Premiere von Verdis "Macbeth" in der Felsenreitschule: Grandiose Sänger und effektvolle Philharmoniker beleben die großteils statische Routineregie von Peter Stein
Salzburg - Es kann ja eine Produktion nicht nah genug "am Text" sein (in
der Terminologie von Fans der sehr eng gefassten Werktreue ausgedrückt),
als dass nicht doch gut gemeinte Missverständnisse entstünden. Da wird
dann in der großteils düster gehaltenen Felsenreitschule plötzlich nach
intimsten Momenten musikdramatischer Verdichtung losgeklatscht oder
Bravo geschrien. Als ginge es nicht um Macbeth, vielmehr darum, Pointen
eines herzigen Verdi-Kabaretts zu feiern.
Solche die Konzentration mäßig fördernden Beweise eines gedämpften
Interesses am Wesenskern dieser mörderischen Geschichte haben vor allem
Zeljko Lucic (als Macbeth) und Tatiana Serjan (als Lady Macbeth)
eigentlich nicht verdient. Lucic gibt den melancholischen Militär mit
nobler Stimmpracht, dessen Machthunger nicht die nötigen
stressresistenten Nerven zur Seite stehen.
Hier wird das stille Selbstgespräch so kultiviert zelebriert wie der
Wahn eindringlich ausgekostet. Markant auch der finale Beweis für doch
noch erlernte Seelenkälte, wenn Macbeth den Tod seiner Gattin abtut, als
hätte man ihm mitgeteilt, gerade sei irgendeine Ameise zerdrückt worden.
Facettenreich, eindringlich ist dieses musikalische Figurenporträt -
trotz gestischer Opernroutine, von der auch Giuseppe Filianoti (etwas
unsicher als Macduff), Antonio Poli (gut als Malcolm) und Anna Malavasi
(klangschön als Kammerfrau) nicht frei sind.
Die Besessene an Macbeths Seite wirkt natürlich noch dramatischer und
intensiver: Als Frau, die den Gatten erst aufstachelnd zum Blutvergießen
verführen muss, verfügt Serjan über eine signifikante vokale Bandbreite.
Ob souveräne Pianokultur oder Drama - auf jeglicher Ausdrucksebene
präsentiert sich die Charakterschilderung hochenergetisch. Beim
Hauptpärchen hat Regisseur Peter Stein auch durch Schaffung kleiner, die
Figuren umschießender Lichträume für eine Bündelung der Wirkung gesorgt.
Zu diesem "Lichtklang" auch noch jener von Riccardo Muti: Er animiert
die Philharmoniker zu einem melancholischen Grundton, der als
"Legatogesang" mit den Darsteller atmet oder als mit zurückgenommener
Lautstärke zelebrierte Harmonie die Atmosphäre veredelt. Alles ist
wohlorganisiert, voll kulinarischer Präsenz und auch in expressiven
Momenten frei von kantigen Ideen.
Statisch, pragmatisch
Der Rest ist dann eine szenisch aufgefüllte Felsenreitschule; Stein, der
Regiepragmatiker, sucht Unmittelbarkeit durch Nähe zum Publikum zu
schaffen. Da spazieren Edelleute oder Geschundene festlich träge oder
nur träge durch den Zuschauerraum. Und so wie in Publikumsnähe, so
herrscht auf der Bühne bisweilen lähmendes, statisches Gedränge.
Immerhin: Bei den Hexen- und der Banquo-Mordszene (solide Dmitry
Belosselskiy) kommt Bewegung ins Spiel.
Auf einer leeren mit einem kleinen Hügel ausgestattenen Bühne werden die
Chöre zu mobilen Grüngewächsen. Und wenn der dampfende Hexenkessel
auftaucht, drängen sich um ihn drei Schauspieler, während die Pflanzen
die Gesänge übernehmen und sich einmal zur effektvollen Waldskulptur
zusammenklumpen.
Das macht auf leerer Bühne durchaus etwas her, einer Bühne, die mit
einer schwarzen Mauer und einer riesigen königlichen Feststafel als
Schmuck auskommt (Bühnenbild: Ferdinand Wögerbauer).
Natürlich gibt es am Ende eine ritterliche Fechtschlägerei. Der ORF muss
sich jedoch nicht grämen, diesen Abend nicht aufgezeichnet zu haben. Er
hat sicher noch Ridley Scotts Königreich der Himmel in Reserve. Mit
diesem Kreuzritterspektakel sollte er trösten. Kommt im TV besser als
dieses rundum beklatschte Königreich der Konventionen. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2011)
6., 9., 12., 16., 19., 22. und 24. 8.