Würde es sich beim Terroristen von Oslo um einen türkisch-muslimischen Einwanderer handeln, hätte der Presse-Chefredakteur, Michael Fleischhacker, nicht dazu aufgerufen, "zur Tagesordnung überzugehen"
Würde es sich beim Terroristen von Oslo um einen türkisch-muslimischen Einwanderer handeln, hätte der Chefredakteur der Presse, Michael Fleischhacker, in einem Leitartikel sicher nicht dazu aufgerufen, "zur Tagesordnung überzugehen". Seine Kommentare zu anderen Terrorakten legen das nahe.
Und über einen islamistischen Täter hätte Michael Jeannée in der Krone nicht das geschrieben: "Was ist der Unterschied zwischen Estebaliz, der mutmaßlichen ... Männer-Zerstücklerin aus Meidling und dem mutmaßlichen ... Schlächter aus Oslo? Meine Antwort ist ebenso erschütternd wie einfach: Bis auf die Anzahl der Opfer fällt mir keiner ein."
Bei der Beurteilung des "geständigen Täters" ist auch in seriösen Medien immer wieder das Wort "wirr" gefallen - das ist im Volksmund selbst der Gebildeten nicht weit von "irr" oder gar "wahnsinnig".
Wenn man den Jeannée-Vergleich liest, denkt man angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser These unwillkürlich ebenfalls an die Wörter "wirr" und "irr", ohne dem Postler der Krone eine Geisteskrankheit zu unterstellen. Leider greifen auch geachtete Journalisten schnell zum Wörtchen "wirr", wenn sie Taten oder Pamphlete eines Menschen nicht verstehen können oder wollen.
Aus dem Interview, das Christoph Prantner für den Standard mit dem Philosophen Lars Gule geführt hat, und aus einer Analyse von Hans Hütt im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geht etwas anderes hervor. Gule: "Diese Anlagen (die von Breivik, Anm.) haben viele. Warum wurde er nicht Extrembergsteiger ...? Wegen seines politischen Interesses und seiner ideologischen Ausrichtung fand er zu dieser Aktion. Die Ideologie gab der Persönlichkeit ihre Richtung."
Hütt skizziert Breiviks auch sonst weit verbreitete Kulturkampf-Position: "Auf den ersten 250 Seiten seines Manifests entwickelt er eine Anklage gegen den kulturellen (Selbst-)Verrat unter dem Signum der ... Multikultiwelt." Und einige Zeilen weiter zitiert Hütt den Täter: "Wenn Westeuropa nicht das Schicksal des Libanon erleiden will, muss man sich wehren."
In einem anderen analytischen Text der noch nie in den Verdacht linker Umtriebe geratenen FAZ schreibt Joseph Croitoru: "Viele Passagen seines Manifests hat Breivik aus dem Internet kopiert. Und vieles davon ist auch in hiesigen Publikationen zu finden, deren Urheber sich als Beschützer des Abendlandes vor der angeblichen Islamisierungsfahr in Szene setzen."
Trotz all dieser Überlegungen fällt österreichischen Verantwortlichen nichts anderes ein als mehr Überwachung - obwohl ihr Ausmaß bereits den Rechtsstaat belastet.
Dann müsste die Polizei aber nicht nur islamische Bethäuser, sondern auch katholische Sakristeien observieren. Wer sagt denn, ob nicht auch dort Waffen oder Sprengstoff gehortet werden?
Weil Umfragen belegen, dass die Österreicher "Überwachung" schätzen, solange es sie nicht selbst betrifft, sind Politiker reflexartig dafür. Philosophische Überlegungen sind ihnen fremd. (DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2011)