Die Zeiten, in denen Cannabis aus Afrika importiert wurde, sind vorbei - Stattdessen geht der Trend zu "Homegrowing" - Auch die großen Kokain-Kartelle in Südamerika haben laut Europol an Glamour eingebüßt
Die Cannabispflanzen neben dem Foyer im Hauptquartier der europäischen Polizeibehörde Europol gedeihen prächtig. Auch die Maschine, mit der Ecstasytabletten produziert werden können, rattert munter vor sich hin. Ein Hort der Drogenproduktion ist hier dennoch nicht - in dem Raum finden Schulungen für Drogenfahnder aus ganz Europa statt, wie Robert H. von der Europol-Abteilung 06, die für organisierte Kriminalität zuständig ist, erklärt.
Wer einen europaweiten Überblick über den kriminellen Teil der Drogensituation erhalten will, ist in dem viertürmigen Neubau im niederländischen Den Haag gut aufgehoben. Hier werden die Erkenntnisse der nationalen Behörden ineinander verwoben.
Ein deutlicher Trend ist dabei das "Homegrowing" von Cannabispflanzen. "Ein kleines Zuchtzelt kostet ungefähr 10.000 Euro. Ab der zweiten Ernte macht man Gewinn - und es sind jährlich vier möglich", erklärt H. "Für die organisierte Kriminalität ist das ideal. Es amortisiert sich schnell und ist risikoärmer als beispielsweise der Schmuggel von Heroin."
Die Zeiten, als Haschisch und Marihuana großteils aus Nordafrika kamen, sind demnach vorbei. Obwohl noch immer genügend von dort nach Europa kommt. "Oft kombiniert mit Menschenhandel. Wenn die Schnellboote erwischt werden, wird die Ware ins Meer geschmissen und man gibt sich als Flüchtling aus", schildert der bullige deutsche Beamte. Bei der innereuropäischen Produktion waren die Niederlande Vorreiter, aber mittlerweile praktiziert man es überall.
Dabei gehen die Täter immer professioneller vor. Da man viel Strom für die Aufzucht benötigt, werden mittlerweile fremde Leitungen angezapft, um hohen Stromrechnungen zu entgehen. Der Einsatz von Wärmebildkameras, mit denen man die notwendige Zuchttemperatur orten kann, wird mit besseren Isolierungen bekämpft. Es finde auch ein Outsourcing statt, erzählt H. Eine niederländische Gruppe lässt beispielsweise in Tschechien produzieren und reimportiert dann die Ware.
Breitere Balkanroute
Heroin kommt dagegen noch immer zu 99 Prozent aus Afghanistan - und dabei bleibt die Balkanroute führend. Diese hat sich aber laut Europol etwas verbreitert - auch Bulgarien und Rumänien werden wichtiger, Ungarn entwickelt sich zusehends zu einer Abpackstation.
Neu ist aber, dass die organisierten Gruppen zusehends flexibler werden. Containerlieferungen von Heroin oder Kokain kommen beispielsweise in Rotterdam an, werden umgeladen und gehen in Montenegro an Land, wo sie für den Vertrieb vorbereitet werden.
Wie schwierig es ist, Drogenlieferungen abzufangen, verdeutlicht H. mit einem Rechenbeispiel. "Auf die größten Schiffe passen 15.000 Sechs-Meter-Container. Wenn man die aneinander reiht, sind das über 91 Kilometer. Das kann man unmöglich alles kontrollieren." Er erinnert sich auch an einen Fall, bei dem man wusste, dass auf einem Schiff 100 Kilogramm Heroin versteckt sind - gefunden wurde es nicht.
Die US-amerikanischen Bemühungen, das Kokainproblem in Südamerika buchstäblich an der Wurzel auszutilgen, findet er sinnvoll. "Die Bekämpfung muss bei der Pflanze ansetzen, die Zerstörung von Feldern ist notwendig. Wenn wir die Produktion nicht reduzieren, werden wir nicht erfolgreich sein." Denn: "Wie effizient war Europa bisher?"
Weniger Coca-Anbaufläche
Gleichzeitig gesteht er ein, dass es einen Balloneffekt gibt - gesunkener Produktion in Kolumbien steht ein Anstieg in Peru und Bolivien gegenüber. Die offiziellen Zahlen der UNO scheinen seiner grundsätzlichen Einschätzung aber recht zu geben: Die Coca- Anbaufläche ist demnach seit dem Jahr 2000 um ein Drittel zurückgegangen.
Zumindest in Südamerika sei die Zeit der großen Kartelle mit prominenten Bossen wie Pablo Escobar vorbei. Die neuen Gruppierungen sind rein wirtschaftlich ausgerichtet und arbeiten mit vielen Seiten zusammen. In Kolumbien sitzen Vertreter europäischer Gruppen, mit denen dann über Preis und Routen verhandelt wird, der Schmuggel wird anschließend teilweise wieder ausgelagert. Als Gegenmittel hat man mittlerweile ein Abkommen über den Datenaustausch mit Kolumbien getroffen, nachdem dort die Datenschutzrichtlinien von Europol implementiert worden sind. (Michael Möseneder aus Den Haag, DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2011)