Kann ein kalter Entzug tödlich enden?

  • Amy Winehouse Vorliebe für Drogen war kein Geheimnis.
    foto: reuters/toby melville

    Amy Winehouse Vorliebe für Drogen war kein Geheimnis.

Eine akute Entgiftung birgt eine Reihe von Gefahren - Unter kontrollierten Bedingungen ist er obsolet

Der Vater von Amy Winehouse ist sicher: Seine Tochter ist an den Folgen eines kalten Alkohol-Entzugs verstorben. Ihre Abhängigkeit von anderen Drogen hat Amy angeblich schon vor drei Jahren besiegt. Der Obduktionsbericht der britischen Soulsängerin wird erst in den nächsten Wochen erwartet. Über die Todesursache wird indessen heftig spekuliert. Eine Frage ist in den Vordergrund gerückt: Kann ein kalter Entzug tödlich enden?

Vorweg: Unter einem kalten Entzug verstehen Suchtexperten das abrupte Absetzen psychoaktiver Substanzen bei Abhängigkeit. Psychoaktiv sind Substanzen dann, wenn sie bewusstseinsverändernd wirken. Legale Substanzen wie Alkohol und Zigaretten zählen ebenso dazu, wie die illegalen Opiate, Kokain oder Amphetamine. Wird dem Organismus ein Suchtmittel entzogen, löst sich der Wirkstoff von den Rezeptoren im Gehirn und verursacht eine akute Entzugssymptomatik. Diese ist umso intensiver und schneller klinisch sichtbar, wenn die Substanz abrupt von den Andockstellen entfernt wird. 

Die Entzugssymptome sind abhängig von der Art der Droge und der Dauer des Konsums. Beim Opiatentzug stehen Durchfälle, Koliken, Gliederschmerzen und Schlafstörungen im Vordergrund. Das Alkoholentzugssyndrom tritt meist wenige Stunden nach dem letzten Alkoholkonsum auf und kann im schlimmsten Fall mit einem Delirium tremens und epileptischen Anfällen einhergehen.

Gefahr der Überdosierung im Rückfall

„Das Problem bei akuten Entgiftungen ist nicht die Entzugssymptomatik selbst, sondern eine Überdosierung, die in der Folge auftreten kann", betont Gabriele Fischer, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Leiterin der Drogenambulanz der Universitätsklinik für Psychiatrie im Wiener AKH. Dieses Risiko eines Rückfalls ist auf das massive Craving zurückzuführen - dem unbezwingbaren Verlangen nach der jeweiligen Droge. Ob der Betroffene von Heroin, Alkohol oder Kokain abhängig ist, spielt dabei weniger Rolle. Vielmehr ist es die Tatsache, dass sich das Zentralnervensystem an den Konsum gewöhnt hat, sodass ein akuter Entzug diesen unbeherrschbaren Drang auslöst. Der Drang nach mehr und nicht selten auch zu viel. In Fällen ist er der Grund für einen tödlichen Ausgang.

Die akute Entzugssymptomatik und das Craving sind zudem nur die eine Seite der Medaille. Was im kalten Entzug ebenfalls droht, sind die gesundheitlichen Folgen jahrelanger Drogenkarrieren. Typisch für Alkohol und Kokain: Beide wirken kardiotoxisch. Als Zellgift schädigen sie den Herzmuskel und das Reizleitungssystem, eine fatale Wirkung, die sich über die Jahre potenziert. Die Krampfbereitschaft nach einem Alkoholentzug ist die Folge einer Hirnschädigung, zu der es nach einem jahrelangen intensiven Konsum kommt. „Für die Organe stellen Opiate die geringste Gefahr dar. Sie sind aber häufig die Substanzen die zum Tod führen, weil sie atemdepressiv wirken", ergänzt Fischer. 

Aus Amy Winehouse Drogenkarriere wurde kein Geheimnis gemacht. Selbst wenn die Sängerin tatsächlich seit drei Jahren clean von illegalen Drogen gewesen ist, geht Fischer davon aus, dass ihre Organe bereits massiven Schaden genommen haben. Was der prominenten Britin daher letztendlich das Leben gekostet hat, weiß auch die Wiener Suchtexpertin nicht zu beantworten: „Ob es eine Atemdepression infolge einer Überdosierung oder aber ein vorgeschädigtes Herz war, werden erst die Obduktionsergebnisse zeigen".

Gradueller langsamer Entzug

Von welcher Droge auch immer, in Eigenregie ist der kalte Entzug in jedem Fall ein gefährliches Projekt. Unter kontrollierten Bedingungen ist diese Form der Enttoxifizierung keine medizinische Herausforderung, jedoch längst nicht mehr State of Art. Das Problem bestehender Organschäden und die drohende Gefahr einer Überdosierung haben die rasche Entgiftung obsolet gemacht. Ein gradueller langsamer Entzug kommt den Patienten dagegen zugute. „Viele Suchtkranke haben außerdem primär eine andere psychiatrische Störung, wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen. Diese gilt es ebenfalls zu erkennen und neben einem langsamen Entzug parallel medikamentös oder psychologisch zu behandeln", so die Fachärztin. 

Die Kombination aus berühmt und gleichzeitig drogenabhängig ist laut Fischer jedenfalls ein „immenser Nachteil". „Drogenabhängige Prominente lehnen es häufig ab einem standardisierten Therapieprogramm zu folgen, weil es ihnen zu restriktiv erscheint", so die Expertin. Die Konsequenz aus dieser Ablehnung: Prominente Menschen suchen sich Ärzte, die auf „ihrer Ebene mitschwingen" und wären dabei wesentlich besser beraten in einem Routineprogramm zu entziehen. „Das Problem ist: Mit suchtkranken Menschen lässt es sich schwer diskutieren. Man muss also eine möglichst niederschwellige Ebene finden und Angehörige von der singulären Haltung wegbringen, dass nur Drogenfreiheit ein Erfolg ist". (derStandard.at, 10.08.2011)

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