Psychokrieg im Plattenstudio

Ljubiša Tošic, 31. Juli 2011, 17:08
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    foto: apa/barbara gindl

    Die unglaublich intensive Evelyn Herlitzius (als Färberin) im Großen Festspielhaus.

Premiere von Richard Strauss' "Die Frau ohne Schatten" im Großen Salzburger Festspielhaus

Salzburg - Diesen Traum sähe man gerne in die Wirklichkeit umgesetzt: Dirigent Christian Thielemann nimmt mit den Philharmonikern in Zeiten, da CD-Firmen kaum noch Operngesamtaufnahmen stemmen können, Die Frau ohne Schatten in den vom Brand zerstörten und nun wiedererrichteten Sofiensälen auf! Leider handelt es sich dabei nur um eine kleine Imagination - ausgelöst durch die Inszenierung Christoph Loys.

Der Regisseur hat den Märchenstoff in die Wiener 1950er-Jahre gebeamt und die ganze Geschichte in eine Plattenaufnahmesitzung (Bühnenbild: Johannes Leiacker) verlegt, was quasi eine konzertante Situation ergab, die den "ungestörten" Kontakt von Orchester und Sänger ermöglicht und für den Dirigenten so nebenbei Traumbedingungen herstellt. Gleichzeitig jedoch erschuf Loy ein subtiles Kammerspiel, in dem es um Konflikte zwischen den an der Aufnahme beteiligten Sängern geht. Im Zentrum steht die Interpretin der Kaiserin (sehr eindringlich, bis auf den einen oder anderen klanglich grob verrutschenden Ton: Anne Schwanewilms), der auf dem Wege der Selbstfindung bisweilen die Fantasie durchgeht.

Sie ist zum einen die Teilnehmerin an einer Aufnahmesitzung. Gleichzeitig aber wird sie zu deren distanzierter Beobachterin, für die sich die Szenerie mitunter ins Surreale wandelt.

Da hopsen dann plötzlich zwischen all den Mikrofonen Revuegirls herum, es erscheint eine Doppelgängerin, und es verwandeln sich alle Figuren samt Produzent und Dienstpersonal zu Kindern. Loy hebt die Grenzen zwischen Aufnahmerealität und der Imagination einer Sängerin auf und lockert so das nüchterne Ambiente atmosphärisch auf. Man kann ihm nur vorwerfen, dies nicht extrem genug getan zu haben. Ein bisschen zahm und halbherzig wirkt das dann mitunter, wenn die Pragmatik einer Plattensession ganz anderen Ebenen weicht. Zu wenig eindringlich die Gegenwelt.

Ehekrach im Studio

Zum zweiten Zentrum der Produktion werden dann aber jene Eheleute, die Färber und Färberin ersingen sollen. Hier spielt es sich ab, hier wird es brutal, und hier verschmelzen die Studiosänger mit dem von ihnen zu bewältigenden Rollen in einem Maße, dass die Figurensätze quasi von den Eheleuten Besitz ergreifen und sich der Konflikt dann auf der Ebene der Oper abzuspielen beginnt.

Hier erreicht das Musikdramatische im Großen Festspielhaus seine Höhepunkte: Besonders Evelyn Herlitzius (als Baraks Frau) gelingt ein bis zum Schluss weder vokal noch darstellerisch nachlassendes eindringliches Porträt einer konfliktgeplagten Frau. Mit dieser Wucht vermag an diesem Abend niemand wirklich mitzuhalten. Wobei: Sehr kultiviert agiert Wolfgang Koch (als Barak), während Michaela Schuster darstellerisch (als boshafte Sängerin und Amme) auch eine Klasse für sich darstellt. Stephen Gould (als Kaiser) hingegen kann sein kostbares Timbre nicht vor kleinen Schwächephasen bewahren.

Das wirklich Traumhafte erwächst jedoch aus der Zusammenarbeit des Dirigenten mit den Wiener Philharmonikern. Hier ist die ungeheure Bandbreite dieser Musik mit kammermusikalischer und agogisch elastischer Selbstverständlichkeit zu hören.

In einem heiklen Raum wird das Innige und Zarte intensiv transportiert und das Wuchtige zumeist sängerfreundlich kontrolliert und dennoch prächtig zur Wirkung gebracht. Mit entsprechenden Applausfolgen. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD - Printausgabe, 1. August, 2011)

 

1., 4., 11., 14., 17. und 21. 8.

Nachlese

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Abra Cadabra
04
5 Zeilen für eine Sensation

Man kann zu Thielemann stehen wie man will. Ich halte ihn für einen unsympathischen Menschen ... ABER: Strauss dirigieren kann er. Das war überirdisch! Seit Carlos Kleiber haben die Wiener nicht mehr so geklungen. Wenn selbst das blasierte Premierenpublikum rast, dann sagt dies viel.
Herr Tosic hat ganze 5 Zeilen dafür übrig. Ich fürchte, er hat gar nicht mitbekommen, was hier passiert ist ...

Olaf Arne Jürgenssen
00

...absolut richtig!

p-hammer
11

Ihre Einstellung zum Dirigenten teile ich. Aber was soll man großartig mehr über die orchestrale Seite schreiben als "traumhaft" samt einigen Erläuterungen?
Eine Premierenkritik zu einem Hymnus des Strauss-Dirigenten Thielemann umzuformen ist ja wohl auch nicht sinnvoll.

Für mich also durchaus gerechtfertigt, sich überwiegend dem Part zu widmen, der wesentlich intensiver diskutiert wird.

gomaxgo
 
00
Bein Zeus

wenn das jemand auf youtube zeigt wird der account sofort eliminiert, youtube hat talibanparameter.

Thomas Rothschild
 
00
Der Tosic des Tages

"...während Michaela Schuster darstellerisch (als boshafte Sängerin und Amme) auch eine Klasse für sich darstellt." Ein bisschen viel Darstellung. Diesmal aber verzeihen wir Tosic fast alles, weil er die Inszenierung gegen den Mainstream begriffen hat. Wenigstens das.

Kontrahent1
12
Huch !

Wie elitär;-) Wieder einmal der Einzige, welcher seinen wenigen Jüngern die 'Frau ohne Schatten' erklären kann. Erfolgreiche Publikumsvertreibung nennt man so einen Schmarrn.

wustinger1
02
Immer regimetreu, der Tosic!

Salzburg hochfaseln, und sonst hinpracken auf alles, wo´s nur geht!

Maria Gugging
10

... außer auf die Anna. Die lobt er ja immer hoch ...

Queen of Sheba
 
03
Man kann - wie man ja sieht - auch eine Schnapsidee hochschreiben

.

Schicke Schickse
03
regiekonzept und bühnenbild lassen sich eigentlich

noch für mindestens zwanzig andere opern verwenden.
und mindestens für alle werke, die jemals in den sophiensälen eingespielt wurden. legendär: der ring unter solti.
und grundsätzlich für alle zukünftigen konzertanten aufführen der festspiele.
im ernst: das bühnenbild an sich ist wunderschön und sehr ansehnlich. aber es hat genau gar nichts mit der frau ohne schatten zu tun. mindestens genau so logisch wäre es gewesen, überhaupt kein bühnenbild zu bauen und die inszenierung im großen festspielhaus spielen zu lassen. also dort, wo 1974 und 1975 die legendären aufführungen unter karl böhm stattfanden. unter anderen mit christa ludwig und walter berry...

Kontrahent1
01
So ist es,

bevor man für so einen Mist Geld ausgibt, kann man durchaus bei einem so guten Ensemble konzertant aufführen. Dann verwirren wenigstens Bühnenbild und Aktionen der Protagonisten das Publikum nicht und man kann die Musik genießen und der Handlung einigermaßen folgen. Wie sagte schon Wieland Wagner: 'Wozu brauche ich einen Baum auf der Bühne, wenn ich eine Varnay habe' (Übrigens auch bis zum Schluß eine überzeugende Amme). Und Ludwig (wurde im Publikum gesehen)/Berry waren ja sowieso das 'Nonplusultra' in ihren Partien. Besonders in der Karajanversion, die durch die Zusammenlegung der 2 Szenen im 2.Akt der Luwig eine 'Tour de Force' sondergleichen bot.

IchbinIch5
31

Huch, sie haben Recht! Wo kommen wir denn hin, wenn Kunst ihr Publikum verwirrt? Pfui Teufel aber auch!

Kontrahent1
12
Dann suchen Sie sich

einen privaten Sponsor der Ihnen diesen Unrat bezahlt. Da können Sie dann machen, was Sie wollen. Solange Steuergeld in sowas verbraten wird, haben jene recht die beklagen, daß es soviel Armut gibt. Erst wenn Publikum und Kritik gleichermaßen zufrieden gestellt sind kann man von gelungener Investition sprechen. Dafür, daß sich eine Minitruppe einen Skandal für ihr Ego leistet, sind die Steuergelder zu hart erarbeitet.

Antagonist1
00
Jetzt schlägt's aber 13!

Sie Kulinariker, der Sie sind... wie kommen Sie dazu, in der Oper, im Theater Ausgleich zum hässlichen Alltag zu suchen!?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
Schon jemals in der Oper gewesen?

Dann sollte Dir doch eigentlich geläufig sein, daß in den meistgespielten Werken ein, zwei, drei Protagonisten, mehrheitlich eher Protagonistinnen, den Tod finden oder jedenfalls ein ungutes Schicksal haben. Und das ist - VORAUSGESETZT, REGIE, DIRIGAT UND SÄNGERLEISTUNGEN SIND ADÄQUAT! - doch eher erschütternd und traurig, also nicht unbedingt kulinarisch.
Außer, es handelt sich um die von Peter Hammerschlag dem Friedrich Torberg nachgesagte eher pubertäre Kulinarik:
Dann gehe ich aber zum Friedhof hinaus,
am besten zu die Semiten.
Dort setz ich mich auf ein' Grabstein hinauf,
und dann wird behaglich gelitten.

Antagonist1
10
Kulinarische Beispiele

für mich, aber nur in kleinster Auswahl:
Divinités du Styx / Alceste
Oh, soave fanciulla / Bohème
Maurisches Lied / Don Carlo
Es gibt ein Reich / Ariadne
Elektra-Monolog
Szene Alberich/Hagen / Götterdämmerung
beide Arien der K. d. Nacht .... usw., usw.
UND SELBST wenn gestorben wird, wird durch die musikalische Umsetzung dieser Final-Versionen oft pure Schönheit vermittelt (etwa Maskenball).
So ist jedenfalls mein Zugang an all das mörderlische Geschehen auf der Opernbühne - außerdem nehme ich an, das "Kontrahent1", an den mein Posting gerichtet war, die Ironie darin versteht - Sie doch auch, oder nicht?

Kontrahent1
00
Na, logo,

doch auch.- 'Leonora' im 'Trovatore' entscheidet sich auch sehr melodiös für's Gift.

Antagonist1
01
JA - u.a. eben mit

dem Ehepaar B., zu dem Herr Loy im Programmheft sein Halbwissen ausbreitet!
Was nun aber das Bühnenbild betrifft: Es heißt doch, dass es keine Wiederholungen von Produktionen in den Folgejahren mehr gibt - wozu dann diese aufwändige Tischlerarbeit im Maßstab 1 : 1 ? Eine Projektion hätte wohl eine ähnliche Wirkung erzielt, wäre aber sicher etwas billiger gewesen....

baumfreund1
00
das Bühnenbild kann man ja wirklich noch für andere Opern verwenden

Ariadne vielleicht...

Antagonist1
00
Für jede Oper!

So man nicht die Oper, sondern deren Einspielung im Studio zeigen will, kann diese "Regie" mitsamt dem Bühnenbild zum unaustauschbaren Requisit werden - parallel dazu wird halt jeweils passende Musik unterlegt!

Dr. Lari and Mr. Fari
 
01
z. B. die erste Stereo-Gesamteinspielung des Don Giovanni

unter Krips, mit Siepi, della Casa, Corena, Dermota, Berry... und die fand (DECCA!!) noch dazu WIRKLICH in den Sophiensälen statt.

Jim_from_Accounting
10
31.7.2011, 23:31
Regietheater! Pfui!

Kontrahent1
02
Schlimmer:

Schlechtes Regietheater!

Hornhifi
00
31.7.2011, 22:07
"... kaum noch ... stemmen können."

RTL2-Sprech im Standard. Schade ...

Kontrahent1
01
31.7.2011, 19:00
Endlich !

Die erste Kritik, welche dieses Machwerk nicht in Grund und Boden verdammt, wie es so ziemlich die gesamte internationale Presse tut, welche ich bisher las. Wie schreibt die Presse so treffend:'Ca. 80% der Zuschauer wussten beim Betreten des Hauses nicht, worum es in dieser Oper geht.- Beim Verlassen waren das 100%'. Dabei hatte Herr Loy mit seinen Reminiszenzen an die Produktion der 50er recht vielversprechend geklungen.- Sei's drum, wie Barak resignierend sagt. Erinnert man sich an die Inszenierung Wien 1964 oder die prachtvolle, märchenhafte in Düsseldorf und New York, oder auch an 1974 Salzburg welche die große Bühne so voll und effektvoll ausnützte.

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