Macbeth

Edelsound im Königreich der Konventionen

4. August 2011, 17:13
  • Artikelbild
    vergrößern 600x474
    foto: apa/barbara gindl

    Wenn nicht gerade gemordet wird, herrscht bei Peter Steins Sichtung von "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen trotz Publikumsnähe statisches Gedränge.

Premiere von Verdis "Macbeth" in der Felsenreitschule: Grandiose Sänger und effektvolle Philharmoniker beleben die großteils statische Routineregie von Peter Stein

Salzburg - Es kann ja eine Produktion nicht nah genug "am Text" sein (in der Terminologie von Fans der sehr eng gefassten Werktreue ausgedrückt), als dass nicht doch gut gemeinte Missverständnisse entstünden. Da wird dann in der großteils düster gehaltenen Felsenreitschule plötzlich nach intimsten Momenten musikdramatischer Verdichtung losgeklatscht oder Bravo geschrien. Als ginge es nicht um Macbeth, vielmehr darum, Pointen eines herzigen Verdi-Kabaretts zu feiern.

Solche die Konzentration mäßig fördernden Beweise eines gedämpften Interesses am Wesenskern dieser mörderischen Geschichte haben vor allem Zeljko Lucic (als Macbeth) und Tatiana Serjan (als Lady Macbeth) eigentlich nicht verdient. Lucic gibt den melancholischen Militär mit nobler Stimmpracht, dessen Machthunger nicht die nötigen stressresistenten Nerven zur Seite stehen.

Hier wird das stille Selbstgespräch so kultiviert zelebriert wie der Wahn eindringlich ausgekostet. Markant auch der finale Beweis für doch noch erlernte Seelenkälte, wenn Macbeth den Tod seiner Gattin abtut, als hätte man ihm mitgeteilt, gerade sei irgendeine Ameise zerdrückt worden.

Facettenreich, eindringlich ist dieses musikalische Figurenporträt - trotz gestischer Opernroutine, von der auch Giuseppe Filianoti (etwas unsicher als Macduff), Antonio Poli (gut als Malcolm) und Anna Malavasi (klangschön als Kammerfrau) nicht frei sind.

Die Besessene an Macbeths Seite wirkt natürlich noch dramatischer und intensiver: Als Frau, die den Gatten erst aufstachelnd zum Blutvergießen verführen muss, verfügt Serjan über eine signifikante vokale Bandbreite. Ob souveräne Pianokultur oder Drama - auf jeglicher Ausdrucksebene präsentiert sich die Charakterschilderung hochenergetisch. Beim Hauptpärchen hat Regisseur Peter Stein auch durch Schaffung kleiner, die Figuren umschießender Lichträume für eine Bündelung der Wirkung gesorgt.

Zu diesem "Lichtklang" auch noch jener von Riccardo Muti: Er animiert die Philharmoniker zu einem melancholischen Grundton, der als "Legatogesang" mit den Darsteller atmet oder als mit zurückgenommener Lautstärke zelebrierte Harmonie die Atmosphäre veredelt. Alles ist wohlorganisiert, voll kulinarischer Präsenz und auch in expressiven Momenten frei von kantigen Ideen.

Statisch, pragmatisch

Der Rest ist dann eine szenisch aufgefüllte Felsenreitschule; Stein, der Regiepragmatiker, sucht Unmittelbarkeit durch Nähe zum Publikum zu schaffen. Da spazieren Edelleute oder Geschundene festlich träge oder nur träge durch den Zuschauerraum. Und so wie in Publikumsnähe, so herrscht auf der Bühne bisweilen lähmendes, statisches Gedränge. Immerhin: Bei den Hexen- und der Banquo-Mordszene (solide Dmitry Belosselskiy) kommt Bewegung ins Spiel.

Auf einer leeren mit einem kleinen Hügel ausgestattenen Bühne werden die Chöre zu mobilen Grüngewächsen. Und wenn der dampfende Hexenkessel auftaucht, drängen sich um ihn drei Schauspieler, während die Pflanzen die Gesänge übernehmen und sich einmal zur effektvollen Waldskulptur zusammenklumpen.

Das macht auf leerer Bühne durchaus etwas her, einer Bühne, die mit einer schwarzen Mauer und einer riesigen königlichen Feststafel als Schmuck auskommt (Bühnenbild: Ferdinand Wögerbauer).

Natürlich gibt es am Ende eine ritterliche Fechtschlägerei. Der ORF muss sich jedoch nicht grämen, diesen Abend nicht aufgezeichnet zu haben. Er hat sicher noch Ridley Scotts Königreich der Himmel in Reserve. Mit diesem Kreuzritterspektakel sollte er trösten. Kommt im TV besser als dieses rundum beklatschte Königreich der Konventionen.  (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2011)

6., 9., 12., 16., 19., 22. und 24. 8.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
sloatvie
01
16.8.2011, 18:05

Im Gegensatz zu manch hier Schreibenden war ich wirklich dort .....

Was soll ich sagen ... Muti, Wr. Philharmoniker, zum Teil ein paar grossartige Neuentdeckungen, eine extrem stimmige Regie ...

Ich möchte dieses Ereignis, zumal dass es das letzte Opernereignis unter der Feder von Muti in Salzburg war, nicht missen!!!!! Ein Klangrausch der Superklasse!!!!

Thomas Schulze
10
Bezeichnenderweise

erhält Sciarrinos Macbeth kein einziges Posting, dabei würde ich gerade erwarten, dass sich so satte und versierte Opernkenner aller couleur, wie sie sich unter den Postern hier treffen, auch dafür interessieren, sie sich damit auseinandersetzen( ich kannte es vorher auch nicht...)! - Zumindest die Kritik der NZZ (Hag) hat sich daran gewagt, die beiden in Beziehung zu setzen - sehr guter Artikel und eine sehr schöne (dramaturgische) Idee von Hinterhäuser und ausserdem eine spannende Aufführung.

Alfredo di Stefano
12

Herr Tosic versucht wieder einmal das regietheater als den neuesten sch.. zu verkaufen. dafür interessieren sich doch nur 70 jährige alt-revoluzzer

IchbinIch5
21

Und wie alt sind sie, wenn ich fragen darf? Und wer nie revoltiert hat, sollte halt auch nicht in die Oper gehen, die von Revolution lebt ;-)

sloatvie
00
16.8.2011, 23:45

Die Revolution als einzige Überlebenschance der Oper?

Wenn Sie eine Mischung aus Tradition und Moderne im Sinne des Komponisten zulassen, bin ich bei Ihnen .... !!!

Antagonist1
11
MILLE GRAZIE, ALFREDO

Diese von Ihnen zitierten Alt-Revoluzzer sind ja nur der Abfall einer verstörten Generation - leider reagieren sie sich halt auf der (Opern-)Bühne ab: als Totengräber!

Schicke Schickse
44
"statisch", "konventionell": indikatoren für eine exzellente regie!

soweit man den slang deutschsprachiger opernkritiker kennt.
"statisch" steht für: kein sinnloser, geradezu dämlicher aktionismus, gespeist von lächerlichen regie-"ideen" (schlimmstes beispiel: die grazer konwitschny-"traviata", die zwischen schmiere und expressionistischem stummfilm changierte). sondern: es gibt subtile körpersprache, die sänger können gut singen, weil sie nicht nebenbei noch gymnastik treiben müssen.
"konventionell": die regie bezieht sich wie auch immer auf die autoren und komponisten. aus einer tragödie wird keine plumpe komödie mit deutschen holzhammergags gemacht (wie die bulgarische regie-schülerin das versuchte). sondern bleibt eine tragödie von shakespeare und verdi.
fazit: eine empfehlenswerte inszenierung!

Antagonist1
11
SO IST ES

Sie interpretieren dieses Rezensenten-Deutsch völlig richtig - wäre LT begeistert, müsste man der Aufführung ausweichen, so aber darf man sich freuen, so man noch eine Karte für MACBETH bekommt....

Kontrahent1
01
Wie er die Stille nach Arien

wünscht.- Soviel ich weiß, wurden diese speziell für die Publikumslieblinge komponiert. Da hätte er ja in den 'Figaro' gehen können, wo das großartige 'porgi amor' der Frau Kühmeier, ebenso wir die brillante Briefszene dem Publikum keinen Handschlag wert war. Ich mag Begeisterung nach Bravourarien, wenn sie gut dargebracht werden!

IchbinIch5
32

Ein Bekannter von mir - ein Sänger - hat einmal von einem Regisseur an seinem Opernhaus erzählt, der irgendwann aus Zeitmangel innerhalb zweier Wochen einfach alle Sängerinnen und Sänger in Fundus-Kostüme gesteckt hat und einfach Auf- und Abgänge regelte, mehr nicht. Die Sänger sind dann einfach herumgestanden. Nach der Premiere wurde er für seine "subtile Personenregie" gelobt und als textrreuer Regisseur hochgehalten, der sich eben nich intensiv mit Musik und Text beschäftigt. Das will ich Peter Stein nun wirklich nicht vorwerfen - aber etwas anspruchslos sind die Opernfans ja schon.

Kontrahent1
31
Müssen ja 'großartige' Sänger gewesen sein!

Wenn ich mir vorstelle, was eine Callas für ein Feuerwerk an Gestaltung in ihrem dokumentierten Hamburger KONZERT ablieferte.- Die Verwandlung von Elisabetta zu Carmen, kleine Handbewegungen, welche unerhörte Dramatik auslösten usw.- Ein 'Holländer', welche ich an der Wiener Staatsoper wegen eines technischen defekts der Bühne zwischen schwarzen Vorhängen sah, dokumentierte ganz deutlich, wie überflüssig manche Regisseure sind (Rysanek/Hotter - da braucht man nichts zu sagen!)

IchbinIch5
21

Ja natürlich - und weil alle Sänger wie die Callas sind, sind wir so zufrieden...?!

Kontrahent1
11
Ich erwähnte ausserdem Rysanek, Hotter,

Boris Christoff, Astrid Varnay, Giulietta Simionato, Martha Mödl, Tito Gobbi - braucht es noch mehr?? Nicht mein Fehler, daß Ihnen solche Leute nichts sagen.

Antagonist1
01
Die richtigen Sänger

und alles andere tritt in den (Bühnen-)Hintergrund:
wenn die Callas oder die Varnay auftrat, bedurfte es ringsherum keiner belehrend-interpretativen Regie-Versuche.
Statt der o.a. Namen lassen sich etliche andere einsetzen von Nilsson bis Rysanek, von Simionato bis Verrett, von Mödl bis Ludwig, etc., etc.
Und bei den Herren ist es genauSO, ob nun Corelli oder di Stefano, Bastianini oder Gobbi, Siepi oder Christoff.... Visconti, Zeffirelli, Strehler, Ponnelle wussten das sehr gut und huldigten ihnen ganz im Sinne des Publikums....

Kontrahent1
11
Hätte ich mir denken können,

jetzt haben wir 'doppelt gemoppelt' und das bei jemandem, der so fixiert auf seine Regiemätzchen ist, daß er damit sicher nichts anfangen kann:-)

Antagonist1
11
REGIEMÄTZCHEN

sind der Trost derer, die keine Begegnung mit den zuvor genannten Stimmen hatten....

Antagonist1
11
"JEMAND"

hat wohl keine/n dieser Großen je auf der Bühne erlebt und muss sich halt - Sie sagen's - in Regiemätzchen flüchten: so hat jeder, was ihm gebührt....

Schicke Schickse
33
eine unüberprüfbare, also wenig hilfreiche anekdote.

allerdings: allein auf- und abgänge gut zu gestalten, ist ein zeichen dafür, dass jemand sein handwerk versteht. so mancher möchtegern-inszenator kann mangels ganglien nicht einmal das.
dafür tun diese nichtskönner etwas anderes: nämlich regietheater-klischees zu einer "inszenierung" zusammenzufügen. als da wären: straßenkleidung statt kostüme, überdimensionale bobo-brillen, mindestens eine nackt- oder kopulierszene bzw. ein vorzeigen der unterwäsche, herumtragen von koffern, krankenhausbetten, spritzeln mit theaterblut, peinlich dilettantische video-zuspielungen, unnützer aktionismus (bei arien sich am boden wälzen oder gerüste besteigen). im sprechtheater zusätzlich beliebt: permanentes herumbrüllen, gerne auch frontal ins publikum.

IchbinIch5
12

Und für Sie auch unüberprüfbar, für mich dennoch prägend: Ich arbeite lange im Opernbereich - und gerade jene Regisseure, die dann so oft als unmusikalisch verflucht werden, verstehen am Meisten von der Musik. Wer zum Beispiel je Konwitschny erleben durfte, der - etwa bei "Aida" - jede einzelne Note der Partitur analysiert, wird das nie vergessen (Er hält auch Lehrveranstaltungen dazu ab). Die Umsetzung muss man ja dennoch nicht mögen, aber es zeigt, wie dämlich die Argumente gegen ihn meist sind. Und wenn man dann erlebt hat, wie gefeierte konventionelle Regisseure bei Probenbeginn meinen: Wir wollen es schön, schöne Kostüme und ihr macht das dann schon - da verzweifelt man dann über die Reaktionen.

IchbinIch5
22

Irgendwie sagt diese Aufzählung mehr über sie, als über das Theater, das ich in den letzten Jahren sehen konnte - auch schön. Ach und zu der Straßenkleidung - Sie wissen schon, wer da der Ahnherr ist? Ein Herr Shakespeare - dessen Truppe verwendete Kleidung als Kostüme, die reiche Englänfer ausgemistet und hergeschenkt haben - also schon damals Caritas-Schick ;-) Interessant auch, dass seine Schauspieler somit selten historisch korrekt gekleidet waren, sondern meist in Alltagskleidung seiner Zeit!

Kontrahent1
11
Nur passten Sprache

und Handlung zu dieser Kleidung. Oder kennen Sie einen Engländer, welcher heute Shakespeare-Englisch spricht und seine geschäftlichen Mitbewerber meucheln lässt?

IchbinIch5
21

Aber schön dass sie glauben, es hätte zu Shakespeares Zeit Menschen gegeben, die Shakespeare-Englisch sprachen - als wäre das nicht immer eine hochartifizielle Kunstsprache gewesen bei der es egal ist, was die Menschen anhaben ...

IchbinIch5
31

Wirklich? Bei Julius Caesar passt elisabethanische Kleidung? Nicht wirklich, oder? (Und das wurde nicht in Roben gespielt...)

Kontrahent1
11
Hätte er die Subventionen

gehabt, welche heute für jeden Mist rausgeschmissen werden, hätte er sich auch für Caesar eine Toga leisten können. Und lesen Sie ein wenig in alter, englischer Literatur - Sie werden sich wundern, was Sie alles nicht verstehen, wenn Sie nicht zufällig Anglistiker sind.

pago1
00
ein treffen neoliberaler mörder

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.