Keine Genehmigung

Proteste für bessere Bildung in Chile: Mehr als 550 Festnahmen

5. August 2011, 06:46

Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vor

Bei neuen Protesten gegen Mängel im Bildungswesen sind in Chile mehr als 550 Menschen festgenommen worden. Schwerpunkt der Demonstrationen am Donnerstag war die Hauptstadt Santiago de Chile, wo die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Hunderte Studenten, Schüler und Lehrer vorging. Die Demonstranten besetzten kurzzeitig einen Fernsehsender.

Das Innenministerium erklärte, dass bei den Protesten landesweit 552 Menschen festgenommen worden seien, die große Mehrheit von ihnen in Santiago de Chile. An mehreren Orten in der Hauptstadt errichteten Demonstranten Straßensperren und setzten Barrikaden in Brand. Auf dem zentralen Plaza Italia versammelten sich rund 5.000 Demonstranten, die von den Sicherheitskräften vertrieben wurden. Dem Innenministerium zufolge wurden 29 Polizisten verletzt. Verletzte Zivilisten soll es den offiziellen Angaben zufolge nicht gegeben haben.

TV-Sender besetzt

Rund 200 Demonstranten stürmten das Gebäude des TV-Senders Chilevision, wie Journalisten des Senders berichteten. Erst als eine Botschaft mit ihrem Anliegen ausgestrahlt worden sei, hätten sie den Sender wieder verlassen.

In Chile protestieren Schüler, Lehrer und Studenten seit Monaten für eine stärkere finanzielle Beteiligung des Staates an der Bildung sowie für eine bessere Ausstattung der staatlichen Schulen. Für Donnerstag waren eigentlich ein landesweiter Streik und zwei Protestmärsche geplant. Innenminister Rodrigo Hinzpeter erklärte jedoch, die Regierung habe keine Genehmigung für die Demonstrationen erteilt. Bereits im Juli waren bei Ausschreitungen am Rande der Proteste Dutzende Polizisten verletzt und mehr als 50 Demonstranten festgenommen worden. (APA)

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BürgerInnen protestieren für mehr und bessere Bildung von ihrer Regierung

und werden dafür vom Staatsapparat geprügelt, mit Wasserfern vertrieben und eingesperrt.
Verrückte Welt!

Ernst Guevara
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weiss jemand

ob die gegenwärtigen proteste vergleichbar sind mit der massenbewegung für eine bildungsreform von 2006? was ist ähnlich, was ist heute anders? sind es immer noch die gleichen forderungen oder gibt es neue forderungen? ist die unzufriedenheit und der protest inzwischen breiter geworden oder demonstrieren vor allem die schüler und studis? alles wichtige fragen zum verständnis, die die APA nicht einmal ansatzweise beantwortet. nicht dass es mich wundern würde, schliesslich steht das "P" in "APA" für "Propaganda".

Andrés Landsberger
 
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Ich war vor Ort!

Erstmal als Antwort auf die Frage von Ernst:
Um es lapidar auszudrücken, das hier ist die Weiterentwicklung der Bildungsproteste von 2006 - viele der damaligen "Secundarios" sind heute Studenten und fühlen, zu recht, dass sie 2006 betrogen wurden. Diese Bldungsreform war nichts weiter als aine Schönheitskorrektur, wo eine grundlegende Reform notwendig war.

Die heutigen Forderungen sind, u.a.: Kostenlose Bildung, verstaatlichung der Schulen, welche unter Pinochet an die Komunen abgegeben wurden, und "Verfassungsgebende Versammlung" um um eine neue Verfassung zu erstellen.

Was die Proteste gestern anbelangt, so war ich sowohl am Morgen als am Nachmittag vor Ort, und die Brutalität der Polizei war erschreckend.
Keine Verletzten? Wer's glaubt

Animation
 
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sobald die polizei vor ort ist gibts fast immer (...keine...) verletzten, in wien kein bisschen anders.

Ernst Guevara
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schönes video

habe ich hier auch schon öfter gepostet ;)
am genialsten finde ich die szene mit den fischern, die mit ihren holzstangen die polizei zurückdrängen. sieht man leider viel zu selten, dass die bewaffnete staatsmacht in die defensive gerät.

übrigens auch besonders sehenswert, von derselben hiphop-band (subverso/conspirazion):
http://www.youtube.com/watch?v=TLZwfS9fPbo

mit bildern von der revolte der pinguine im jahre 2006. das mädchen zu beginn ist die schülerin maria musica sepulveda. sie versuchte damals mit der erziehungsministerin monica jimenez ins gespräch über eine bildungsreform zu kommen und hat sie mit einer kanne kaltem wasser überschüttet, nachdem sie von ihr beharrlich ignoriert wurde. torte statt worte also auch in chile! :)

silverfinger
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16.8.2011, 11:15

muss man aber aufpassen - da wird man gleich zum terroristen (siehe england wo einer einem anderen eine torte geklatscht hat)

Ernst Guevara
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anscheinend müssen die chilenischen sicherheitskräfte beweisen, dass der geist der pinochet-diktatur weiter in den institutionen vor sich hin west.

aber ihr braucht nix zu beweisen, jeder, der hinschaut, weiss schon längst, dass gerade unter dem pinochet-fan pinera die unterdrückung der andersdenkenden fröhliche urständ feiert. hunderte festnahmen waren nach dem 9-11 von 1973 die regel und sie sind heute immer noch die regel. in der demokratie sind die chilenen leider noch immer nicht angekommen. aber zumindest leistet die rebellion der pinguine einen wichtigen beitrag, mal schauen, ob die proteste noch allgemeiner und heftiger werden.

Chile: Aufstand der Pinguine geht in die nächste Runde
http://www.oneworld.at/start.asp?ID=223459
Chile: Extreme Rechte steuert auf Präsidentschaft zu
http://www.oneworld.at/start.asp?ID=231529

-apropos:
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danke fuer die links aber ich glaube Chile ist sehr wohl jetzt ein demokratisches Land, nicht zu vergleichen mit der Vergangenheit.

Ernst Guevara
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okay, dann muss ich meinen standpunkt konkretisieren

ich denke, dass chile heute eine eingeschränkte real existierende Demokratie mit autoritären strukturen und restbeständen aus der diktatur ist. es wird heute in chile gewählt, ja, insofern hat sich die situation gegenüber 1973 ff verbessert. aber: der spielraum für demokratische politik und für dissidenten, vor allem auf der linken seite des spektrums, ist sehr eng. soziale bewegungen wie die aktuelle für eine bildungsreform, die mapuche oder die ökobewegung werden massiv eingeschüchtert und unterdrückt. der staat hört nicht zu, was die menschen wollen, und hetzt lieber seine bewaffneten kettenhunde auf die strasse. auch auf der institutionellen ebene (zb wahlrecht) werden die konservativen und faschisten in chile strukturell privilegiert.

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