Medienpolitik

Ungarn – Testfall für die EU

Leser-Kommentar | 9. August 2011, 11:19

Seine Mediengesetze haben Ungarns Premier Orban den Auftakt der EU Ratspräsidentschaft gründlich verhagelt und Schlagzeilen quer durch Europa bestimmt. Viel Aufregung um eine politische Petitesse - oder doch eher ein Missverständnis?

Gar von einem Vertragsverletzungsverfahren war die Rede. Doch dann sollte plötzlich alles gut sein, wenn man den Beteiligten in Budapest und Brüssel glauben darf. Während man sich hinter den Kulissen der internationalen Bühne rasch und wohl mehr oder weniger sanft auf kosmetische Korrekturen verständigte, verkündete der Regierungschef ins eigene Land hinein die selbstbewusste Botschaft, man habe die dreiste ausländische Einmischung abgewehrt und damit die nationale Ehre gewahrt. Beobachter reiben sich dabei verwundert die Augen. Viel Aufregung um eine politische Petitesse - oder doch eher ein Missverständnis?

Frage der Zuständigkeit

Der grundlegende Fehler bestand schon in der Hoffnung, die EU Kommission werde im Rahmen einer Überprüfung der Gesetze grundsätzliche Antworten auf die Frage liefern, inwieweit das medienpolitische Regime der ungarischen Regierung eine pluralistische und freie Medienlandschaft eher ermöglicht oder einschränkt.

Nach geltenden Verträgen ist die Brüsseler Bürokratie nämlich gar nicht zuständig, da die Ordnung und Organisation der Medien allein in der Kompetenz ihrer Mitgliedsstaaten fällt. Nur in einem kleinen, klar definierten Ausschnitt des Beihilfe- und Wettbewerbsrechts darf die EU aktiv eingreifen und deshalb kann es auch kaum verwundern, dass die entsprechenden medienrelevanten Direktiven auf diesen sehr engen, rein industriepolitischen Fokus beschränkt bleiben. Vor diesem Hintergrund muss die erfolgte Prüfung und folgende Justierung der ungarischen Gesetze bewertet werden. Mit anderen Worten: auch wenn diese mit dem offiziellen Placet der Kommission versehen als EU-konform gelten dürfen, bedeutet das für die eigentlich entscheidende Kernfrage rein gar nichts - nämlich: wie ist es um die Medienfreiheit in Ungarn oder anderswo tatsächlich und in Zukunft bestellt?

Enger fachlicher Fokus

Das bleibt, objektiv betrachtet, offen und daran ändert auch das Prüfergebnis der Brüsseler Experten nichts. Hätten sie die Mediengesetze von Kuba, Tunesien oder Russland vorgelegt bekommen, wäre das Ergebnis vermutlich ähnlich ausgefallen. Mit einigen technischen Änderungen würden wohl auch sie unbeanstandet bleiben. Das liegt zum einen am engen fachlichen Fokus, aber natürlich auch daran, dass ein formaler Rechtsrahmen zwar niemals schadet, aber noch lange keine Gewähr für ein bestimmtes Ergebnis bietet. Ein und dieselbe Norm kann in verschiedenen Ländern und Kulturen völlig unterschiedlich ausgelegt, gelebt und angewendet werden.
Das gilt leider auch für die eigentlich universell geltenden Grundrechte, deren Wahrung immer wieder als Wesenskern der Europäischen Union beschworen wird. Auch daraufhin sollten die ungarischen Mediengesetze ja überprüft werden, was schon vom Ansatz her relativ naiv anmutet, denn Grundrechte werden in den seltensten Fällen auf der Ebene nationaler Gesetzgebung eingeschränkt, sondern - und das zeigt die Praxis des Straßburger Gerichtshofes - meist in konkreten Einzelfällen der Auslegung, Anwendung oder eben auch Verletzung.

Weiterhin im Fokus der EU-Kommission

Und so gelobt die EU-Kommission nun, die Wirkung der neuen Mediengesetze in Ungarn weiterhin zu beobachten. Bis jedoch negative Folgen tatsächlich gerichtsverwertbar eingetreten sind und dann gegebenenfalls geahndet werden, vergeht im schnellsten Fall mehr als eine Legislaturperiode. Und so überrascht es auch nicht, dass sich die Ungarische Regierung erst einmal als Sieger fühlen darf - und auch so aufführt.

Warum die EU gleichzeitig als Verlierer dasteht, ergibt sich nicht nur aus der mangelnden fachlichen
Zuständigkeit. Denn das politische Versteckspiel namens Subsidiarität, also welche Kompetenz auf welcher Entscheidungsebene angesiedelt ist, bedeutet in der Realpolitik nur eine Chiffre für politischen Willen - oder eben einen Mangel daran. Am Beispiel der ungarischen Mediengesetze lässt sich das beispielhaft zeigen.

Enger Prüfauftrag als Selbstbeschränkung

Das letztlich überprüfte Gesetz ist nur eines aus einem halben Dutzend, das in rascher Folge seit dem Regierungswechsel in Budapest verabschiedet wurde und in Gänze die neue, sogenannte "Medienverfassung" ausmacht. Die fachliche Kritik, allen voran die der OSZE schon im Spätsommer des vergangenen Jahres, richtete sich denn auch gegen die Gesamtheit dieser Reform und insbesondere das Zusammenspiel der einzelnen Elemente. Die EU Kommission jedoch hat sich ohne offensichtlichen Grund dagegen entschieden, das ganze Bild zu betrachten und sich mit einem engen Prüfauftrag selbst beschränkt. Andernfalls wäre zum Beispiel aufgefallen, dass durch eine effektive Zerschlagung der öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn gerade das Duale System und
damit ein Eckpfeiler der europäischen Medienordnung geschliffen wird. Diese grundsätzliche Abkehr der ungarischen Regierung von entsprechenden Standards, von ihr selbst vehement bestritten und von Kritikern wiederholt behauptet, bedarf natürlich der formellen Feststellung und auch dabei beschränken sich die Brüsseler Beamten ohne Not selbst. Denn dass die ungarische Lösung zwischen dem zu engen Fokus der EU-Direktiven und dem viel zu weiten Rahmen der Menschenrechte quasi hindurchrutscht, war möglicherweise schon vorher absehbar. Aber dazwischen rangieren noch die sehr spezifischen und völkerrechtlich ebenso verbindlichen Konventionen des Europarats. Sie bei der Bewertung heranzuziehen, wäre nicht nur ohne weiteres möglich, sondern geradezu geboten gewesen. Dass dies offenbar nicht geschah, kann sicher nicht mit einem fehlenden Wissen um diese Standards entschuldigt werden.

Falsche Tatsachen

Und schließlich muss sich die Kommission noch Gutgläubigkeit vorwerfen lassen. Wenn ein ungarischer Minister, nur wenige Meter von der zuständigen EU-Kommissarin entfernt sitzend, in einer öffentlichen Anhörung falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt, dann sollte das auffallen und in die Bewertung einbezogen werden. Die Aussage nämlich, wonach die im Rahmen der neuen „Medienverfassung" auf 49 (in Worten: neunundvierzig) Mitarbeiter reduzierten öffentlich-rechtlichen Sender in Ungarn selbstverständlich finanziell und redaktionell völlig unabhängig agieren könnten, lässt sich objektiv widerlegen. Das gleiche gilt für die Behauptung, wonach den
Gesetzen eine ausführliche Konsultation der Fachöffentlichkeit vorausgegangen sei - was nachweislich nicht geschah.

Auch wenn es alle Beteiligten nur allzu gern so sehen mögen, die Affäre ist mitnichten vom Tisch. Die Frage nach der medienpolitischen Zielrichtung der ungarischen Regierung bleibt auch nach dem Brüsseler Votum unbeantwortet und die marginalen Änderungen tangieren den Kern der professionellen Kritik nicht auch nur annähernd. Doch dabei geht es gar nicht nur um Ungarn und nicht nur um Medienpolitik. Völlig unabhängig vom konkreten Fall und dessen objektiver Einschätzung lässt allein das Brüsseler Verfahren tief blicken, demaskiert sich die EU-Kommission an dieser Stelle doch unfreiwillig selbst. Während ihre technokratischen und rein industriepolitischen Reflexe zum Schutz des Binnenmarktes nach wie vor verlässlich zuschnappen, bleibt sie als Hüterin der oft gepriesenen europäischen Wertegemeinschaft weiterhin zahnlos - und zwar, und das ist das Erschreckende an diesem Beispiel, mangels politischem Willen in voller Absicht. (Leser-Kommentar, Olaf Steenfadt, derStandard.at, 9.8.2011)

Autor

Olaf Steenfadt ist Medienexperte und Strategieberater

Kommentar posten
18 Postings
gemeinsam
33
10.8.2011, 09:14
machen sie sich ein bild

ungarn ist auf dem weg zu einer faschistischen diktatur und offensichtlich wollen viele diesen mitgehen.

http://www.pesterlloyd.net/index.html

Bertel Mann
01
10.8.2011, 07:18
Erschreckend ist es - aber nicht überraschend

Und genau wegen dieser latenten Demokratiefeindlichkeit der EU ist eine EU-"Wirtschaftsregierung", wie sie momentan von manchen gefordert wird, abzulehnen.

Alexander Patjomkin
133
Ungarn wird wegen seinem Mut zur Suverinität beneidet..

Alles andere ist Quatsch...

Adam Markus
01
10.8.2011, 18:23

Mit so einem Namen solltest du dich beim Orbán bewerben, der braucht eh dringend Baumeister für sein "Neues Ungarn".

Allmächtiger Satan
62

Warum über Ungarn schreiben, wenn man den ORF im eigenen Haus hat?

##V+##
36
10.8.2011, 08:45
Weil der Vergleich ungefähr so lächerlich ist wie das Dorf der Schlümpfe mit dem Kreml gleich zu setzen.

Orbán baut einen Staat mitten in Europa zu einer autoritären Diktatur um, und Sie reden vom ORF des Faynachtsmännchens?

Reality Check galore.

Marcus Maccabaeus
63
Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!

oder: wer über den Libyenkrieg ständig lügt, soll sich nicht über behauptete Zensur anderswo aufregen!

Bagolyvár
122
Ist Frau Lauer nicht informiert?

Statt dem Bla-bla, die EU sei doch nicht zuständig in Sachen Mediengesetze, hätte mich mehr interessiert, warum standard, ORF, APA sich beharrlich über die Tatsache, ausschweigen, dass in Ungarn Dokumente gefunden worden sind, in den es feststeht, Lendvai hatte unter dem Kodenamen Michael Cole für den ungarische Geheimdienst gearbeitet.

gemeinsam
22
10.8.2011, 09:19
wenn das in ihrem sinn ist

was derzeit in ungarn abläuft, dann sind ihre grundwerte nicht die europäischen demokratie. und jede diskussion mit ihnen entberhrlich. sie wollen offensichtlich einen autoritären, faschistischen staat. ihre gefälschten "dokumente" kennen wir.

Bagolyvár
00
29.8.2011, 09:54
Sie irren sich!

ich habe noch nie Dokumente gefälscht! Sie wissen doch, dass solcherart Verleumdungen strafbar sind!!!

Gilgamesch
112

... und selbst wenn es so wäre. was hat das eine mit dem anderen zu tun? ungarns regierung will china-verhältnisse schaffen, aber ihnen ist nur wichtig, davon abzulenken. schämen sie sich!

Adam Markus
00
10.8.2011, 18:25

China? Nein Orbán will soetwas wie Burma oder Simbabwe errichten. Nur leider gibt's in Ungarn keine Diamantenfelder.

F.B.R.
110
Ja, die Orbanschen

Drucker drucken zurzeit viele "echte" Dokumente aus den 60ern und 70ern.

Und die superdoofen Anhänger glauben Orban jedes Wort.

Bagolyvár
60
Lesen Sie selber

http://hungarianvoice.wordpress.com/2011/08/0... hael-cole/

die Beweise für Ihre Behauptung fehlen allerdings noch.

Poldi Fesch
13

Ups… woher hast du diesen Link?

Der Server konnte nicht finden, wonach Du gesucht hast!

Der Server hat alle seine Möglichkeiten durchgespielt, bevor er diese Seite zurücklieferte.

Bagolyvár
60
Natürlich aus dem Internet

Noch einmal:

http://hungarianvoice.wordpress.com/2011/08/0... hael-cole/

Wenn es nicht funktioniert:
Deckname: Michael Cole eingeben!

Poldi Fesch
00
10.8.2011, 00:20
;)) danke

wird interessant, wie das endet. Ich taet halt vom Ausland aus senden

Adolf Ogi
01
10.8.2011, 10:34
Kreisky-Kadar-Diplomatie

bei all den Anschuldigungen und Halbwahrheiten die da im ungarischen Blätterwald kursieren, könnte ja Österreich ein bisschen Licht in die Angelegenheit bringen, indem die damaligen österreichischen Geheimdokumente veröffentlicht werden. Schlummern die alle noch in den Archiven?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.