"Ich hoffe auf ein Machtwort des Bürgermeisters"

Interview |

Wien wolle die Pflegevereinbarung für die jüdischen Friedhöfe nicht unterschreiben, klagt Ariel Muzicant - Das Gegenangebot der Stadt ist für den Kultusgemeinde-Chef eine "Frotzelei"

STANDARD: Seit Anfang des Jahres liegt eine Lösung zur Rettung der jüdischen Friedhöfe auf dem Tisch. Bisher haben diese nur Stockerau und Deutschkreutz unterschrieben. Warum geht nichts weiter?

Muzicant: Ich bin auch ungeduldig. Es gibt noch zwei Probleme: Es fehlen die Pflegevereinbarungen, und es bremsen einzelne Gemeinden.

STANDARD: Diese Vereinbarung sieht vor, dass jede Gemeinde 20 Jahre lang die Pflege des Friedhofs übernimmt. In Zeiten knapper Budgets scheint das schwierig.

Muzicant: Einige Gemeinden stehen auf dem Standpunkt: Können wir nicht! Wir haben kein Geld! Daraufhin hat sich der Gemeinde- und Städtebund eingeschaltet, mit dem ich ausgiebigst verhandelt habe. Geht alles gut, wird es im August eine endgültige Pflegevereinbarung geben.

STANDARD: Aber nicht jede Gemeinde wird sich die Pflege ihres Friedhofs leisten können.

Muzicant: Fehlt einer Gemeinde tatsächlich das notwendige Geld, dann springen in Niederösterreich, in der Steiermark und im Burgenland die Länder ein. Es gibt aber noch eine zusätzliche Schwierigkeit: die Stadt Wien. Die steht auf dem Standpunkt, die vorliegende Vereinbarung nicht unterschreiben zu wollen.

STANDARD: Warum nicht?

Muzicant: Es gibt zwar eine Zusage von Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), aber auf Beamtenebene stellt sich das ganz anders dar: Die Magistratsabteilung 5 hat mich sozusagen in die Wüste geschickt. Ihr Gegenvorschlag war, uns das zu geben, was schon bisher bezahlt worden ist: 340.000 Euro für die Instandhaltung des 4.Tores am Zentralfriedhof. Aber wir kommen schon dort kaum mit dem Geld aus, und jetzt sollen damit alle fünf Friedhöfe gepflegt werden. Das ist eine Frotzelei! Ich hoffe auf ein Machtwort des Bürgermeisters.

STANDARD: Wackelt die Einigung?

Muzicant: Ich glaube nicht.

STANDARD:  Wie schnell braucht es eine Entscheidung über die Sanierung der Friedhöfe, bevor alle völlig verfallen sind?

Muzicant: Täglich geht etwas kaputt - und damit verloren. Und das seit Jahrzehnten. Ich habe mir aber als Ziel gesetzt, dieses Projekt noch in meiner Amtszeit auf die Schiene zu bringen.

STANDARD: Ende 2012 finden die Wahlen in der Kultusgemeinde statt. Sie werden also nicht vorzeitig die Präsidentschaft übergeben?

Muzicant: Wenn ich vorzeitig gehe, dann passiert das erst 2012. (Peter Mayr, DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2011)

ARIEL MUZICANT, 1952 in Haifa geboren, aufgewachsen in Wien, ist seit 1998 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien.

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18 Postings
Nur der Vollständigkeit halber:

Im Washingtoner Abkommen hat Österreich sich dazu verpflichtet, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen.

http://www.de.nationalfonds.org/docs/BGBl... 1_2001.pdf

http://www.gedenkdienst.at/index.php?id=544

340.000 Euro für die Instandhaltung des 4.Tores am Zentralfriedhof. Aber wir kommen schon dort kaum mit dem Geld aus, und jetzt sollen damit alle fünf Friedhöfe gepflegt werden.

also will Muzicant vermutlich 1,7 Mio haben und beschwert sich also nur darüber daß er weniger bekommt

ich frage mich wirklich, welchen Sinn die Pflege von Friedhöfen um solche Summen haben soll, das Geld das da für "Verhübschung" rausgeballert wird wäre derzeit an allen Möglichen Ecken und Enden besser angelegt

wayne interessierts denn bitte wie das Grab ausschaut während wir unterirdisch verschimmeln und zu Wurmfutter werden?

ist unsere Gesellschaft noch immer nicht in der Lage mit der eigenen Sterblichkeit sinnvoll umzugehen?

Nachdem von den knapp 200.000 österreichischen Juden

nach 1945 gerade mal eine Handvoll überlebt hatten, die IKG heute um die sechstausend Mitglieder hat, sche. sich die Antisemiten und Konsorten ins Hoserl weil die Friedhöfe mangels Überlebender und deren Nachkommen nicht ausreichend gepflegt werden können.

Wien hat für alle Konfessionen aufzukommen..

es sei denn es handelt sich um "Privatfriedhöfe".
Wenn Wien den Zentralfriedhof gegenrechnet , dann ist das eine Frechheit!

Ebenso aber wäre es unverschämt wenn Steuergelder für die Renovierung von "Privatfriedhöfen" verwendet werden würden oder auch gefordert werden würde.

Bitte nicht wieder mit der Vergangenheit argumentieren, das ist im Heute auch nicht mehr Zeitgemäß dafür hätte auch nur eine Minderheit Verständnis.

Washingtoner Abkommen.

Schlagen sies einfach mal nach.

Wären sie von der vergangenheit selbst betroffen und ihre ganze familie ausgerottet worden, wären sie vielelleicht heute nicht da, und wenn sie da wären, dann sollten sie wenigstens verständnis spüren.

das ist richtig so.

vertritt Muzicant wirklich seine religion?

http://kreisbildstelle-illertissen.de/jufried.htm

Im Judentum wird der Friedhof als Haus des ewigen Lebens oder als Haus der Ewigkeit benannt.
deshalb gilt:
Unantastbarkeit jedes einzelnen Grabes
keine Doppelbelegung einer Grabstätte
!!! keine Grabpflege (natürlicher Verfall) !!!

Vielleicht täusche ich mich

aber gibts nicht im Judentum ein Pflegeverbot der Gräber?

Oder verwechsle ich das mit einer anderen Religion

Ansonsten sollen man die Friedhöfe als Gedenkstätten erhalten - die Gräber aber schön langsam auflassen.

studieren sie judaistik,
lernen sie hebräisch, erst dann werden sie es verstehen.

Besuchen Sie, Ungeist,

doch einen jüdischen Friedhof, in dem Beerdigungen stattfinden, dann werden Sie sehen, daß Sie sich täuschen.

ich komme nicht umhin, Herrn Muzicant zumindest eine Teilschuld für einen drohenden, kommenden FPÖ-Wahlsieg zu geben!

Ja, ja: "Die J*den und die Radfahrer sind schuld"

Nichts Neues aus dem braunen Eck...

Sich an anderer Stelle über .....

..." ich ein Antisemit - bei dem familiären Hintergrund " zu beschweren UND DANN DAS !

würden sie das bitte erklären?

Ich kann Ihrer Logik gerade nicht folgen?

Typisch, edgemeggs,

in Schuldzuweisungen sind Sie großartig!
Wird wohl in anderen Bereichen etwas fehlen.

Können Sie das erläutern?

Ich verstehe nämlich nicht, weshalb das so sein sollte.

schuld sind immer noch die wähler, die die fpö auch wählen!

Juden sind ja bekanntlich auch am Antisemitismus und am Aufstieg der Nazis schuld.

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