Eine Kollision der beiden Trabanten könnte die unterschiedlichen Mondhemisphären erklären
London/Wien - Dass die Erde einen natürlichen Satelliten hat, der sie in 27 Tagen und knapp acht Stunden umkreist, dürfte auf eine Kollision zurückgehen. Planetenforscher gehen heute davon aus, dass vor rund 4,5 Milliarden Jahren die Erde einen "Streifschuss" von einem anderen Planeten in Marsgröße abbekam. Aus den Trümmern dürfte sich der Mond gebildet haben, der eine recht ähnliche geologische Zusammensetzung wie die Erde hat.
Doch womöglich kam es als Folge dieses gigantischen Aufpralls zur Bildung eines zweiten Trabanten, der die Erde eine ganze Weile begleitete, vermuten nun Martin Jutzi und Erik Asphaug (Uni Bern und University of California in Santa Cruz) in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Bd. 476, S. 69). Mit dessen Existenz könnte sich nämlich erklären lassen, warum die Rückseite des Mondes aus bergigem und stark zerklüftetem Hochland besteht, während die uns zugewandte Seite flache Tiefebenen besitzt.
Nach aufwändigen Simulationen und Berechnungen gehen Jutzi und Asphaug davon aus, dass der zweite Mond einen Durchmesser von etwa 1200 Kilometern hatte, was in etwa ein Drittel jenes des Mondes beträgt. Dieser kleinere Himmelskörper sei nach seiner Entstehung für ziemlich lange Zeit - also einige Dutzend Millionen Jahre - in einer relativ stabilen Umlaufbahn geblieben, ehe er schließlich mit dem Mond kollidierte.
Nach den Berechnungen der Forscher erfolgte dieser Mond-Mond-Zusammenprall mit einer Geschwindigkeit von 2,4 Kilometern in der Sekunde (bzw. gut 8000 km/h). Als Folge dieses doch recht gewaltigen Einschlags - der kleinere Mond hatte vier Prozent der Mondmasse - lagerte sich das Gestein an der getroffenen Seite des Mondes an. Dies würde laut Jutzi und Asphaug nicht nur erklären, warum es auf der Mondrückseite gebirgiges Hochland gibt, sondern auch warum dort die Mondkruste wesentlich dicker ist als auf der erdnahen Hemisphäre. (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 8. 2011)