Straßendeals: Einsickern mit dem Ohrwurm

Reportage
2. August 2011, 18:29
  • U-Bahnen sind noch immer ein Hotspot der Drogenkriminalität. Neben uniformierten 
Polizisten sollen auch Kriminalbeamte einer Sondereinheit gegen den Handel dort 
vorgehen.
    foto: apa/herbert neubauer

    U-Bahnen sind noch immer ein Hotspot der Drogenkriminalität. Neben uniformierten Polizisten sollen auch Kriminalbeamte einer Sondereinheit gegen den Handel dort vorgehen.

Die Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität in Wien hat fast 9000 verdächtige Dealer festgenommen

Dass man den Kampf gegen Drogen nicht gewinnen wird, weiß man dort trotzdem.

***

Wien - Mit Vollgas jagt Michael Müller (Name geändert, Anm.) mit Blaulicht den VW entgegen der Fahrtrichtung über den Wiener Gürtel, fährt durch die U-Bahn-Unterführung beim Lokal Chelsea und auf der anderen Seite wieder gegen die Einbahn zu der Straßenecke, an der seine Kollegen warten. Die Kriminalpolizisten haben einen Mann an die Hauswand gedrängt und durchsuchen seine Taschen. Und finden, wonach sie gesucht haben: Drogen.

Elf Männer und eine Frau sind in dieser Freitagnacht dabei, um auf den Straßen der Bundeshauptstadt Dealer festzunehmen. Denn das ist die Hauptaufgabe der beiden Drogengruppen der im Jahr 2003 gegründeten EGS, der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität. Mehr als 8800 Verdächtige wurden erwischt, 190 Kilogramm Heroin, 55 Kilogramm Kokain und 900 Kilogramm Cannabis sichergestellt, rechnet Wolfgang Preiszler, der gemeinsam mit Margit Wipfler die Einheit gegründet hat, vor.

Bilanz soll gesteigert werden

Dass trotz der vielen Festnahmen noch immer auf den Straßen gedealt wird und die Preise für Drogen sogar gesunken sind, leugnet er nicht. Frustriert sei er aber auch nicht. "Man muss Erfolge anders definieren: Wir konnten verhindern, das weiterhin ungeniert tagsüber massiv gedealt wird. Aber man muss natürlich Realist bleiben: Dass wir nicht gewinnen werden, ist uns bewusst."

Müller und seine Kollegen versuchen, die Bilanz zu steigern. Rund um die U-Bahn-Station Längenfeldgasse, beim Verkehrsknoten Wien-Mitte, im Stadtpark, am Handelskai und entlang der U6.

Mit wechselndem Erfolg. Gleich zu Beginn der Streife bei der Längenfeldgasse tönt es aus Müllers Funkgerät. Abnehmer, SA, Kontakt - ein Abnehmer ist ein Drogenkonsument, SA ein schwarzafrikanischer Verdächtiger, Kontakt ein Deal.

In Szene einsickern

Müller erläutert die Arbeitsweise des Teams: "In einer U-Bahn-Station beispielsweise sickern wir in die Szene ein. Kollegen stehen auf den Bahnsteigen und beobachten, wer sich ihnen nähert, mit wem sie mitgehen. " Mittels "Ohrwurm", dem fast unsichtbaren Induktionshörgerät, werden Beobachtungen und Personenbeschreibungen ausgetauscht und taktische Anweisungen gegeben.

Wird ein Deal beobachtet, werden Kunde und Händler getrennt verfolgt. Zunächst wird der Käufer angehalten und kontrolliert. Wird Suchtgift gefunden, kann der Dealer festgenommen werden. Zu dritt oder zu viert. "Eine Festnahme allein durchzuführen ist zu gefährlich, da der Täter die Chance sieht, zu entkommen."

"Keine einzelne Mafia"

Nach der Festnahme machen sich Müller und sein Trupp auf den Weg. "Es ist sinnlos, hier ist jetzt für ein, zwei Stunden nichts mehr los", erklärt Müller. "Es gibt nicht eine einzelne große vernetzte Mafia, aber natürlich wird man sich gegenseitig über Razzien warnen", ist Preiszler überzeugt.

In der U-Bahn-Station Landstraße zeigt Müller auf die Telefonzellen im Mittelgeschoß. "Das sieht man schon, dass es eine Szene gibt." Denn auf den Ablageflächen dort liegen die Umhüllungen der Drogenkügelchen und Spritzenverpackungen. Zu einer Festnahme kommt es aber nicht, also wird in den Stadtpark übersiedelt.

Dort erwartet Müller eine Überraschung. Während sein Team Verdächtige beobachtet, kommt ein Duo vorbei. "Hallo", grüßt einer der beiden den Kriminalisten. "Den habe ich schon einmal erwischt", meint Müller lapidar, nachdem er zurückgegrüßt hat.

U-Bahn-Stationen sind unbeliebt

Nächste Station ist der Verkehrsknoten Handelskai. "Wir haben hier rund 15 Abnehmer und sechs SA", haben vorgeschickte Beamte gemeldet. U-Bahn-Stationen selbst sind bei Fahndern unbeliebt. "Die Kollegen müssen oft wechseln. In einer Station bin ich ja normalerweise nur, wenn ich ein- oder aussteige. Wenn jemand zehn Minuten auf dem Bahnsteig steht, wird die Gefahr der Entdeckung größer", erläutert Müller.

Möglicherweise auch aus einem anderen Grund - Verwechslungen wie im Fall Brennan können im Menschengewühl leichter passieren. Der Prozess um den US-Amerikaner, der von einem Beamten niedergerungen und verletzt wurde, regt Wolfgang Preiszler noch immer auf. "Wir haben einen Fehler gemacht, den wir sofort zugegeben und für den wir uns entschuldigt haben. Aber dass der Kollege deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist, ist unfair. Man steht dann mit einem Fuß immer vor dem Richter."

Trotz offenbar regen Handels sind die Beamten am Handelskai nicht erfolgreich. Denn die Übergaben finden beispielsweise in den Aufzügen statt, wo sie kaum beobachtet werden können - eine Anhaltung ist dann nicht möglich. Zu guter Letzt scheinen die Verdächtigen selbst Verdacht geschöpft zu haben. Im langsamen Trab verlassen sie die Station.

Bekämpfung des Straßenhandels

Den Vorwurf, dass gezielt Schwarzafrikaner beobachtet würden, verneint Müller. "Möglicherweise hätten wir es schwerer, wenn die Gruppen Österreicher als Händler einstellen. Aber sie machen das nicht und wollen offenbar unter sich bleiben."

Für Strukturermittlungen ist die EGS nicht zuständig, sondern nur für die Bekämpfung des Straßenhandels. Bei dem es für Müller durchaus noch Rätsel gibt. "Wir wissen zum Beispiel nicht genau, wie die Dealer zu ihrem Nachschub kommen. Wir vermuten, dass Drogen in manchen Call-Shops und Lokalen gebunkert werden, es kann aber auch sein, dass sie ein Zweiter vorbeibringt."

Ob das Ziel, den Straßenhandel zu beseitigen, nicht auch durch die staatliche Abgabe von Drogen erreicht werden könnte? Nein, glaubt Müller. Im Gegenteil, wenn etwas legalisiert werden würde, würden es auch mehr Menschen konsumieren und dadurch noch größere Probleme entstehen, ist er sich sicher. (Michael Möseneder, DER STANDARD-Printausgabe, 3.8.2011)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 394
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Yep

Im Gegenteil, wenn etwas legalisiert werden würde, würden es auch mehr Menschen konsumieren und dadurch noch größere Probleme entstehen, ist er sich sicher.......Alkohol ist legal darum trinkt ihn auch nicht jeder.......eine sehr dumme schlussfolgerung.

wenn die Kiberer zur Abwechslung am Karlsplatz

in den McDonalds oder Starbucks setzen würden, dann hätten sich stundenlang freie Sicht auf ganz viele Kontakte. Aber dort werden Händler und Kunden von den uniformierten Kollegen höchstens weggewiesen, und das maximal für 24 Stunden. Wie es scheint will man weder Kunden noch Händler kriminalisieren sondern nur von den Touristen fernhalten. Ist ja auch schiach zum anschauen sowas.

Wir haben einen Fehler gemacht, den wir sofort zugegeben und für den wir uns entschuldigt haben.

Aber dass der Kollege deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist, ist unfair.

fehler hin oder her hier wurden einem unschuldigen massive verletzungen (und schmerzen) zugefügt und ein ordentliches gericht hat hier den beamten verurteilt daran ist nichts unfaires.

Den Vorwurf, dass gezielt Schwarzafrikaner beobachtet würden, verneint Müller. "Möglicherweise hätten wir es schwerer, wenn die Gruppen Österreicher als Händler einstellen. Aber sie machen das nicht und wollen offenbar unter sich bleiben."

lt. dem beamten werden also keine österreicher "beschäftigt" also wird wohl doch nur auf SA`s geachtet. gibts so ein kürzel eigentlich auch für alle anderen nationen?

STOP DER BEVORMUNDUNG

Höchste Zeit, Drogen zu legalisieren, dann könnte sich die Polizei um richtige Verbrechen kümmern.

Erwachsene müssen die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, was sie essen, trinken, konsumieren, etc.

Auf wieviel gemaßregelte SA´s kommt eigentlich ein Österreicher ???

"Wir haben einen Fehler gemacht, den wir sofort zugegeben und für den wir uns entschuldigt haben."

FALSCH!

Ich erinnere mich noch an den damaligen Club2, bei dem Brennan zu Gast war. Er erzählte, dass sich bis heute niemand bei ihm entschuldigt hat. Die Überwachungsvideos sind ja auch komischerweise "verschwunden"...Die Polizei ist schlicht unfähig Fehler zuzugeben und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Brennan hat allerhand gesagt,

etwa auch dass der Beamte (der trainierte Boxer) minutenlang auf ihm gekniet ist und auf seinen Kopf eingeschlagen hat. Allerdings wurden keinerlei Kopfverletzungen festgestellt, und Nein, die Untersuchung erfolgte nicht durch einen Polizeiarzt sondern in einem Krankenhaus, nur um weiteren Verschwörungstheorien vorzubeugen.

Zu den verschwundenen Überwachungsvideos: Die gab es nie, denn in der Station Spittelau erfolgt (wie in einigen anderen Staionen auch) keine Aufzeichnung der Bilder aus den Überwachungskameras, die Kameras dienen lediglich der Live-Überwachung in der Stationsaufsicht.

"...regt Wolfgang Preiszler noch immer auf."

Da wird er sich aber nicht freun, der anonymisierte Michael Maier, wenn er seinen richtigen Namen in der Zeitung liest!

der Hr. Müller is wohl der einfache Beamte auf der Straße

"... rechnet Wolfgang Preiszler, der gemeinsam mit Margit Wipfler die Einheit gegründet hat, vor."

http://www.bmi.gv.at/cms/cs03p... L_8737.jpg

Hier die beiden mit der Mizi.
Wenn ich das Foto seh wundert mich dann der Artikel auch nicht mehr...

viel sinnvoller wäre eine generelle legalisierung aller drogen, wie es zb in portugal der fall ist. dies hat unglaubliche positive konsequenzen:

*) menschen werden nicht mehr illegalisiert, sondern gelten als "suchtkrank", folglich würden sie sich vermehrt trauen, sich professionelle hilfe zu holen
*) es könnte geld für suchtprävention, bzw. behandlung von süchtigen ausgegeben werden, anstatt zu versuchen straßendealerei zu bekämpfen, was ohnehin nie zu gewinnen ist.
*) ein offenerer umgang mit drogen hat den vorteil, dass nicht willkürlich einige wenige drogen als böse deklariert werden, während andere (alk, tabletten) als gesellschaftlich akzeptabel gelten.
*] etc. etc.

Ja, von mir aus - alles legalisieren. Aber dann bitte nicht von der Gesellschaft eine "Therapie" bezahlen lassen. Soll jeder der will spritzen was er will - wenn er daran krepiert, sein Pech!

Zum verständnis

Sucht ist eine Krankheit!!
Sie werden ja auch behandelt wenn sie krank sind oder?

Jaja, wissen wir. Auch zu viel fressen ist ja heute schon eine "Krankheit" ...

was würd das denn kosten, diese zusätzlichen ausgaben für sozales? einen mückensch.ss!
spekulanten spekulieren, weil sie wissen, dass der staat bestimmte unternehmen nciht eingehen lässt.
subventionen und andere maßnahmen der "standortsicherung" (sic!) damit haben die meisten auch kein problem, obwohl es komplett absurd ist.

die paar sozialschmarotzer, geh bitte, vergleichbar zu anderen ausgaben ist das ja nix!

Dann aber auch keine

Alkoholentzug auf Krankenkassenkosten. soll jeder sauffen was er will, wenn er/sie krepiert - Pech?

Zu den Kosten: Jeder Drogensüchtige (egal ob Heroin oder Alkohol) der von der Drogen wegkommt (und das geht in der Regel nur mit ärztlicher Hilfe) und ein normales Leben führen kann kostet auf Dauer gesehen dem Staat weniger als ein Süchtiger.

Abgesehen dass ihr Einstellung unmenschlich ist.

Unsinniges, asoziales Gewäsch...

Wieso asozial? Im Gegenteil. Ich möchte niemandem verbieten, das zu konsumieren was er möchte - nur hat eben jeder die Konsequenzen für sein Verhalten selbst tragen!

Süchtigen die Hilfe vorzuenthalten, die sie brauchen, völlig egal ob die Droge legal oder illegal ist, ist nunmal asozial...

'Gesellschaft' kann sehr wohl die Kosten einer Therapie tragen, wenn die legalisierten Drogen entsprechend hoch versteuert werden würden (siehe Tabaksteuer) Kosten für Therapien bzw. Behandlung von Folgeschäden für Alkohol- oder Tabaksüchtige werden heutzutags ja auch von den Krankenkassen getragen. In der aktuellen Situation muss der Steuerzahler die Therapie sowieso zahlen, weil Suchtmittelabhängigkeit eine behandlungsbedürftige Krankheit ist, nur dass die potentiellen Steuereinnahmen bereitwillig kriminellen Drogenbanden überlassen werden...

Ja, ja, Zivibullen: Herren Mitte 50 in Unauffälligen Jeans und Parkas mit den "kaum sichtbaren" Kopfhörern und vielleicht auch noch mit Sonnenbrillen.

Man kann zur Drogenverfolgung stehen wie man will: aber glauben Sie mir

die Typen von der Truppe sind einerseits wirklich unauffällig und diejenigen die die Scheinkäufe tätigen wirken haargenau wie Giftler. Bin öfters am Strafgericht tätig und man kann die Scheinkäufer von den echten Süchtigen kaum unterscheiden.

Es läuft ja anders als im Bericht gesagt. In der Realität ist die Polizei dazu übergangen selbst als Scheinkäufer aufzutreten. Das hat den VOrteil das man dann nur den Dealer verfolgen muss und ausserdem die Zeugenaussage verlässlicher ist.

Stimmt ja gar net

Bei der Polizei werden fahnen gehisst wenn man einen Konsumenten hat

na, wenn man..

beim bier bleibt, passt das schon.

Herr Müller...

...weg mit dem Alkohol und Augen auf!

SA ..

.. unangenehme Assoziationen :(

Posting 1 bis 25 von 394
1 2 3 4 5 6 7 8 9

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.