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Aber geht, wenn alles erinnert wird, tatsächlich nichts verloren? Ein Essay. Von Christine Abbt
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Vor Wochen noch waren alle Zeitungen voll mit Berichten über das Erdbeben in Fukushima. Obwohl die Probleme seither nicht abgenommen haben, sind die Ereignisse von Fukushima aus der öffentlichen Aufmerksamkeit bereits fast vollständig verschwunden. Sowohl die Frage, ob die Kühlung der Reaktoren weiterhin gelingt, als auch die Frage, was mit dem hochgiftigen Wasser geschehen soll, das in Tankern auf dem Meer tuckert, ist kaum mehr eine Schlagzeile wert. Angesichts dieser medialen Pflege der Vergesslichkeit könnte man meinen, dass Geschwindigkeit und Beschleunigung, die Merkmale von Moderne und Postmoderne, noch immer unverändert wirken. Die jüngsten Diagnosen von Kulturwissenschaftern, Philosophinnen und Soziologen zeichnen allerdings ein anderes Bild.
Sie besagen, dass sich der Begriff Zeit momentan grundlegend verändert, dass die Zeit der Zeit vorbei ist. Das neue Jahrhundert, so der Tenor, steht nicht mehr im Zeichen des Bewusstseins von Vergänglichkeit und Historizität. Das Insignum der neuen Epoche sind nicht vielfältige Prozesse in Höchstgeschwindigkeit, die das Bewusstsein des Einzelnen überreizen, sondern eine eigentümliche Abwesenheit von Zeit.
Hans Ulrich Gumbrecht spricht in diesem Zusammenhang von einer "breiten Gegenwart". Der Einzelne ist eingeschlossen in ein dichtes Geflecht von Simultaneitäten. Vergangenheit und Zukunft sind nicht mehr Begriffe, mit denen wir unsere Biografie sinnvoll strukturieren. Nichts vergeht mehr, Wichtiges und Unwichtiges sind gleichwertig nebeneinander präsent. Alle Daten und Informationen sind abgespeichert und jederzeit und von überallher abrufbar. Elena Esposito streicht bereits 2002 die Bedeutung der Herausbildung eines "telematischen Gedächtnisses" heraus, das Unmengen an Datenmaterial aufzunehmen vermag und das Memorieren weitgehend übernimmt. Dieses telematische Gedächtnis ermöglicht eine Art von Hypererinnerung, die den Zeichen der Zeit, der Historizität des Erinnerns nicht mehr (oder jedenfalls nur kaum mehr) ausgesetzt ist. Es kommt dem Ideal uneingeschränkter Verfügbarkeit aller Informationen überraschend nah und leistet, was das individuelle und soziale Erinnerungsvermögen weit überfordert. Zum ersten Mal, so hält Viktor Mayer-Schönberger 2010 fest, leben wir in einer Gesellschaft, die mehr erinnert als vergisst. Ist damit nicht gerade das Gegenteil einer vergesslichen Gesellschaft erreicht?
Die Technologie scheint das Problem der Vergesslichkeit zu lösen. Aber geht, wenn alles erinnert wird, tatsächlich nichts vergessen? Ich bezweifle das. Mir scheint im Gegenteil, dass das immense technologische Potenzial der Datenspeicherung die individuelle und soziale Erinnerungsfähigkeit mehr lähmt als fördert. Wenn Erinnern und Vergessen ein sich wechselseitig durchdringendes Zusammenspiel von Ein- und Ausblendungsprozessen ist, wovon ich überzeugt bin, dann geht die vollständige Erinnerung, die uns die Datenträger ermöglichen, eher mit Formen umgreifender Vergesslichkeit einher.
Die Erfahrung des Vergessens
Vergesslichkeit ist dabei nicht vorschnell mit der Erfahrung des Vergessens gleichzusetzen. Im Gegenteil ist es gerade die Erfahrung des Verlierens und des Nicht-mehr-erinnern-Könnens, welche uns im Umgang mit dem telematischen Gedächtnis zunehmend abhanden kommt. Wir sind, denke ich, in einer besonderen Art und Weise vergesslich, weil uns die Erfahrung des Vergessens fehlt. Wo aber die Erfahrung des Vergessens ausbleibt, ist sowohl der Sinn für die Geschichtlichkeit von Wissen reduziert als auch die Kompetenz eingeschränkt, Prioritäten zu setzen. Darüber hinaus mag die gesellschaftliche Wertschätzung für die Leistungen, das Vergangene schöpferisch neu zu gestalten, abnehmen.
In seinem Aufsatz Zum psychischen Mechanismus der Vergesslichkeit beschreibt Sigmund Freud die Qual, die er empfindet, weil ihm ein Name, den er eben noch zu wissen glaubte, entfallen ist. Hätte Freud damals in Orvieto ein iPhone dabeigehabt, die Suche nach dem Namen des Künstlers Signorelli wäre schnell erledigt gewesen. So aber setzt sich ein mentaler Vergegenwärtigungsprozess in Gang, der alle möglichen Details ins Bewusstsein befördert zu Werk, Aussehen und Tätigkeit des Künstlers, dessen Name Freud vergessen hat. Das Bemerken der Wissenslücke, die nicht sofort zu beheben ist, aktiviert eine Vielzahl von Informationen und Inhalten. Nicht zuletzt ist die lange Suche zudem auch die Bedingung für jenes Glücksgefühl, das sich bei Freud einstellt, als ihm ein gebildeter Italiener den gesuchten Namen nach Tagen endlich nennen kann.
Die Erfahrung des Vergessens fördert, folgen wir Freuds Ausführungen, nicht die Vergesslichkeit, sondern stärkt im Gegenteil in hohem Maß die Erinnerungsfähigkeit. Aber nicht nur die Erinnerungsfähigkeit ist von den Erfahrungen des Vergessens abhängig. Manchmal wird uns erst angesichts des Vergessens in aller Intensität der Wert einer Erinnerung bewusst. Nie war mir die Melodie des frei improvisierten Klavierspiels meines verstorbenen Vaters wichtiger als in jenem Moment, als ich bemerkte, dass ich die Melodie nicht mehr erinnern konnte. Zu bemerken, dass ich die Tonfolge, die so manches Mal in der durchaus laienhaften elterlichen Improvisation wiederholt worden war, nicht mehr exakt wiedergeben kann, hat mir ihre Wichtigkeit in aller Deutlichkeit offenbart. Das Vergessene ist als Vergessenes noch wichtiger geworden.
Es ist die Einsicht in die Fragilität des Erinnerns, die den Umgang mit Erinnerung differenziert. In einem Kommentar zur Erzählung Der Spurensucher schreibt Imre Kertész in Bezug auf seinen 1962 unternommenen Besuch im Konzentrationslager Buchenwald: "Ich hatte dabei den Fehler begangen, zu glauben, die Vergangenheit sei wiedererlebbar. Wäre es so gewesen, dann hätte ich die Zeit und das allen auferlegte Gesetz des Lebens besiegt - sicher aber nie einen Roman geschrieben. Denn die Existenzgrundlage des Romans ist ja gerade die 'verlorene Zeit', die Tatsache, dass wir dem Gegenstand unserer Erinnerungen, unserem einstigen Ich in Wirklichkeit nicht wiederbegegnen können. Ich bin als ein Fremder über fremde Schauplätze geirrt, habe weder draußen etwas gefunden noch innen etwas gefühlt. Da begriff ich, was man gemeinhin als Vergänglichkeit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte. Ich verstand, wenn ich gegen mein vergängliches Ich und die ständige Wandelbarkeit der Schauplätze ankämpfen wollte, musste ich mir, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassend, alles von neuem erschaffen." Die Erfahrung der Vergänglichkeit zwingt dazu, dem, was unverzichtbare Bedeutung hat, auch noch für nächste Generationen mit allen Mitteln Ausdruck zu verschaffen.
Die Erfahrung der Lücke
Ich frage mich, was einer Gesellschaft wichtig sein wird, was Kultur noch heißen mag, wenn die Menschen sich nicht mehr schmerzhaft davor fürchten müssen, dass das, was Ihnen wertvoll ist und Identität schafft, in Vergessenheit gerät. Wer bemerkt unter den diagnostizierten Zeichen der Zeitlosigkeit, dass die Erfahrung der Lücke, das Bemerken des Abwesenden, das Bewusstsein um die Grenzen des Zugriffs und die Beschäftigung mit den Formen des Vergessens grundlegende individuelle und gesellschaftspolitische Bedeutung hat? Brian Christian fragt 2011 im Buch The Most Human Human - What Talking With Computers Teaches Us About What It Means To Be Alive nach den Vorzügen des Menschen vor der Maschine. Das Buch ist ein Plädoyer für den Menschen, dessen sprachliche Fähigkeiten jene des Computers in vielerlei Hinsicht übertrumpfen. Die Fähigkeit, das Vergessen festzustellen, und das Vermögen, ob der Lücke Verlust zu empfinden, werden dabei als Kriterien zugunsten des Menschen nicht angeführt. Zu Unrecht. Zu realisieren, dass und was vergessen wird und die damit verbundenen Erfahrungen von Verlust und Schmerz gelten bereits Aristoteles als unverwechselbare Eigenschaften des Menschen. Lange waren sie maßgebend für die Entwicklung unterschiedlichster Kulturen.
Mal sehen, was jetzt kommt. (Christine Abbt, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 6./7. August 2011)
Spuren der Vergangenheit: "Wo die Erfahrung des Vergessens ausbleibt, ist sowohl der Sinn für die Geschichtlichkeit von Wissen reduziert als auch die Kompetenz eingeschränkt, Prioritäten zu setzen. Foto: Florian Sprenger
Christine Abbt studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich. Sie promovierte in Philosophie über das Problem der Sprach- losigkeit. Von 2006 bis 2011 arbeitete sie als Assistentin und Dozentin am Lehrstuhl für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Im Sommersemester 2011 war sie Fellow am Wiener Institut für Kulturelle Forschung (IFK).
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...allerdings fehlt mir etwas die Unterscheidung von Vergesslichkeit und vergessenem Wissen, und für letzteres ist eine Gesellschaft, die erinnert, für mich sehr positiv. Vor allem das Umgehen mit kontextuellem Wissen ist eine spannende Sache.
Teil 1: Shoji Kobayashi
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