Gefährliche Manöver im Stillen Ozean

31. Juli 2011, 18:24
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China geht in die Offensive: Peking hat mit dem Bau eigener Flugzeugträger begonnen und will im Pazifik in Zukunft mehr mitreden

Das Konfliktpotenzial in der Region steigt. Experten warnen bereits vor Kriegen.

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Peking/Washington/Wien - "Sehen Sie sich an, was Chinas Streitkräfte in ihre Modernisierung investieren. Dann werden Sie verstehen, warum die Militärausgaben im gesamten fernöstlichen Raum durch die Decke schießen", raunte der australische Außenminister Kevin Rudd bei der jüngsten Münchner Sicherheitskonferenz in eine kleine Runde. Australien fürchte einen Rüstungswettlauf, sagte er. Ja, es könne sogar zu bewaffneten Konflikten kommen.

Fast wie zum Beweis für Rudds Warnung wurde erst Ende vergangener Woche bekannt, dass die chinesische Volksbefreiungsarmee zwei Flugzeugträger bauen will. Deren Rümpfe sollen bereits in der Jiangnan Werft in Schanghai auf Stapel liegen. Die Träger werden - im Gegensatz zu der in der Ukraine gekauften und in Dalian umgebauten Warjag - keine Schulschiffe sein, sondern für den operativen Einsatz taugen.

Die Nachricht lässt die Wellen bei den meisten Anrainerstaaten im pazifischen Ozean hochgehen, weil sie einen Strategiewechsel der Volksrepublik illustriert: China verstellt seinen strategischen Fokus derzeit von der Verteidigung küstennaher Gewässer (1. Insellinie, siehe Grafik) auf ein größeres Operationsgebiet im Pazifischen Ozean. Die chinesische Sicherheitspolitik in diesem Raum wird, wie es das Washingtoner Center for Strategic and International Studies ausdrückt, "zunehmend konfrontativer".

"Kein Recht zu kritisieren"

Dementsprechend harsch sind auch die Töne, die aus Peking selbst kommen: "Die chinesische Kriegsmarine wird die erste Insellinie durchbrechen und kann nicht gestoppt werden. Niemand hat das Recht, China dafür zu kritisieren", schrieb General Luo Yuan, der stellvertretende Sekretär der chinesischen Vereinigung für Militärwissenschaften, vor wenigen Wochen in einer öffentlichen Stellungnahme. Wenig später passierten Schiffsverbände der Volksrepublik Okinawa und hielten Kurs auf den offenen Pazifik. Auch die Warjag - von den Chinesen nach einem Admiral der Quing-Dynastie, der Taiwan erobert hat, in Shi Lang umbenannt - soll dieser Tage das erste Mal auslaufen.

Hintergrund für die Neuausrichtung Pekings sind eine schärfere Taiwan-Politik (siehe Interview) und die Notwendigkeit, die Seewege für den Im- und Export besser zu schützen. Gleichzeitig halten die patriotischen Töne kurz vor der Machtübergabe an eine neue Führungsriege in China (im kommenden Frühjahr wird es neues Personal an Partei- und Regierungsspitze geben) die Bürger und vor allem die mächtige Volksarmee bei Laune.

"Fehlkalkulationen"

Die starken Worte und das militärische Powerplay Chinas rufen aber gleichzeitig die Hegemonialmacht im Pazifik, die Vereinigten Staaten, auf den Plan. US-Generalstabschef Mike Mullen warnte die chinesischen Militärs zuletzt persönlich in Peking vor "Fehlkalkulationen" in den Auseinandersetzung um ungeklärte Seegebietsansprüche im Südchinesischen Meer. Der vor wenigen Wochen aus dem Amt geschiedene Verteidigungsminister Robert Gates sprach sogar offen vor der drohenden Gefahr eines militärischen Konfliktes.

Wegen der größeren chinesischen Risikobereitschaft sieht der australische Thinktank The Lowy Institute die Gefahr eines größeren asiatischen Krieges ebenso steigen: "Chinas Friktionen mit den USA, Japan und Indien werden sich intensivieren. Mit dem Tempo und der Anzahl der Zwischenfälle steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Episode bis zu einer militärischen Konfrontation eskalieren könnte."

Die am leichtesten entzündliche Region ist derzeit das von Mullen angesprochene Südchinesische Meer. Dort haben gleich mehrere Parteien ungeklärte Gebiets-, Energie- und Fischereiinteressen. Zudem ist dieser Teil des Pazifiks von enormer Bedeutung für die Schifffahrt.

Peking will den Konflikt mit allen Parteien bilateral beilegen und seine Nachbarn mit seiner schieren Übermacht zum Schweigen zu bringe. Die USA haben sich eingeschaltet, um seinen Alliierten wie Taiwan, Japan und den Philippinen beizuspringen. Aber vor allem will Washington Peking zeigen, wer der größte Fisch im Stillen Ozean ist. Der Pazifik ist für die USA neben dem Cyberspace, der Handels- und Finanzpolitik zu einem Bereich geworden, in dem der Kampf um die Vormacht im 21. Jahrhundert ausgetragen wird.

Dass dieser Kampf intensiv sein wird, daran lässt die Zeitung der Volksbefreiungsarmee keinen Zweifel: "In den vergangenen Jahrhunderten haben die Chinesen mit dem Schmerz gelebt, ihre Meere nicht verteidigen zu können. Sie haben hilflos von der bitteren Frucht gekostet, geschlagen zu werden, weil sie so rückständig waren", schreibt das Blatt. Und: Das soll nicht mehr passieren.

Ein chinesisches Kriegsschiff feuert bei einem Manöver im Südchinesischen Meer eine Rakete ab. Seit 1992 investiert die Volksrepublik stark in die Modernisierung ihrer Marine. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2011)

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    Ein chinesisches Kriegsschiff feuert bei einem Manöver im Südchinesischen Meer eine Rakete ab. Seit 1992 investiert die Volksrepublik stark in die Modernisierung ihrer Marine.

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