"Meine Räume sind nicht unbedingt Theaterräume"

Interview | 2. August 2011, 18:02

Anna Viebrock, eine der aufregendsten Bühnen- und Kostümbildnerinnen, probt mit Christoph Marthaler Leos Janáceks "Die Sache Makropulos"

Standard: Sie haben Germanistik und Philosophie studiert: klassische Fächer für Dramaturgen. Warum haben Sie sich dann für Bühnenbild entschieden?

Viebrock: Das war tatsächlich so ein Studium generalis fürs Theater. Aber in Deutschland wurde man beim Abitur befragt, was man werden möchte, und das stand dann in der Zeitung. Ich habe damals schon gesagt, ich will Bühnenbild machen.

Standard: Was interessiert Sie an diesem Beruf: das Handwerkliche, das Konzeptuelle?

Viebrock: Der Beruf hat sich im Laufe der Zeit sehr gewandelt. Früher war er handwerklicher. Heute arbeiten wir - ich zumindest - viel konzeptueller. Wir müssen unsere Sachen schon so früh abgeben, dass wir viele Entscheidungen treffen müssen, die sich letztlich auf die Regie auswirken.

Standard: Sie machen seit 20 Jahren gemeinsame Sachen mit Christoph Marthaler. Was macht das Besondere Ihrer Zusammenarbeit aus?

Viebrock: Er lässt zu, dass ich einen Vorschlag für einen Bühnenraum mache, den er dann bespielt. Da gibt es eine große Freiheit und Offenheit. Bei Riesenbutzbach (Wiener Festwochen 2009, Anm.) sagte er, ich solle etwas erfinden. Ich wollte immer schon gern ein vergrößertes mitteleuropäisches Einfamilienhaus auf die Bühne stellen. Die Inszenierung ging ganz explizit vom Bühnenbild aus.

Standard: Ein anderer großer Regisseur, mit dem Sie noch länger, nämlich dreißig Jahre, zusammenarbeiten, ist Jossi Wieler.

Viebrock: Jossi ist fast wie ein Bruder; wenn wir zusammenarbeiten, sind wir kontinuierlich am Hören, Analysieren und Reden. Bei ihm gibt es noch die klassischere Aufteilung in Regie, Dramaturgie, Ausstattung, Bühnenbild. Bei Christoph ist es anders; für ihn muss man eine Welt erfinden. Er will einfach die Darsteller erst mal kennenlernen. Die Inszenierung entwickelt er dann gemeinsam mit ihnen allen im Bühnenbild.

Standard: Welche Herangehensweise ist Ihnen lieber?

Viebrock: Ich schätze beide sehr. Meine Räume, besonders für Marthaler, sind ja nicht unbedingt Theaterräume. Sie sind geschlossene Systeme und als solche zum Beispiel auch schwer zu beleuchten. Das heißt, man muss sie wie reale Orte beleuchten, was eigentlich untheatralisch ist. Sie wirken wie echte, konkrete Orte, die sich seltsamerweise auf einer Bühne befinden.

Standard: Ihre Bühnenräume schauen oft so aus, als würde gerade noch wer darin gewohnt haben.

Viebrock: Das ist mir total wichtig. Entgegen dem Theaterabend, der einen Anfang und ein Ende hat, reizt mich der Gedanke, dass in dem Raum schon etwas passiert ist. Wenn man noch eine Vorgeschichte darin lesen kann und nicht das Gefühl hat, es sei nur eine Pappkulisse, die man eben mal für drei Stunden aufstellt, bekommt das Ganze eine noch größere Wahrhaftigkeit.

Standard: Hat Sie diese Arbeit auch ermutigt, seit 2002 auch immer wieder selbst Regie zu führen?

Viebrock: Ja, da fängt es schon an, dass man ein bisschen mitinszeniert.

Standard: Was interessiert Sie am Inszenieren?

Viebrock: Am liebsten erfinde ich mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf eigene Stücke oder Projekte. Die Raumerfindung ist dabei immer das Wichtigste. Es ist mir nicht so wichtig, Regie zu machen, sondern, möglichst zusammen mit Malte, bestimmte Genres, Texte und Themen zu erforschen. Stimmt der Raum, dann ist das schon die halbe Miete. Mir gefällt, dass man mit dem Raum alleine etwas erzählen kann.

Standard: Was erzählen Ihre Räume in "V ìc Makropulos"?

Viebrock: Das ist eine verworrene und komplizierte Geschichte über eine 337-jährige Frau, die da zu erzählen ist. Das Stück spielt 1927 und die Frau sucht verzweifelt nach dem alten Rezept, das ihr Leben, das zu Ende geht, noch einmal verlängern soll. Ich habe die Bühne dreigeteilt. In der Mitte befindet sich ein alter Gerichtssaal, da der Ausgangspunkt für die Handlung ja ein hundertjähriger Prozess ist und das Leben ja geprägt wird von Urkunden, Prozessen, Gerichtsbeschlüssen und dergleichen. Dieser Gerichtssaal ist flankiert von einem Hotelgang samt Schaufenstervitrine und einem Wartesaal, der eine Art Unendlichkeitsbild darstellt. In diesem Raum befinden sich die Sänger, bevor sie auftreten, und Christoph nennt diesen Warteraum "Denkraum".

Standard: Sie recherchieren sehr viel. Wie wichtig ist Ihnen historische Perfektion, etwa auch bei den Kostümen?

Viebrock: Ich finde schon richtig, dass man sich die Zeit genau anschaut; es ist ja auch immer wieder inspirierend, was man da entdeckt. Aber wenn es ganz zeitgetreu ist, wenn man nicht spürt, dass wir es heute machen, wird es langweilig. Deshalb gibt es auch in Makropulos, kostümtechnisch gesehen, einige bewusste Ausrutscher.

Standard: Was ist, von der Planung bis zur Fertigstellung, der aufregendste Moment - abgesehen vielleicht von der Premiere?

Viebrock: Die größte Anspannung ist, während es gebaut wird, ob die Gesamtästhetik stimmt. Bei der Malerei etwa muss man sich wirklich gut erklären und kann nur hoffen, dass es die Maler auch richtig verstanden haben. Aber man kann wirklich nur glücklich sein, wenn man so großartige Werkstätten hat wie hier in Salzburg. Ich war überhaupt nicht aufgeregt, sondern habe mich einfach nur gefreut, weil ich wusste, wie schön das gebaut ist. Das muss ich einfach immer wieder sagen: Dass man hier eine Holztäfelung bekommt, die auch tatsächlich aus Eiche ist, finde ich großartig. Das ist wirklich künstlerischer und handwerklicher Luxus. (Andrea Schurian/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 8. 2011)

Jimmy Deen
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' ... über eine 337-jährige Frau '

darf man die 337-jährige auch mal im bild sehen? :)

IchbinIch5
21

Neben Bert Neubmann und Klaus Grünberg die wahrscheinlich spannendste Bühnenbildnerin, die man finden kann. Allein ihre Räume für Jossi Wielers Jelinek-Inszenierungen - die Dienstbotenschule für "Rechnitz" werde ich nie vergessen. Und wie genau sie in den Opernarbeiten Räume für die Musik, vor allem aber für die einzelnen Figuren findet, macht ihr niemand nach. Aber wer nur plumpen Illusionismus sucht, wird bei ihr sicher nicht glücklich. Das sind Räume, über die man tatsächlich stundenland nachdenken kann und muss - auch dann finden sich noch erzählende Details.

Giuseppe Verdi
42
die frau stellt doch immer die gleichen räume auf

und kann nur in den schrecklichen 1950ger jahren kostümieren......das soll aufregend sein?

tief sind wir gesunken.

Antagonist1
20
Das eben

ist einer der Unterschiede zwischen
"aufregend" und "spannend":
SPANNEND ist schon lange nichts mehr daran, aber
AUFREGEND doch, nämlich die Impertinenz, mit der solche Namen immer noch hoch gespielt werden...

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