mindestens 600 Dollar (420 Euro) im Monat, sagt
Valenzuela. (An einer guten Uni kann man aber auch 1400 Euro im Monat zahlen). Zur
Finanzierung des Studiums nehmen viele Studenten Kredite auf, bis zum Abschluss
kann man sich leicht mit umgerechnet 28.000 Euro verschulden, rechnet Jeldres
vor. Viele Studierende würden aber schon vor dem Abschluss aufgeben und dann
trotzdem Schulden am Hals haben.
Dazu kommen, dass auch die besten Mittelschulen privat geführt werden und
oft teurer als Universitäten sind. Resultat: Den Absolventen der teuren
Privatschulen fällt es leichter, an staatliche Unis zu kommen, die ein sehr
gutes Ausbildungsniveau haben, aber nur die besten Bewerber aufnehmen.
Studierenden aus ärmeren Schichten, die öffentliche Mittelschulen besucht
haben, schaffen die Aufnahme an die öffentlichen Unis zumeist nicht und müssen
auf private Hochschulen ausweichen. (Diese Art der doppelten Bestrafung der
Schwächeren ist auch aus Brasilien bekannt.)
Mittlerweile würden auch Professoren öffentlicher Universitäten und, wie
Carolina Pinto betont, auch einige von privaten Hochschulen, für die Anliegen
der Studierenden Partei ergreifen. „Und auch Eltern demonstrieren,“ sagt sie,
„zur Unterstützung ihrer Söhne und Töchter.“
Große Hoffnung, dass sich unter dieser Regierung an Chiles Bildungssystem
etwas ändert, haben meine drei Besucher aber nicht. Felipe Jeldres: „Die sind
ideologisch sehr hart und glauben blind an den Markt.“