Wie ein Österreicher mit Drogen viel Geld gemacht und warum er keine moralischen Probleme damit hat
Wien - 50 Jahre ist Martin Müller alt. 15 davon verbrachte er im Gefängnis. Und in weiteren 15 Jahren verbrauchte er umgerechnet gut 1,5 Millionen Euro. Geld, das er großteils auf illegalem Weg verdient hat: Drogengeschäfte, Waffenhandel, im Rotlichtmilieu.
Müller heißt in Wirklichkeit natürlich nicht Müller. Aber in dieser Branche bleibt man lieber anonym. Auch wenn er nach eigenen Angaben nun ein beschauliches Leben führt. Er hat Darmkrebs und ist derzeit haftunfähig. 14 Monate müsste er noch absitzen. Seit zwei Jahren lebt er von der Sozialhilfe und dem Geld seiner Frau.
"Heroin und Opiate lehne ich ab"
Er empfängt in seiner gepflegten, hellen Wohnung in Wien. Müller sitzt auf der Couch, spricht Hochdeutsch, bietet ein Getränk an, Litschisaft. Die Arme sind fast vollständig tätowiert, bis etwa 15 Zentimeter über die Knöchel. "Wenn man Hemd und Anzug trägt, sieht man sie nicht."
Das sei in manchen Kreisen wichtig gewesen - wenn er Künstler oder Rechtsanwälte mit Kokain belieferte. Ein Problem hat er damit nicht. "Heroin und Opiate lehne ich ab. Bei reinem Kokain verliert man vielleicht die Kontrolle, Marihuana und Haschisch sind aber kein Problem."
Der Hintergrund seiner "Karriere" begann schon mit 14, erzählt er. Sein Vater wurde von einem Unbekannten ermordet. "Es hatte aber sicher keinen kriminellen Hintergrund." Er begann eine Lehre, ein Kollege schlug vor, Einbrüche zu begehen. Schnell wurde mehr daraus, Raubüberfälle, Körperverletzung. Sechs Jahre Haft bekam er, als er erwischt wurde.
"Recht ist nur ein Wort"
In Freiheit ging er Nebenjobs nach, "ich drehte mich im Kreis". Ein erster Schmuggelversuch endete im Gefängnis: "Ich besorgte Cannabis in Holland. An der Grenze verließ mich der Mut, ich habe es weggeschmissen. " Dabei wurde er allerdings beobachtet - drei Monate Haft.
Zurück in Wien, besorgten ihm Gefängnisbekanntschaften Arbeit. Sie gaben ihm Nummern von Telefonzellen in Westeuropa, er musste zu einem bestimmten Zeitpunkt dort anrufen, bekam Anweisungen. Die Drogen lieferte er dann in toten Briefkästen ab: "Ein wenig wie bei James Bond. "
Dann lernte er ein Mädchen kennen, "eine Edelprostituierte". Sechsstellige Schillingbeträge habe die verdient, er sei in der Rotlichtszene bekannt geworden. Das "Business", wie es Müller nennt, ging richtig los. Warum er keine legalen Geschäfte aufbaute? "Recht ist nur ein Wort, so wie Resozialisierung." Sex, Drugs and Rock 'n' Roll sei sein Lebensmotto gewesen.
Kontakte nach Übersee
Einmal hatte er mit einem Russen zu tun. Dessen Chauffeur machte einen Fehler, worauf ihm der Russe eine Pistole an den Kopf hielt und 5000 Dollar verlangte. "Ich habe gesagt, spielen wir russisches Roulette um das Geld - was wir dann machten", behauptet der 50-Jährige.
In einem osteuropäischen Land lernte er eine junge Frau kennen, die ihm erzählte, sie habe einen Kokain-Kontakt. Müller traf den Unbekannten, gab ihm viel Bargeld, ein Hotel wurde als Treffpunkt vereinbart. Als der Händler dorthin kam, fand er die gemeinsame Bekannte mit Handschellen angekettet vor. "Er hat gefragt, ob sie leicht schlimm war, und ich habe geantwortet, dass ich ihn nicht kenne und er mein ganzes Geld habe. Also musste ich eine Sicherheit haben." Er erzählt die Episode nüchtern, steht auf, legt eine neue CD in die Stereoanlage.
Müller war in ganz Europa vernetzt, auch nach Mexiko und in die USA kam er. "Mir wurde auch immer wieder angeboten, bei Gruppen mitzumachen. Aber ich habe allein gearbeitet, nur manche Städte waren tabu."
Drogendepot im Bordell
Nach der nächsten Haftstrafe verschwand er wieder in das osteuropäische Land. In Depots hatte er noch Geld und Drogen versteckt. "Die Villa, in der ich zuvor gewohnt habe, war mittlerweile ein Puff geworden. Dort wollte mich der Bodyguard hinauswerfen, der Chef kannte mich aber." So durfte er in die frühere Küche. Dort schraubte er die Deckenlampe aus - und hatte wieder Kokain.
Zurück in Wien, folgten weitere Haftstrafen: wegen Körperverletzung und Vermittlungstätigkeiten. Bekannten hatte er Geld für Drogengeschäfte geliehen - für 20 Prozent Zinsen. Irgendwann ging ihm sein Geld dennoch aus. Wie man 1,5 Millionen Euro durchbringen kann? "Das ist nicht so schwer. Man fliegt nur First Class, wohnt in Fünf-Sterne-Hotels, schnelle Autos, die man auch zu Weihnachten verschenkt."
Vorstrafenregister statt Leumundszeugnis
In das "Business" sei er relativ leicht gekommen. In Wahrheit ist die Schattenwirtschaft nicht anders als die legale. Statt eines Leumundszeugnisses benötigt man eben ein Vorstrafenregister. "Dadurch wussten die anderen, dass man kein Spitzel ist."
Eines kommt dann zum anderen. "Man organisiert im Osten eine Lieferung und bekommt eine Kalaschnikow und eine Makarov (Maschinen- und normale Pistole, Anm.) dazu. Das nächste Mal ordert man gleich eine ganze Kiste, die man auf den Balkan vermittelt." Sein Geld wusch er über Firmen, Casinos und auch in Österreich. "Meine Akademikerkunden haben dabei geholfen."
"Der Mensch ist neugierig"
Dass er Menschen möglicherweise abhängig gemacht hat? "Der Mensch ist neugierig und will seine Gelüste befriedigen, das weiß man ja. Und es wird ja nicht jeder abhängig." Er würde aber einen Gutteil seiner ehemaligen Geschäftsgrundlage aufgeben. "Wirklich eindämmen könnte man die Kriminalität, wenn man weiche Drogen legalisiert. Das wäre ein Schritt nach vorn - gib den Leuten, was sie wollen."
Dass manche Leute nicht kontrollieren können, was sie wollen, gesteht er ein. "Deswegen habe ich aber auch nie Heroin verkauft." Und dass Staaten in Amerika wegen der Kämpfe der einzelnen Drogenclans praktisch in Anarchie versinken, weiß er aus eigener Erfahrung. "In Mexiko ist es eigentlich ein Wunder, dass es überhaupt noch einen Staat gibt." Suchtmittel würden nie verschwinden. "Gott wird diesen Krieg nicht gewinnen, aber der Teufel auch nicht." (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2011)