Cristina Amaral leitet seit 2003 die Noteinsätze der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO
Hunger ist für Cristina Amaral nicht bloß eine Frage von zu wenig Essen: "Wenn wir im 21. Jahrhundert eine Hungersnot ausrufen müssen, dann sollten wir das als etwas Unmoralisches betrachten", sagte sie vergangene Woche fast gekränkt. Ihre Arbeit gleicht der des Sisyphos, die Katastrophe am Horn von Afrika machte sie zur Kassandra.
Amaral ist Leiterin der Noteinsätze der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno. Fünfmal bat sie seit Herbst 2010 die Staatengemeinschaft um mehr Geld, um eine drohende Hungersnot in Somalia, Kenia und Äthiopien zu verhindern - vergebens. Wie sich das anfühlt? "Gar nicht gut."
Amaral hat Erfahrung mit unguten Situationen. Geboren in Portugal, studierte sie Landwirtschaft in Lissabon, London und Mosambik, 2003 kam sie zur FAO und leitete bereits die Einsätze nach dem Beben in Haiti und der Flut in Pakistan. Die Spender reagierten damals schnell und großzügig: Beides waren plötzliche Katastrophen, nicht schleichende, und sie waren damit leichter zu vermarkten.
"Es funktioniert nur, wenn man die Aufmerksamkeit der Medien hat", sagt sie nüchtern. Eine drohende Hungersnot bringt die aber nicht - dafür braucht es eine, die schon da ist. Für die Menschen aber ist es dann oft zu spät.
Aktueller Einsatz soll Wende bringen
Zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder könnten am Horn von Afrika verhungern, schätzt die FAO - wenn es in den kommenden Wochen nicht gelingt, Bauern mit dürreresistentem Saatgut zu versorgen, sodass sie möglichst bald wieder ernten können, oder die noch lebenden Kühe und Ziegen zu retten.
Der aktuelle Einsatz soll nicht nur Leben retten, sondern eine Wende bringen: Statt nur Geld zu verteilen, soll jeder Noteinsatz gleich mithelfen, dass die Betroffenen möglichst bald nicht mehr abhängig sind von fremder Hilfe. Das alles steht auch schon in einem großen Report der Organisation - aus dem Jahr 2000.
Oft seien das Projekte und Investitionen, die nicht sofort einen Gewinn bringen, sagt Amaral - und daher wenig populär seien bei Geldgebern, lokalen Behörden und Machthabern. Frustriert ist sie von ihrer Arbeit trotzdem nicht. "Es gibt auch in Portugal das Sprichwort 'Der stete Tropfen höhlt den Stein'", sagt sie. Schlimm, wenn sogar der Tropfen versiegt.
Knapp 170 Millionen US-Dollar braucht die FAO, um das Schlimmste zu verhindern. Bekommen hat sie bisher nicht einmal 50. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2011)