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Blockaden lösen
Kommt man ins Behandlungszimmer von Sven Seewald, Allgemeinmediziner an der Bregenzer Kornmarktstraße, fallen drei Dinge auf: die sienarote Wand hinter dem Schreibtisch, die Turnmatte daneben und das lebensgroße Plastikskelett. Letzteres wirkt zwar nicht so fröhlich wie der junge Mediziner, tut aber gute Dienste, wenn es darum geht, zu erklären, wo es am Stützapparat klemmt.
Seewald hat sich auf die Osteopathie spezialisiert, jene Form der Komplementärmedizin, die Bewegungsblockaden aufspürt und löst. Osteopathen arbeiten dabei nicht mit technischem Gerät oder Rezeptblock, sondern mit ihrn Händen. "Der Osteopath hört, sieht, nimmt über die Hände wahr", erklärt der Arzt.
Drei Konzepte stehen ihm zur Verfügung: die strukturelle Osteopathie, die Störungen von Wirbeln und Gelenken, Verspannungen von Muskeln und Sehnen behebt. Die viszerale Osteopathie, mit der innere Organe durch die Mobilisierung verklebter oder vernarbter Gewebe behandelt werden, und schließlich die kraniosakrale Osteopathie. Dieser Technik haftet etwas Geheimnisvolles an, arbeitet sie doch mit einem "primären Atemmechanismus", wie die rhythmischen Bewegungen der Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) und Schädelknochen genannt werden. Dass es neben Kreislauf und Atmung einen weiteren bestimmenden Rhythmus im menschlichen Organismus gibt, will die klassische Medizin nicht wahrhaben.
Skepsis kommt erst recht auf, wenn Osteopathen die Liquorbewegung als "Lebenskraft" bezeichnen. Die Kraft zeigt sich durch rhythmische Bewegungen der Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit in bestimmten Frequenzen zwischen Kopf (Cranium) und Kreuzbein (Sacrum). Krankheiten, Unfälle, physische und psychische Verletzungen können diesen Fluss stören, sagt die Osteopathie und spürt die Blockaden auf. Das geht bei Seewald so: Während der Arzt die "kraniosakrale Achse" genau studiert, steht die Patientin, muss mehrmals hintereinander einen Punkt an der Wand fixieren, die Augen schließen, wieder öffnen. "Listening" oder "Ecoute-Test" nennt sich die erste Erkundung der Verbindung Kopf/Kreuzbein. Gehört wird mit den Händen. "Ich schaue mir Frequenz, Amplitude, Qualität und Symmetrie an", erklärt Seewald. Geschaut wird ebenfalls mit den Händen. Den Großteil der Behandlung verbringt man in Rückenlage. Der Osteopath wechselt mehrmals vom Kopf zum Kreuzbein und wieder zurück. Legt die Hände nicht auf, sondern unter Kopf oder Rücken. Die Finger sind dabei seine Sensoren. Linksseitig spürt er eine Blockade im Bereich des Iliosakralgelenks. Schließlich macht er den Hüftbeuger als Missetäter aus. Der Muskel, der das Gleitlager für die linke Niere und den absteigenden Dickdarm bildet, sei verspannt.
Messgerät Fingerkuppe
Wie er nun diesen sagenhaften Energiefluss spüre, will die skeptische Patientin wissen. Die sehr subtile Bewegung zu beschreiben falle schwer, sagt der Arzt. Wenn er aber erklärt, wie sein wichtigstes Werkzeug, die Fingerkuppen, funktioniert, verfliegt die Skepsis: "Auf einem Areal von einem Quadratzentimeter befinden sich 100 Druckrezeptoren, die mehrere 10.000 Nervenzellen aktivieren. Die Fingerbeere kann Eindrücktiefen von einem Hundertstelmillimeter wahrnehmen und zwei gleichzeitig gedrückte Punkte in einem Abstand von weniger als fünf Millimeter als zwei getrennte Punkte unterscheiden." Er sei also weder Guru noch Heiler, verstehe sich als Mittel zum Zweck: "Ich stelle Weichen, indem ich Selbstregulationsmechanismen auslöse und sie so lenke, dass sie die bestmögliche Arbeit erbringen."
Während der einstündigen Behandlung ist der Arzt vollkommen konzentriert, gibt nur wenige verbale Anleitungen. Das ist der ruhebedürftigen Patientin recht - sie spürt, wie der Kopf immer tiefer sinkt (was er in Wirklichkeit nicht tut), sich der geplagte Rücken entspannt. Der Hüftbeuger hat dank mobilisierender osteopathischer Techniken losgelassen. Abschließende Kontrolle des kraniosakralen Systems im Liegen, im Sitzen, im Stehen: Die Blockade ist gelöst, die Symmetrie wiederhergestellt.
Für die Existenz eines Rhythmus in der Hirn-Rückenmark-Flüssigkeit, der auf funktionelle Störungen hinweisen kann, fehlen Kritikern die Beweise. "In der evidenzbasierten Medizin wird sehr viel Wert auf Studien gelegt und leider zu wenig auf die Erfahrung des Arztes", sagt Seewald. Er wendet die Kraniosakral-Technik erfolgreich bei Babys und Kindern an, begleitet damit kieferorthopädische Einsätze, sie ist auch Teil vorbeugender Checks, die der Osteopath im Vierteljahresabstand empfiehlt. Den Körper ab und zu für eine Stunde beim Osteopathen abzuliefern sei aber zu wenig, sagt Sven Seewald, denn Beweglichkeit erhalte man sich nur durch Bewegung. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 08.08.2011)
Wissen
Der Fluss vom Cranium zum Sacrum
William Garner Sutherland (1873-1954), ein Student des Osteopathie-Begründers Andrew Taylor Still, beschäftigte sich während des Studiums intensiv mit dem menschlichen Schädel (Cranium). Nach zahlreichen Selbstversuchen und Experimenten kam er zum Schluss, dass die Schädelknochen des Erwachsenen nicht, wie allseits angenommen, starr und unbeweglich sind, sondern sich bei manueller Berührung des Hinterhaupts kleinste rhythmische Bewegungen spüren lassen.
Er entdeckte zudem, dass über den Liquor cerebrospinalis, die Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, eine Verbindung zwischen Kopf (Cranium) und Kreuzbein (Sacrum) besteht. Die von Sutherland entwickelte kraniosakrale Osteopathie geht davon aus, dass durch die manuelle Erkundung dieser Rhythmik der Flüssigkeit Funktionsstörungen "sichtbar" werden.
Durch leichte Berührungen im Kopf- und Kreuzbeinbereich werden Blockaden gelöst. Der freie Fluss löst Selbstheilungsmechanismen aus, Patienten sollen dadurch wieder Energie und Beweglichkeit erlangen.
100 Jahre nach Sutherland verband John E. Upledger die manuelle Behandlung mit psychotherapeutischen Formen und machte die Kraniosakral-Therapie zu einem eigenen Behandlungskonzept. Es sind nun mehrere Konzepte auf dem Markt: die kraniosakrale Osteopathie als Teil der osteopathischen Behandlung, die Kraniosakral-Therapie nach John Upledger und die kraniosakrale Biodynamik, eine meditative Technik zur Aktivierung der "inneren Heilungskraft".
Kraniosakrale Techniken werden bei Tinnitus, chronischen Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, Kieferbeschwerden und zur Begleitung von kieferorthopädischen Eingriffen angewandt, zur Behandlung von Kindern mit chronischen Ohrenentzündungen, Hyperaktivität, Konzentrationsstörungen, bei Säuglingskoliken, Schreibabys.
Kontraindiziert sind akute (Kopf-)Verletzungen, Hirntumore, Aneurysma, frische Schlaganfälle, die ersten zwölf Schwangerschaftswochen. Die Kraniosakral-Behandlung ist umstritten, weil Nachweise ihrer Wirksamkeit durch bildgebende Verfahren und Studien fehlen. (jub)
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Links:
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...im Bezug auf dauerhafte Heilung umlegen, müssten die Gefängnisse voll sein mit "Götter in Weiss".
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Schöne Schei**e, gell?
Immer wieder wird dieser dummdreiste Ausdruck verwendet. Es geht gar nicht um das Wort, das übrigens Anhänger der Homöopathie im 19. Jahrhundert erfunden haben, sondern um das dahinter stehende Phantasiegebäude.
Lange Zeit meinte man, Krankheiten würden durch böse Geister, Dämonen, Götter, Satan höchstselbst, Gestirne etc hervorgerufen.
Erst die moderne Wissenschaften (in der Medizin etwa seit 1850) haben uns gezeigt, dass wir das Produkt der Evolution sind und damit den Naturgesetzen, die von Physik, Chemie und Biologie erforscht werden, unterliegen.
Diese Wissenschaften zeichnen sich vereinfacht durch eine strenge Methode aus, deren Haupteckpunkte Kontrollen sind, um etwa Irrtum, Betrug und Selbstbetrug entgegenzuwirken.
Wer eine Behandlungsmethode, ein Medikament auf den Markt bringt, muss die Wirksamkeit in einem überaus strengen Verfahren belegen.
Für die esoterischen Methoden (Homöo, Schüssler, Astrologie, Handauflegen, Heilsteine schlucken, Nadelstechen, Cranio etc) gilt das nicht. Deren Apologeten behaupten nur; Belege erschöpfen sich in Anekdoten, also Gschichtln vom Hörensagen, veröffentlicht in Vereinsblattln.
Es gibt keine Kontrolle, nur immer wieder Wunderberichte.
Diese Esoteriker und Geschäftsmacher scheuen aber nicht davor zurück, mit dem Finger mit abwertenden Begriffen (pöse Farma etc) auf die Forscher zu zeigen, und gleichzeitig suggerieren sie, dass es auch andere „Medizinen“ gäbe. Genau das ist es, was sie mit dem abwertenden Begriff „Schulmedizin“ wollen, die seriöse Medizin als nur einen Zweig anzuerkennen.
Sollen Sie, aber dann bitte mögen sie auch forschen. Und zwar nicht im dem Sinne, ihre eigenen Methode als die Wundermethode zu sehen, sondern forschen bedeutet, die eigenen Fehler aufzudecken.
Also bei struktureller und viszeraler Osteopathie kann ich mir vorstellen, dass jemand, der sich mit der Anatomie des Menschen auskennt, Schmerzen und Verspannungen beseitigt. Schön, wenn das geplagten Menschen hilft.
Aber das Konzept der kraniosakralen Therapie ist ein Scherz, leider ein schlechter, zumal in den Händen von medizinisch völlig unqualifizierten midlifecrisis-"Ich werde jetzt auch EnergetikerIn"-Laien, die z.B. einen der schwindligen WIFI-Lehrgänge zum Kraniosakral-irgendwas-Practitioner absolvieren, um dann zahlenden Klienten oder wehrlosen Babys die Hände aufzulegen, zwecks Heilung vom "Geburtstrauma" oder sonstiger leider nie näher bestimmter "Blockaden".
(Dieser Wildwuchs an Blabla-Therapien schadet ganz sicher den qualifizi
unkritischer artikel, würde sich wunderbar im bunten teil der sonntagskrone machen. schön auch, dass gegen objektive wissenschaftliche studien auf der einen seite die autorität des arztes ("In der evidenzbasierten Medizin wird sehr viel Wert auf Studien gelegt und leider zu wenig auf die Erfahrung des Arztes") und auf der anderen die eigene erfahrung aufgeboten wird (dieses trotzige "...aber mir hat es geholfen!"). soll jeder machen was sie/er will, wenn aber die abstrusesten sachen behauptet werden, wie "energiefluss, primärer Atemmechanismus....", dann sollte man sich über gegenwind von weniger naiven und autoritätshörigen menschen nicht allzu sehr wundern.
Schulmedizinische Diagnose erstmals mit 13 Jahren durch bildgebende Verfahren und im Laufe der Jahre 4 Orthäpäden: beidseitige angeborene massive Hüftdysplasie,
Behandlung über ca.15 Jahre: leichte Physiotherapie, körperliche Schonung, Schmerzmittel, angeraten wurde dringend ein Berufswechsel, weil ich eine anstrengende bewegungsintensive Arbeit habe. Mit knapp 30 wurde mir dringend eine Operation angeraten, konnte zeitweise kaum noch gehen.
Dann Osteopathie und weiterführend noch so eine ESO-Bewegungsmethode. ich bin seit ca. 10 Jahren praktisch schmerzfrei, betreibe recht intensiv Sport und arbeite mit Freude in meinem Beruf. Meine noch immer regelmäßigen schulmedizinischen Hüftbefunde werden besser!
==> Es ist mir egal, ob anerkannt o
... sind in Foren nicht überprüfbar, also sinnlos.
Oder anders:
ICH war bei 5 Orthopäden, 16 Jahre lang ..., dann Osteo und ich wurde NICHT geheilt. Was jetzt?
Anm.: ich war tatsächlich in osteopathischer Behandlung, war völlig für die Katz.
Es gibt übrigens keine Schulmedizin, so wenig wie es eine Schulgeschichte oder eine Schulphysik gibt. Dieser Ausdruck ist peinlicher Dummschwatz.
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