Nachlese

"Man muss gelassen mit den Fehlern anderer umgehen"

Interview | Martina Stemmer, 3. August 2011, 18:40
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    foto: standard/regine hendrich

    Maria Vassilakou will sich trotz eigener leidvoller Erfahrung mit der Basisdemokratie nicht mit Parteistatuten beschäftigen

Maria Vassilakou über billigere Jahreskarten für Öffis und Basisdemokratie

STANDARD: Sie sind seit neun Monaten Stadträtin, haben aber noch kein grünes Großprojekt realisiert. Ist das Regieren mit den Wiener Roten schwieriger, als Sie dachten?

Vassilakou: Projekte im Verkehrs- und Planungsbereich haben nun mal einen Realisierungszeitraum von mindestens einem Jahr. Das ist nicht zu unterschreiten, und deshalb freue ich mich bereits auf den September.

STANDARD: Was werden Sie da zum Beispiel präsentieren?

Vassilakou: Die Verkehrsberuhigung der Mariahilfer Straße nimmt konkrete Konturen an, und das Bürgerbeteiligungsverfahren beginnt. Es werden verschiedene Varianten präsentiert, um sie mit den Anrainern und Geschäftsleuten durchzudiskutieren. Am Ende kann eine Fußgängerzone, eine für Autos gesperrte Straße oder ein Shared-Space-Modell herauskommen.

STANDARD: Kostet die Öffi-Jahreskarte künftig 365 statt 449 Euro?

Vassilakou: Ich kann das nicht bestätigen, bevor ein Endergebnis vorliegt. Ein Euro pro Tag entspricht aber einer uralten grünen Forderung. Das wäre eine ordentliche Belohnung für Jahreskartenbesitzer.

STANDARD: Im Vergleich der zuletzt von Ihnen propagierten 100-Euro-Jahreskarte aber eine sehr kleine.

Vassilakou: Jein. Denn ohne grüne Regierungsbeteiligung wäre die Jahreskarte deutlich teurer geworden.

STANDARD: Bei der Ausweitung des Parkpickerls auf Bezirke außerhalb des Gürtels soll es auch im Herbst eine Einigung geben. Gibt es da ebenfalls ein Bürgerbeteiligungsverfahren, so wie es einigen Bezirksvorstehern vorschwebt?

Vassilakou: Das ist Angelegenheit der Bezirke.

STANDARD: Bundesparteichefin Eva Glawischnig hat die Statutenreform abgeblasen. Warum pochen die Wiener Grünen nicht auf eine solche? Schließlich haben die aus der Basisdemokratie entstandenen Bezirksstreitereien viele Stimmen gekostet.

Vassilakou: Es gibt einen breitesten Konsens bei den Grünen, dass man keine Notwendigkeit sieht, sich jetzt damit zu beschäftigen. Die Prioritäten liegen bis 2013 woanders.

STANDARD: Ficht man das lieber wieder kurz vor der Wahl aus?

Vassilakou: Ich wüsste einfach nicht, wer derzeit Bock hat, sich damit zu beschäftigen, geschweige denn, knapp vor einer Wahl. Parteien, Institutionen, ja die Republik selbst brauchen immer wieder Reformen, aber es gibt für alles einen guten und einen schlechten Zeitpunkt.

STANDARD: Nichtwahlzeiten wären aber an sich die beste Zeit, sich innerparteilich zu reformieren.

Vassilakou: Die Nationalratswahl 2013 ist eine entscheidende Wahl für die Republik. Wenn Rot-Grün für ganz Österreich eine realistische Option werden soll, dann haben die Grünen bis dahin nur diese eine Aufgabe. Mit den parteiinternen Regeln kann man sich gern nach der Wahl befassen.

STANDARD: Wien hat drei Milliarden Euro Schulden, und Sie wollen trotzdem nicht sparen. Mit der Schaffung einer neuen Magistratsabteilung für Energieplanung und der Ausschreibung eines Radwegbeauftragten vergrößern Sie den Verwaltungsapparat sogar noch.

Vassilakou: Die Umsetzung des Regierungsabkommens wird noch viel mehr Geld kosten. Innerhalb des Ressorts muss ich entsprechend Prioritäten setzen.

STANDARD: Welche Projekte werden Sie verschieben?

Vassilakou: Business as usual ist nicht drin. Neugestaltungen und Renovierungen, die nicht unbedingt notwendig sind, kommen auch nicht. Dafür bleibt Geld für den Radverkehr, für Car-Sharing, für das Solarkraftwerk, für kostenloses WLAN.

STANDARD: Derzeit wird vor allem im Wohnbau gespart, das passt den Grünen aber auch nicht - wo soll stattdessen weniger ausgegeben werden?

Vassilakou: Rot-Grün hat sich zwei Ziele gesetzt: Mehr soziale Sicherheit und die Ökologisierung der Stadt. In anderen Bereichen müssen Mittel freigespielt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Gesundheitsreform. Die wird mittelfristig einiges an Spielräumen ermöglichen.

STANDARD: So wie die von der SP angekündigte Gebührenerhöhung?

Vassilakou: Mir wäre es lieber, der Bund würde endlich eine Steuerreform angehen und Schluss damit machen, dass Österreich ein Steuerparadies für Fionas und Karl-Heinze ist. Dem ist nicht so, und deshalb wird es immer wieder eine schwer zu schluckende Krot sein, dass Gemeinden hin und wieder inflationsbedingt Gebühren anpassen.

STANDARD: Um viele der nach der Wahl angekündigten Grün-Projekte ist es ruhig geworden. Etwa die Neugestaltung des Schwedenplatzes.

Vassilakou: Startschuss ist eine gemeinsame Ausstellung von Wien-Museum und meinem Ressort, die wir am 4. Oktober eröffnen. Dabei werden die verschiedenen Ideen präsentiert und einige öffentliche Diskussionsveranstaltungen organisiert. Wir wollen dort in den nächsten Jahren eine klare Perspektive haben, was alles verändert werden soll.

STANDARD: Sie wollen den Bezirken mehr Macht und Geld geben. Dabei haben Sie bereits jetzt massive Wickel mit Bezirksvorstehern, zum Beispiel in Hernals: Da zieht die rote Bezirkschefin ein Garagenprojekt gegen grünen Widerstand durch.

Vassilakou: Wir haben es in Wien mit einer Dezentralisierung zu tun, bei der man den Bezirken einiges an Kompetenzen übertragen hat, aber nicht die erforderlichen finanziellen Mittel. Ich habe nichts von Parkwidmungen, die nie verwirklicht werden, weil die Bezirke dafür kein Geld haben.

STANDARD: Woher wollen Sie das Geld nehmen?

Vassilakou: Von dort, wo es immer kommt: aus dem Budget. Es soll einfach fairer aufgeteilt werden. Dafür braucht es aber eine breit geführte Diskussion. Die sollte sich Wien in den nächsten Jahren leisten.

STANDARD: Die umstrittene Garage in der Geblergasse zeigt, dass die Bezirke bereits mächtig sind - und Sie als Planungsstadträtin nicht mehr eingreifen können.

Vassilakou:  Das Projekt wurde gewidmet, bevor ich Planungsstadträtin wurde. Mit mir gibt es solche unsinnigen Garagenprojekte künftig sicher nicht mehr. Doch nur weil ein Bezirk eine Entscheidung trifft, die ich für falsch halte, heißt das nicht, dass ich meine demokratischen Überzeugungen ablege.

STANDARD: Das Vorgehen der Bezirkschefin bezeichnen viele Grüne als undemokratisch.

Vassilakou: Die Anrainerbefragung war von vorn bis hinten ein Fiasko. Sowohl die Formulierung als auch die Weigerung, die betroffenen Schüler zu befragen, entsprach der alten Betoniererkultur. Aber Regieren ist nun mal eine Geduldsübung. Man muss gelassen mit den Fehlern anderer umgehen und aus den eigenen lernen.

STANDARD: War Ihre Ankündigung, einen Straßen-Knigge herauszubringen, auch ein Fehler? Die Idee passt ja eher zur ÖVP.

Vassilakou: Nein, das stimmt nicht. Die VP arbeitet nur mit den Strafen. Ich setze hingegen nicht auf Polizei, also muss ich alles Mögliche tun, um Aufklärung und Sensibilisierung zu erreichen. Die grundsätzliche Idee ist, gemeinsame Fairnessregeln für alle zu entwickeln. (DER STANDARD Printausgabe, 4.8.2011)

MARIA VASSILAKOU (42)

ist grüne Wiener Vizebürgermeisterin und Stadträtin für Stadtentwicklung, Verkehr, Klimaschutz und Energieplanung.

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ND1
00
ich schätze

rechnen hat sie in Griechenland gelernt - man sieht eh wo das hinführt :-))

Captain 11
02
...ökoöogisierung der stadt, verteuerung der fahrscheine, keine garagen....

....hahahaha! diese frau ist nicht zu retten. jeder normalbürger wird schikaniert. diese grünen sind weltfremd, bügrerunfreundlich und beschäftigen sich mit themen die niemanden interessieren. grün HÄTTE eine gute alternative zu den anderen parteien sein können. aber so fördern sie nur deren rennaissance! ...viel spass bei der nächsten wahl. aber vermutlich sind die wiener einfach nicht reif genug für euch.....;-)

OttotheBusdriver
06
Peinlich, einfach nur peinlich

Sitzt in der Regierung einer europäischen Großstadt und hat einen Horizont wie eine Boboschnepfe die im Museumsquartier bei einem Cafe Latte hockt.

Nichts als Schikanen für die Durchschnittsbürger und Pseudoaktionen (Wlan, Radbeauftragter,..) für das Zielpublikum. Keine Vision, keine Ideen für die nächsten Jahrzehnte.

Was ist mit dem VdBellen? bekommt 210.000EUR pro Jahr von der Gemeinde Wien für?...... nix!

Diese Frau ist eine Schande.

nbergmann
00
23.8.2011, 09:48
365 € für jahreskarte

wäre super!

lanebbia
01

Wie siehts aus mit dem geplanten Einzelfahrschein um 2 Euro 40 ?

BraS
 
00

den braucht man nimmer, wenn man eine Jahreskarte hat ;-)

Shoe Shine Pad
12
19.8.2011, 15:53
Straßenbahnprojekte?

Straßenbahn 13 statt 13A wäre wichtig. Und noch wichtiger - da demnächst die mariahilferstraße neu gestaltet wird - die Wiederverlängerung der Straßenbahnlinien 52/58 zum Ring (und darüber hinaus), um die überlastete U3 in den Hauptverkehrszeiten zu entlasten, den Anrainern aus 1130/1140/1150 die umsteigefreie Verbindung in die Stadt zurückzugeben und um die Mariahilferstraße ab Neubaugasse zu erschließen. Ein verlängerter 2A bis zum Westbahnhof würde ja nicht viel bringen (wird auf der grünen Website nämlich als "Zwischenlösung" angedacht), da das ein sehr langer Bus sein müsste (viele Fahrgäste!) und das Umsteigen am Gürtel in den 52/58er ja auch nicht entfiele (und ein Bus in einer FuZo ist viel problematischer als eine Straßenbahn).

Der Manner
02
10.8.2011, 09:22

"Dafür bleibt Geld (...) für kostenloses WLAN."

Hä...??? Und fia wos???

Shoe Shine Pad
00
19.8.2011, 15:46
Fürs Internet?

Schnell einmal nachsehen wann wo die nächste Tram abfährt; wo sich ein bestimmtes Geschäft befindet undundund...

Coach 99
09
Womit bewiesen ist: Grüne haben keine Finanz- und Wirtschaftskompetenz

das Geld kommt einfach aus dem Budget - ja, ja, so einfach ist das
Es ist unerträgelich, wie hier mit dem Geld der Steuerzahler/-innen umgegangen wird ...

Gilgamesh
03
10.8.2011, 11:10

Die österreichischen Grünen haben überhaupt keine Kompetenz im Gegensatz zu den deutschen...

m_M
02
10.8.2011, 00:34
Vassilakou: Business as usual ist nicht drin. ?

Business as usual ist der Radverkehr, für Car-Sharing, für kostenloses WLAN...

na ja, wenn das die größten Sorgen sind...
armes Wien !!

Stephan W.
40

Woher denn sonst? Sie hat ja nicht behauptet dass unendlich viel Geld zur Verfügung stünde. Aber wie viel Geld wohin fließt ist nun mal im Budget festgelegt.

chem
04
Irendwie lustig, dass die GrünInnen ein Monopol auf die Wahrheit haben wollen ??

CyberCop
09
wieso fällt mir, wenn ich mir das durchles, spontan das wort 'fremdschämen' ein?

hätt nicht geglaubt, daß die grüninnen solche wendehälse sind (zb. öffi-tarife, parkpickerl).

oder so schwachsinnige ideen wie die övp haben (zb. wlan für alle, radwegbeauftragter).

ich glaub die sind momentan mit gewalt am weg zurück zum status 'unwählbar'

Gilgamesh
02
10.8.2011, 11:11

Willkommen in meiner Welt, ich hatte diesen Augenblick allerdings schon vor ein paar Jahren, seither wähle ich lieber ungültig...

Never
01
Die sind auch nur

Politiker und agieren entsprechend Ihreres Standes ;-), da wird die grüne Farbe wohl nicht viel daran ändern.

santiago nasar
00
frau stemmer,

seriös ist ihre headline aber nicht wirklich.

<O> <O>
013
Zimmerschmuck

Die Rolle der Grünen im Rathaus ist die von einem Ficus Benjamin in einem Büro: Dekoration.

Die Gezeichneten
00

Nicht nur im Rathaus.

jimmydean
40
und damit machen sie schon 100%

mehr als die övp damals... die haben ja sogar, wenn ich mich recht erinnere, wie sie in der koalition waren, das wahlrecht mitbeschlossen...

Dimple
41
Fr. Vassilakou kommt deutlich sympathischer rüber, als bei früheren Interviews

va. das mit "mit den Fehlern anderer gelassen umgehen, aus den eigenen Fehlern lernen" finde ich nicht schlecht.

Aber die Grundidee der SPÖ, der sich die Grünen anschliessen, dass immer mehr und mehr Steuergeld benötigt wird und es keine Möglichkeit gibt, auch teure Projekte allein durch Einsparungen anderswo zu finanzieren, finde ich furchtbar.

lg
Dimple

Thomas_Mueller
 
10

Furchtbar ist aber auch, wenn einem bei Einsparungen bevorzugt Pflegebedürftige und Studierende einfallen. Da steht keine (Bundes-)Regierungspartei auf und sagt: "So lange keine anderen Einsparungen gemacht werden, kürzen wir hier nicht!" Bei der Vermögensbesteuerung hingegen funktioniert die Stopptaste interessanterweise einwandfrei.

Dimple
01
Die Vermögensbesteuerung ist hier der falsche Ansatz

Es gibt zwei getrennte Bereiche:
1. Wofür gibt der Staat (inkl. Länder, Gemeinden) Geld aus - und wofür sollte er mehr ausgeben (Bildung / Schulen / Uni - aber nicht Verwaltung derselben!!!!) und wie ist das Geld bei gleicher bzw. leicht sinkender Abgabenquote aufzutreiben.
2. Wie verteile ich die Last des Steuern/Abgabenzahlens auf die Schultern der Bevölkerung - hier kann eine Vermögenssteuer (zur Senkung der Sozialabgaben) sinnvoll sein, aber nur bei generell sinkender Abgabenquote.

lg
Dimple

Thomas_Mueller
 
00

Leider ist es aber so, dass es technisch bei gleicher Leistung nicht möglich ist die Verwaltung umfassend und sofort zu reformieren. Es entstehen durch neue Strukturen tw. sogar mehr Kosten, und über die Jahre sinkt dann der Aufwand langsam wieder ab. Nun ist die Frage: Woher nehme ich das Geld bis dahin, ohne die Neuverschuldung auf über 5% des BIP zu treiben? Bei denen, die schon viel haben und dank Zinseszins weiter akkumulieren? Bei der Mitte, die hinauf will, aber bei verharrenden Reallöhnen fast alles wieder ausgeben bzw. vorher schon abgeben muss, und nicht vom Fleck kommt? Bei den Transferbeziehern, den Wittwen und Waisen?

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