Muslime - Feindbild und Fakten

30. Juli 2011, 18:06
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In Breiviks "Manifest" werden Deportationspläne für alle Muslime Europas gewälzt. Der Hass, der zu derlei Vorstellungen führt, ist heute -wieder - ein "Zug der Zeit"

Seit ein blonder, blauäugiger Norweger als Rächer des Abendlandes 79 Menschen getötet hat, ist viel über den islamophoben Hintergrund dieses Massenmordes diskutiert worden. Etwa darüber, dass Anders Bering Breivik "Europa" in Gefahr sieht, weil im Zuge der Einwanderungsbewegungen der vergangenen Jahrzehnte viele Muslime hergekommen sind (und wohl noch viele herkommen werden). Stattdessen, so der Internet-Demagoge und Attentäter, müssten wieder Machtverhältnisse hergestellt werden, unter denen "Christen" Weiße und Männer das Sagen haben. "Christen", wohlgemerkt, keine Gläubigen: Auch Breivik bezeichnet sich in seinem "Manifest" an mehreren Stellen als nicht religiös.

Diese autoritären Zustände will der Attentäter - und das ist bisher weniger ausführlich erläutert worden - durch großflächige Gewalt erreichen: Breivik strebt in seiner Schrift, die in weiten Teilen Schriften anderer rechtsextremer Internetdemagogen umfasst, Massenmord und Vertreibung an. Erst sollen alle "Verräter" (= demokratische PolitikerInnen, die die Einwanderungsgesellschaft (und damit auch die Einwanderung von Muslimen) befürworten oder zumindest nicht ablehnen, Feministinnen, JournalistInnen, usw...) ermordet werden. Dann sollen -staatenweise - sämtliche Muslime aus Europa "deportiert" werden. 

Nur ein Fanatiker?

Auch wenn das, aus heutiger Sicht, irrlichternd und wahnsinnig klingt: Dass die Grundlagen für derlei menschengemachte Bestialität in Europa zumindest in der Vergangenheit existierten, ist eine historische Tatsache. Auch Adolf Hitlers für den Nationalsozialismus grundlegendes Buch "Mein Kampf" mit all dem darin enthaltenen mörderischen Hass auf - damals - die Juden wurde, als Hitler es schrieb, als Werk eines Fanatikers abgetan. Und auch damals lag dieser Hass, der Antisemitismus, im "Zug der Zeit". So, wie jetzt in immer stärkeren Maß der Hass auf den Islam und die Muslime in Europa.

Diese gelten aus Feindessicht pauschal als "Fremde" - egal, ob eingebürgert oder nicht - und als feindliche Einheit. Die starke religiöse und soziale Heterogenität der europäischen Muslime wird von ihren Gegnern nicht wahrgenommen: Etwa, dass die Aleviten, deren Glaube sich aus dem schiitischen Islam heraus entwickelt hat, vor ein paar Monaten höchstgerichtlich der Status einer eigenen, von der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGIÖ) unabhängigen Religionsgemeinschaft zuerkannt bekommen haben. Oder, dass viele Muslime in Österreich unreligiös sind: Die in der Türkei geborene Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun meint nicht von ungefähr, dass die Austritts- (oder vielfach: gar nicht erst Eintritts-) raten in muslimische Vereine und Glaubensgemeinschaften in der zweiten und dritten Einwanderergeneration noch weitaus höher als unter Christen sein werden. 

Benachteiligte Muslime

Eine der wenigen Versuche, die Lage der Muslime in Europa zu erfassen, wie sie tatsächlich ist, kommt übrigens von Seiten der - von Breivik ebenfalls gehassten - Europäischen Union. 2006 hat die (2007 von der EU-Grundrechtsagentur abgelöste) Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) diesbezüglich einen Bericht veröffentlicht. Erkenntnisse und Daten aus allen damaligen EU-Mitgliedstaaten wurden zusammengetragen und verglichen. 

Es stellte sich heraus, dass es in Europa viel zu wenig demografisches Wissen über Muslime gibt - in manchen EU-Staaten selbst über ihre tatsächliche Zahl nicht. Dass viele Muslime, vor allem junge Menschen, nur begrenzte Chancen auf sozialen Aufstieg haben. Dass viele in Gegenden mit schlechten Wohnbedingungen leben, ihr Bildungsstand unter, die Arbeitslosenrate über dem Bevölkerungsdurchschnitt liegt. Dass sie, wenn sie einen Job haben, dieser überproportional in schlecht bezahlten Wirtschaftssektoren ist.

"Anlass zu Sorge"

Es bestehe "Anlass zu Sorge, da Arbeitslosigkeit eines der Haupthindernisse für die Integration ist", schrieben die AutorInnen. Anlass zur Sorge um die Muslime und um den Zusammenhalt der Gesellschaften, in der sie benachteiligt werden, meinten sie. Damals schien diese Gefahr vor allem im Abdriften von Muslimen in den Islamismus zu bestehen. Die montrösen Gemetzel- und Deportationsvorstellungen Breiviks und anderer fügen dem jetzt weitere beachtliche Eskalationsgefahren hinzu. (Irene Brickner, derStandard.at, 30.7.2011)

--> An den kommenden zwei Samstagen macht "Brickners Blog" Pause. Der nächste Eintrag erfolgt am Samstag, den 20. August. Bis dann!

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    Viele Muslime in Österreich sind unreligiös.

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