Die Paten haben Manieren gelernt

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Süd-Italien ist für Mafia nur noch Schlupfloch, Hauptstadt: Mailand - Dank Krise florieren die Geschäfte, vor allem mit Immobilien

Die Krise der letzten drei Jahre hat den Einfluss der Mafia auf das Wirtschaftsleben in Norditalien verstärkt". Diese Ansicht vertritt der zukünftige Präsident der Europäischen Zentralbank und gegenwärtige Gouverneur der Banca d'Italia, Mario Draghi. Vor allem in Norditalien habe das organisierte Verbrechen stärker Fuß gefasst, sagte Draghi in einem Vortrag über die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Mafia in Mailand. Die Gefahr sei, dass die Mafia das Wirtschaftswachstum künftig auch im Norden negativ beeinflusse - im Süden werde das Wachstum bereits zu zwei Prozent durch das organisierte Verbrechen gebremst.

Das Bild der Mafia hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Während sich die Clans noch in den 90er-Jahren blutige Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht lieferten, widmen sie sich heute lieber ihren Geschäften und Finanztransaktionen. Die Mafia-Bosse sind nicht mehr süditalienische "padrini", sondern Geschäftsleute mit abgeschlossenem Wirtschaftsstudium und guten Manieren.

Gesundheitssparte lukrativ

Der Zementzyklus, Baugeschäfte und Investitionen in Immobilien sind laut dem Mafia-Experten und Politologen Nando Dalla Chiesa in den Mittelpunkt gerückt. Das Geschäft mit dem Drogenhandel floriert zwar weiterhin - inzwischen ist aber auch die Gesundheitssparte für die Mafia lukrativ geworden.

Es kam in den vergangenen Jahren nicht nur zur sachlichen, sondern auch zur geografischen Diversifikation. Der verarmte Süden Italiens dient noch als Schlupfloch - das Hauptquartier des organisierten Verbrechens wurde aber inzwischen Mailand, die lombardische Metropole.

Zusammengenommen sind die Organisationen 'Ndrangheta, Camorra, Cosa Nostra und Sacra Corona, also die süditalienische Mafia, zum größten Wirtschaftsunternehmen Italiens aufgestiegen. Ihr Umsatz wird auf 180 Milliarden Euro geschätzt. Davon macht die Ökomafia, also das Geschäft mit der Umwelt, allein 20 Milliarden aus. Der Drogenhandel bringt laut dem Mailänder Staatsanwalt und Antimafiajäger Alberto Nobili 36 Milliarden Euro ein.

Vor allem die 'Ndrangheta, die Mafia aus Kalabrien, schwimmt im Geld. In der Regel investiert die 'Ndrangheta ihre Drogen-Milliarden in Immobilien. Die Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria hat kürzlich eine Liste mit dem Eigentum der 'Ndragheta vorgelegt. Danach besitzt die Organisation ganze Stadtteile in Brüssel, Toronto und New York, Hunderte von Restaurants und Wohnblocks in Deutschland und sogar eine Bank in Sankt Petersburg. Auch in der Schweiz und in Österreich ist das organisierte Verbrechen ins Immobiliengeschäft eingestiegen.

Schlösser und Luxushotels

In den letzten zwei Jahren hat die Regierung rund 18.000 Immobilien, Wohnungen, Schlössern und Luxushotels im Wert von 15 Milliarden Euro beschlagnahmt. Denn nach dem Motto "Wer nicht reich ist, ist auch kein Mafioso", verlieren die Bosse bei Beschlagnahmung ihrer Grundstücke auch an Macht und Einfluss.

Seit kurzem können die beschlagnahmten Grundstücke auch zu sozialen Zwecken genutzt werden. So hat nicht nur die EU, sondern auch die Bank-Austria- Mutter UniCredit in beschlagnahmte Immobilien der Mafia investiert. Auf zwei vom Gericht konfiszierten Gütern in Süditalien will die Bank nun Bioprodukte anbauen und verarbeiten.

Die Idee, Mafia-Immobilien zu konfiszieren, geht auf einen Priester aus Turin, Don Luigi Ciotti, zurück. Dieser trägt mit der Organisation Libera Terra wesentlich zum Kampf gegen die Mafia bei. Es ist ein Zusammenschluss vieler kleiner Initiativen, die auf ehemaligem Mafialand biologische Landwirtschaft betreiben. Das Angebot reicht vom Wein aus Sizilien, Gemüse aus Kampanien bis zur Peperoni-Pasta aus Kalabrien. Erhältlich sind die Produkte in vielen Supermärkten sowie in den Verkaufsräumen von Libera Terra. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD-Printausgabe, 3.8.2011)

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