Zwei Jahrtausende in Spaziergangnähe - und Multikulturalität: Ptuj in Slowenien macht neugierig auf Maribor 2012
Auf Stanika Vaudas Gastterrasse ist gut sitzen - an einem lauen Abend, wenn die Bäume, die den großen Schanigarten des Jazzlokals auf dem Vrazov trg in Ptuj begrenzen, dunkelgrüne Schatten gegen den schwarzen Himmel werfen. Elf Uhr Abend ist's, bei halblauter Rockmusik wird für das junge Publikum weiterserviert, einige Fenster in den nahen Häusern sind noch hell, doch dort scheint an der Nachtschwärmerei niemand Anstoß zu nehmen.
Und Stanika Vauda erzählt, wie es kam, dass sie und ihr Mann in dieser Stadt mit den historischen Häusern, in dieser uralten Stadt an der Drau, ein Jazzcafé eröffneten: "Wir waren auf Weltreise, ein ganzes Jahr lang. Als wir dann nach Hause zurückkamen, wollte ich etwas tun, damit die Welt auch zu uns nach Ptuj kommt."
Mit Geld aus einem Hausverkauf woanders erstanden sie vor vier Jahren das mittelalterliche, damals desolate Gebäude und renovierten es. 2008 startete im Arkadenlokal im Erdgeschoß das "Muzikafé", ein Jahr darauf der Auftrittskeller, der sich zu einem (jugend-)kulturellen Hotspot der Gegend entwickelt hat. Selbst im Sommer gibt es fast täglich einen Gig, von Schülerbands hin zu überregional bekannten Künstlern. Touristen auf Stadttour halten hier gerne Rast.
Für das geschichtsträchtige Ptuj ist Vaudas Erfolgsgeschichte vorbildhaft. Der 25 Kilometer südöstlich von Maribor gelegene Thermalort am größten Stausee des Landes mit seinen aus der Römerzeit stammenden, erhaltenen Tempeln für den Sonnengott Mithra, seinem historischen Stadtkern, den Straßen mit ihren teilweise originalgetreu renovierten Fassaden, der Burg mit ihrem Blick auf die verschachtelten Dächer hat viele Aufs und Abs erlebt. Nach Umsturz und Abwanderung im Zuge der Jugoslawienkriege setzt die älteste Stadt des EU-Mitgliedslandes Slowenien für seine weitere Entwicklung jetzt auf Kulturtourismus.
Und man setzt auf niveauvolle Gastlichkeit, etwa im Vier-Sterne-Thermenhotel Grand Hotel Primus mit üppig ausgestatteten Sauna-Separees - sowie der Chance, beim Mittagsbuffet internationalen Fußballklubs zu begegnen, die hier trainieren. Wer's familiärer mag, ist gut im Story-Hotel Mitra in der Altstadt aufgehoben: Jedes Zimmer ist individuell eingerichtet. Und der Weinkeller des Betreibers, Petr Vesenjak, - ein früherer slowenischer Staatssekretär - ist nicht zu verachten.
Die Region wachküssen
Wie die Kultur Ptuj wachküssen soll, erklärt im Rathaus am Florijanov trg - 1906/07 nach Entwürfen des Wieners Max Baron Ferstl errichtet - Vizebürgermeisterin Helena Neudauer. Aller Ehrgeiz strebe auf das kommende Jahr zu, sagt sie, wenn die Stadt zusammen mit Maribor und vier weiteren slowenischen Kommunen zur Kulturhauptstadt Europas 2012 avancieren wird.
"Das ist die große Chance, uns in Europa und der Welt bekannt zu machen", meint die Politikerin. Der Weg dorthin: ein umfassendes Kulturprogramm mit einer Vielzahl von Festivals und Events.
Jede einzelne der beteiligten Städte steuert Schwerpunkte bei, die ihrer Geschichte und ihrem Charakter am besten entsprechen: Murska Sobota sein traditionell gutes Auskommen mit den Roma; hier wird die Roma-Kultur im Mittelpunkt stehen. Novo Mesto sein Erbe aus der Hallstadtzeit sowie seine avantgardistische Theater-, Rock- und Jazzszene. Velenje sein Industrieerbe - und Festivals für Kinder. Und Slovenj Gradec (einst Windischgrätz) seine traditionelle Handwerkskunst - sowie das Werk des hier geborenen Komponisten Hugo Wolf.
Ptuj wiederum wird sich von 11. bis 22. März 2012 ganz der Maskerade hingeben. Bisher hatten sich beim traditionellen Karneval Kurentovanje ausschließlich die zotteligen, einheimischen Perchten auf den Straßen gezeigt. Im Museum auf der Burg können sie auch außerhalb der Saison besichtigt werden. 2012 wird das Defilee international. Masken aus ganz Europa, Asien, Amerika, Afrika werden den slowenischen Winter austreiben.
Radikale Identitätsbrüche will man aber auch im Kulturhauptstadtjahr in Maribor, Sloweniens zweitgrößter Stadt, künstlerisch nachvollziehen. Das Konzept verbindet Stadtentwicklung und Tourismusattraktion aufs Engste, sagt Ales Steger, bekannter Lyriker, Essayist sowie einer der Programmkoordinatoren.
Maribor, einst Industriezentrum, habe nach Ende des Titoismus wie keine andere Stadt Jugoslawiens einen Niedergang erlebt, sagt Steger. Durch Einbeziehung internationaler Denker - Persönlichkeiten wie der in Belgrad geborene US-Dichter Charles Simic werden je einen Monat in der Stadt arbeiten - solle auch hier die weite Welt wieder Einzug halten. In Maribor, wo man in der Reanimationsmedizin international führend sei, gebe es für neue Urbanität wahrlich Basis genug. (Irene Brickner/DER STANDARD/Printausgabe/30.07.2011)