Afrikanische Union verschiebt Geberkonferenz, unterdessen sterben immer mehr Menschen
Addis Abeba/Nairobi - Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika droht sich weiter auszubreiten. In Somalia haben die Vereinten Nationen inzwischen in fünf Regionen eine Hungersnot ausgerufen. "Wir fürchten, dass sich diese Situation noch auf andere Landesteile ausweiten wird", sagte der neue Direktor des Welternährungsprogramms in Äthiopien (WFP), Abdou Dieng, am Donnerstag in Addis Abeba.
Nach Auffassung der UNO gibt es allerdings Wege, sich besser auf künftige Dürrezeiten vorzubereiten. Regierungen vor Ort und die internationale Gemeinschaft müssten mehr in Nahrungsreserven und Wassermanagement investieren, sagte Dieng. Nur mit dem Aufbau von "Sicherheitsnetzen" könne Lebensmittelknappheit verhindert werden.
Geberkonfernz auf Ende August vertagt
Die Afrikanische Union (AU) kündigte für den 25. August eine Geberkonferenz in Addis Abeba an. Das ursprünglich für kommenden Dienstag anberaumte Treffen war offensichtlich zu kurzfristig geplant worden. Eingeladen sind Vertreter aus der Privatwirtschaft, humanitäre Organisationen und AU-Partner. "Die Afrikanische Union hat ihre Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, Ressourcen zu mobilisieren, um umgehend auf die Situation zu antworten und Leben am Horn von Afrika zu retten", hieß es.
Mit der Konferenz in der Hauptstadt Äthiopiens reagiert die AU auf Kritik, die afrikanischen Länder seien angesichts der Krise weitgehend untätig geblieben. Die Staatengemeinschaft hat bisher nur 500.000 Dollar (knapp 350.000 Euro) für die Hungernden gespendet.
Somalia hat keine "Sicherheitsnetze"
Insgesamt sind nach UN-Angaben zwölf Millionen Menschen in Ostafrika von der schlimmsten Dürre seit 60 Jahren betroffen. Äthiopien und Kenia sind nach Einschätzung des WFP bisher weniger schlimm von den Folgen der Dürre betroffen als Somalia, weil die politische Lage in beiden Ländern stabiler ist. Äthiopien hat zudem bereits in den vergangenen Jahren damit begonnen, "Sicherheitsnetze" mit Nahrungsmittelreserven aufzubauen. Diese reichten aber nicht aus, um der derzeitigen Krise zu begegnen, so Dieng.
"Es gibt Nahrungsreserven im Land, aber sie sind mittlerweile fast aufgebraucht", erklärte der Senegalese. Dennoch erwartet er nicht, dass in Äthiopien oder Kenia in absehbarer Zeit offiziell eine Hungersnot ausgerufen werden muss. In Somalia werde sich die Situation aber voraussichtlich weiter verschlimmern.
Klimaforscher spricht von Versagen und Ignoranz
Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif warf der internationalen Gemeinschaft Versagen und Ignoranz im Umgang mit der Hungerkatastrophe vor. Die Dürre in der Region sei seit über einem Jahr absehbar gewesen, sagte der Wissenschafter am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel dem "Flensburger Tageblatt" (Freitag). Regierungen in aller Welt hätten Zugriff auf die entsprechenden Daten gehabt. Nur gehandelt worden sei nicht.
Die UNO hatte am Mittwoch in drei weiteren Regionen Somalias eine Hungersnot ausgerufen, darunter die Hauptstadt Mogadischu, in die immer mehr Hungernde aus anderen Landesteilen fliehen.
Unicef stockt Hilfe auf
Das Kinderhilfswerk Unicef stockt seine Hilfen für hungernde somalische Kinder in den kenianischen Flüchtlingscamps weiter auf. Fast die Hälfte aller Kinder sei beim Eintreffen in den Dadaab-Lagern unterernährt, teilte die Organisation am Freitag mit. "Berichte von Kindern, die auf dem Weg oder kurz nach Erreichen der Camps sterben, sind beunruhigend häufig", hieß es.
Die lebensrettenden Maßnahmen umfassten unter anderem Lebensmittel, medizinische Versorgung, Wasser und Sanitäreinrichtungen. Etwa 80 Prozent der 1.300 Somalier, die täglich im Durchschnitt die Lager erreichten, seien Frauen und Kinder.
29.000 Kinder in Somalia verhungert
Unicef arbeitet auch mit Partnern an Ort und Stelle zusammen, um im Grenzort Liboi Ernährungszentren zur Erstversorgung einzurichten. "Viele somalische Familien, die in Liboi die Grenze nach Kenia überqueren, wissen nicht, dass sie weitere 100 Kilometer laufen müssen, um die Dadaab-Camps zu erreichen", sagte Olivia Yambi von Unicef. Der Gesundheitszustand vieler Kinder sei dabei so prekär, dass sie Soforthilfe brauchten: "Sie können nicht warten, bis sie in Dadaab behandelt werden."
Mittlerweile leben über 400.000 Menschen im größten Flüchtlingscamp der Welt. Zahlenmäßig seien die Lager damit die drittgrößte Stadt Kenias.
Am schlimmsten bleibt die Situation aber nach wie vor in Somalia selbst. Der arabische Sender Al-Jazeera zitierte US-Regierungsbeauftragte, wonach allein in den vergangenen 90 Tagen 29.000 Kinder in dem Bürgerkriegsland verhungert sind. Kurz zuvor hatten die Vereinten Nationen in drei weiteren somalischen Regionen offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Damit wurden mittlerweile fünf Regionen zu Hungerzonen erklärt. (APA)