Theaterkritik aus dem Archiv

31. Juli 2011, 17:52
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Ein Archivstreifzug, der Einsichten vermittelt: Die zusätzliche Information macht eine historische Dimension greifbar

Sich den Salzburger Jedermann im Fernsehen anzusehen, entkleidet von der Stimmung vor Ort, von Glanz und Pomp, vom Spiel des Sehens und Gesehenwerdens, mag der Sache sogar zugute kommen. Nackt steht das Stück dann da und kann sich endlich selbst genügen.

Regisseur Hannes Rossacher nutzt den Umstand und kleidet den Jedermann neu ein. Er hüllt ihn in die Vergangenheit, lädt ihm das Archiv auf. Die Tradition kommt dem Spiel vom reichen Mann zugute. Der Zusammenschnitt aus den Inszenierungen der letzten 90 Jahre in Jedermann Remixed (Sonntagabend, 22 Uhr, ORF 2) ist nicht Theater im Fernsehen, sondern er macht Theater zu Fernsehen. Die zeitweilige Unterlegung der hochkulturellen Clipshow mit Bluestönen Hans Theessinks, der Klassiker wie Satan, Your Kingdom Must Come Down, Oh Sinner Man oder Sympathy for the Devil melancholisch interpretiert, schafft humorvolle und passende popkulturelle Anknüpfungen.

Ein unaufdringlicher Archivstreifzug, der Einsichten vermittelt: Die zusätzliche Information ermöglicht nicht nur kurzweiligen Konsum. Sie macht eine historische Dimension greifbar. Sowohl die ursprüngliche künstlerische Relevanz als auch ihre Aushöhlung durch den institutionellen Einsatz bei den Festspielen schimmern durch. Als intensivste Ausprägung einer Kunst, die allein einem bürgerlichen Selbstverständnis dienen soll, zeigt der Einsatz des Stücks das Manko solchen Ansinnens. Kunst wird von Engagement befreit und belanglos gemacht. Dabei würde das Spiel vom Jedermann, der Geld über die Menschlichkeit stellt und den erst der Tod wieder zum Menschen macht, durchaus vor dem richtigen Publikum gezeigt. (Alois Pumhösel, DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2011)

  • Curd Jürgens und Senta Berger, 1974.
    foto: orf/salzburger festspiele/steinmetz

    Curd Jürgens und Senta Berger, 1974.

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