Ein "irrer" Terrorist und "wirrer" Journalismus

Kolumne | Gerfried Sperl, 31. Juli 2011, 18:39

Würde es sich beim Terroristen von Oslo um einen türkisch-muslimischen Einwanderer handeln, hätte der Presse-Chefredakteur, Michael Fleischhacker, nicht dazu aufgerufen, "zur Tagesordnung überzugehen"

Würde es sich beim Terroristen von Oslo um einen türkisch-muslimischen Einwanderer handeln, hätte der Chefredakteur der Presse, Michael Fleischhacker, in einem Leitartikel sicher nicht dazu aufgerufen, "zur Tagesordnung überzugehen". Seine Kommentare zu anderen Terrorakten legen das nahe.

Und über einen islamistischen Täter hätte Michael Jeannée in der Krone nicht das geschrieben: "Was ist der Unterschied zwischen Estebaliz, der mutmaßlichen ... Männer-Zerstücklerin aus Meidling und dem mutmaßlichen ... Schlächter aus Oslo? Meine Antwort ist ebenso erschütternd wie einfach: Bis auf die Anzahl der Opfer fällt mir keiner ein."

Bei der Beurteilung des "geständigen Täters" ist auch in seriösen Medien immer wieder das Wort "wirr" gefallen - das ist im Volksmund selbst der Gebildeten nicht weit von "irr" oder gar "wahnsinnig".

Wenn man den Jeannée-Vergleich liest, denkt man angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser These unwillkürlich ebenfalls an die Wörter "wirr" und "irr", ohne dem Postler der Krone eine Geisteskrankheit zu unterstellen. Leider greifen auch geachtete Journalisten schnell zum Wörtchen "wirr", wenn sie Taten oder Pamphlete eines Menschen nicht verstehen können oder wollen.

Aus dem Interview, das Christoph Prantner für den Standard mit dem Philosophen Lars Gule geführt hat, und aus einer Analyse von Hans Hütt im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geht etwas anderes hervor. Gule: "Diese Anlagen (die von Breivik, Anm.) haben viele. Warum wurde er nicht Extrembergsteiger ...? Wegen seines politischen Interesses und seiner ideologischen Ausrichtung fand er zu dieser Aktion. Die Ideologie gab der Persönlichkeit ihre Richtung."

Hütt skizziert Breiviks auch sonst weit verbreitete Kulturkampf-Position: "Auf den ersten 250 Seiten seines Manifests entwickelt er eine Anklage gegen den kulturellen (Selbst-)Verrat unter dem Signum der ... Multikultiwelt." Und einige Zeilen weiter zitiert Hütt den Täter: "Wenn Westeuropa nicht das Schicksal des Libanon erleiden will, muss man sich wehren."

In einem anderen analytischen Text der noch nie in den Verdacht linker Umtriebe geratenen FAZ schreibt Joseph Croitoru: "Viele Passagen seines Manifests hat Breivik aus dem Internet kopiert. Und vieles davon ist auch in hiesigen Publikationen zu finden, deren Urheber sich als Beschützer des Abendlandes vor der angeblichen Islamisierungsfahr in Szene setzen."

Trotz all dieser Überlegungen fällt österreichischen Verantwortlichen nichts anderes ein als mehr Überwachung - obwohl ihr Ausmaß bereits den Rechtsstaat belastet.

Dann müsste die Polizei aber nicht nur islamische Bethäuser, sondern auch katholische Sakristeien observieren. Wer sagt denn, ob nicht auch dort Waffen oder Sprengstoff gehortet werden?

Weil Umfragen belegen, dass die Österreicher "Überwachung" schätzen, solange es sie nicht selbst betrifft, sind Politiker reflexartig dafür. Philosophische Überlegungen sind ihnen fremd. (DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2011)

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Zarathustra
11
"Die Ideologie gab der Persönlichkeit ihre Richtung." - Wohl kaum...die Persönlichkeit gab der Ideologie die Richtung.

Von welcher Ideologie sprechen wir bei einem Mischmasch aus Kreuz- u. Tempelritter, Freimaurer und Philosemit, Islam- und Frauenhasser? Das ist eine zusammengeschusterte Ideologie zur Rechtfertigung einer schweren Geisteskrankheit, gewuchert aus einem Mutterkomplex. Und was die Kritik an Fleischhacker, Krone und Co angeht. Hätte es sich beim Terroristen um einen Muslimen gehandelt, hätte der Standard alles getan um ihn als wirren Einzeltäter darzustellen und den Islam als friedlich, anstatt ein propagandistisch völlig impotentes Christentum anzupatzen. Wäre der Attentäter durch die Waffe eines potentiellen Opfer gestoppt worden, hätte es auch keine absurden Forderung nach Verschärfungen gegeben, usw...jaja..der Splitter im Auge des Bruders.

Pauli Feuerstein
00
Ich glaub ich werd grad zum Zoroastrier!

censeoiactaest
00
Jede Erklärung

einer Tat ist auch ein bisschen eine Verteidigung
dafür und des Täters, zumindest einen Moment lang.
(Fast) niemand, zumindest keine öffentliche Person,
will aber in den Geruch kommen,
dass da auf irgendeiner Ebene sowas wie
Verständnis zu finden wäre. Deswegen tun sich
Journalisten und Politiker ziemlich schwer das
verbal einzuordnen.
Der Anwalt des Täters, dessen Pflicht es ist ihn
irgendwie zu verteidigen, hatte anfangs vor der
Presse auch diese Sprachlosigkeit und hat sich
jetzt auf die verkürzte Formel festgelegt,
dass der Täter irr sein muss.

johann steiner
00

vernünftiger Kommentar, wenn ich das schriebe, würde es sofort zensuriert , hier im Standard Online

BigPeng
02
Nach all dem zum Themenkomplex "multikulturelle Gesellschaft" Geäusserten steht eines fest: Die allermeisten Experten, Politiker, Journalisten etc. sind hierbei meist überfordert und hilflos.

Folgende Fragen sind bis heute nach bald 20 Jahren "multikulti" immernoch unzureichend oder gar nicht beantwortet:

WAS IST eigentlich
.Kultur?
.Ethik?
.Vernunft?

.wie sind diese miteinander verknüpft?
.was sind die Gründe für Xenophobie?
.wie weit kann Toleranz gehen, ohne die eigene Identität zu verlieren?
.wie sieht denn die Wechselbeziehung von Liberalität und Ethik aus?
.was ist bei widersprüchlichen Elementen der verschiedenen Religionen innerhalb einer? Gesellschaft?
.wann ist denn eine Gesellschaft noch eine GESELLschaft? (kommt von gesellig!)
.wie lässt sich Kant's kategorischer Imperativ auf eine Gesellschaft sehr konträrer Kulturen abbilden??

Konflikte sind vorprogrammiert, deren Analyse meist unzureichend...

Michael Tfirst
 
00
Völlig wertfrei:

Ist die die Mitarbeiterin von Kardinal Schönborn eine Verwandte des Presse-Chefredakteurs?

http://www.erzdioezese-wien.at/edw/wegwe... nummer=219

Ich frage hier via Posting, ob mir jemand darüber (aber bitte seriös) Auskunft geben kann?

Danke!

Michael Tfirst

Pauli Feuerstein
00
Nein, die Frau vom Krone Innenpolitikschreiberlings

ist die Presseschefiza vom Fayman! Würdig einer Respublica Banana!

w.p. r
01

na selbst wenn ... blockwart'sche vorlieben für sippenhaftung?

find a girl, ...

Die Aufklärung
 
10
Offenbarungen

Für die sogenannten "Offenbarungsreligionen" ist die Existenz eines persönlichen Teufels Glaubensdogma. Das erleichtert die Zuordung bestimmter Denkweisen/Eigenschaften/Handlungen an diesen "Teufel". Das mit dem Wahnsinn ist eine Sonderform des "vom Teufel besessen sein"

Damit stehlen sich die bestimmte Gesellschaftsteile aus ihrer Verantwortung, wenn z.B. rechtsradikale Täter das real umsetzen, was rechtsradikale Hetzer im Grunde unverhüllt als notwendig preisen.

Diese Leute machen es sich damit ganz einfach: der Wahnsinn war's, oder der Teufel, vielleicht beide.

Prof. Milgram (Milgram-Experiment) und die griechische Götterwelt konstituierten das anders: in uns allen ist Teufel-oder Gott, Gut und Böse. Wir tragen alle Verantwortung.

Igor Gassner
11
Zitat

Dann müsste die Polizei aber nicht nur islamische Bethäuser, sondern auch katholische Sakristeien observieren. Wer sagt denn, ob nicht auch dort Waffen oder Sprengstoff gehortet werden?

Damit führt er seine Argumentation selbst adabsurdum und er versteht es nicht einmal, weil er keinen Ahnung hat wie sich Islam und Christentum unterscheiden.

Orzoro
56
Ähem, da war nur noch eine letzte Frage....

Wo im Leitartikel ruft Fleischhacker

http://preview.tinyurl.com/3e24b5u

eigentlich dazu auf, "zur Tagesordnung überzugehen"; wurde sein Text in der online-Ausgabe vielleicht inzwischen verändert?

Die Aufklärung
 
10
Nein

Nein, der (studierte) katolische Theologe Fleischhacker hat das geschrieben, was seiner Meinung nach der Theologie entspricht, und den Kirchen, die ja den persönlichen Teufel dogmatisierten, den Fluchtweg offen lässt. Weil den braucht sie, um Andersdenkende zu diffamieren (er ist des Teufels) bis verbrennen - und weil damit Untaten aus ihrem Geist heraus leicht abgeschoben werden können.

Orzoro
03
@ 'THE MGT.', 'FloW ERlebnis' und 'I am in the know'

Vielen Dank! Ich bin bei meiner Suche nach dem Artikel nicht weiter zurück gegangen als 30.5, zumal auch im Forum von "Brandstiftern" die Rede ist. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Sperl eine solch lange Reaktionszeit braucht! ;o)

Fleischhacker, der mir seit längerer Zeit sehr unsympatisch ist, schockiert immer wieder mit absolut jenseitigen Stellungnahmen. Er ist irgendwie "Modell 2.0" seines Vorgängers, dessen Namen ich verdrängt habe.

THE MGT.
00
Unterhacker ... Fleischberger ... gleich hab ich's ...

PS: wg. der Raktionszeit, Sperl schreibt die Kolumne 1x in der Woche. In dem Fall hätt er also schon vor erscheinen jener in der Presse darauf reagieren müssen, präkognitiv quasi. Das ist schon ein recht hoher Anspruch.

Orzoro
01
Gut, wenn Sperl

allein durch seinen Ruhestandsvertrag mit der Zeitung zu einer "langen Reaktionszeit" verurteilt wurde, muß er, *der ehemalige Chefredakteur*, begreifen, dass der gedankliche Anstoß für seine Glosse besonders gut definiert werden muß, hier durch passende Links kinderleicht zu bewerkstelligen gewesen.

Mein erster stilistischer/einhaltlicher Eindruck dieses Kommentars, den ich wegen der Wichtigkeit des Themas nicht gleich an die große Glocke hängen wollte, war, dass er im verbitterten Abwehrkampf gegen den sich gnadenlos nähernden Redaktionsschluß geschrieben worden war. Der/die durchschnittlichste AT DeutschlehrerIn hätte im Marginal zu dem Inhalt bzw. der Strukturierung mit dem Rotstift allerhand zu sagen gehabt! ;o)

FloW ERlebnis
00

Nicht der vom Sa sonder Mo letzter Woche.

I am in the know
22

allein die Formulierung "Die Beteuerung der linken Moralapostel [...]" zeigt, wie populistisch Fleischhacker ist. Der österr. Journalismus ist so oder so zum Vergessen, von intellektueller Qualität in größeren Tageszeitungen darf man nicht einmal mehr träumen.

Just N. Opinion
 
00
Zum Glück kriegt er verdientermaßen

im Forum der "Presse" von zahlreichen Postern eins übergebraten für diesen jenseitigen Vorschlag, angesichts des Massakers zur Tagesordnung überzugehen. Schwachkopf.

trollvottel
23

Ich halte ihn nicht für "populistisch".

Ich halte ihn schlicht für rechtsextrem.

Zarathustra
11

Ja...so ändern sich die Zeiten. Vor 50 Jahren hätte so ein Artikel von einem Sozi stammen können. Heute ist sowas "rechtsextrem".

trollvottel
00

Ja, Zara: Die Punschkrapfen werden seltener.

Igor Gassner
43
Europa wird nicht das Schicksal des Libanons

erleiden denn die Zuwanderung ist nicht gleichmäßig. Es wird in 100 jahren fastislamische Staaten wie Deutschland neben erzkatholische wie Polen geben, das Ergebnis wird sich nach den Gesetzen der Physik und der Chemie vollziehen nur eben politisch.

natascha kober
00

wo kann ich die Originalzitate von Fleischhacker und Jeannée nachlesen - im Stillen hoffe ich, dass es, wenn es im Zusammenhang gelesen wird, anders klingen könnte ....

paradiselost
00
wozu die aufregung?

als ob in oesterreichischen medien - seit 1945 - zu irgendeinem thema ernst zu nehmende intellektuelle debatten gefuehrt worden waeren.

verglichen mit dem "hirnfutter", das eins taeglich - nicht nur in wochenendbeilagen - z.b. in der "sueddeutschen zeitung" vorfindet (ohne verweise auf ausfuehrlicheres material in der online-ausgabe), lohnt es sich immer weniger, sich an hiesigen medien - print wie elektronisch - zu reiben. ausser magengeschwueren ist daraus nix zu produzieren.

tut mir leid, kollege sperl, aber das haben sie - meiner erinnerung nach - in ihren frueheren (grazer) jahren nicht viel anders gesehen. trotzdem: danke - fuer den versuch.

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