Hungerkatastrophe in Afrika

Es geht um echte Reissäcke

Gastkommentar | 30. Juli 2011, 10:59

Sowohl Anders Breiviks Taten als auch Amy Winehouses Tod erhalten die Analyse, die ihnen gebührt. Trotzdem dürfen wir nicht das Horn von Afrika vergessen

Natürlich, die Nachrichtenwert-Theorie erklärt vieles. Sie geht auf Walter Lippmans Arbeit aus dem Jahr 1922 zurück, das habe ich jetzt gegoogelt. Sie wurde später immer wieder modifiziert, zum Beispiel in den 70er Jahren von Winfried Schulz, daran habe ich mich jetzt erinnert, weil ich im ersten Semester an der Uni davon gehört habe.

Der Nachrichtenwert entscheidet, wie Nachrichten in journalistischen Prozessen ausgewählt werden. Trinkt ein Prominenter in der Nachbarschaft ein Bier zu viel und pöbelt auf der Straße, ist das eine Nachricht wert. Fällt in China ein Sack Reis um, ist es das nicht. So weit, so ungenau nacherzählt.

Es geht um echte Reissäcke

Die Nachrichtenwert-Theorie erklärt also den Umstand, dass immer wenige - vermeintlich besonders wichtige - Nachrichten den News-Stream dominieren, weshalb andere - ebenso wichtige - Nachrichten darin untergehen. Mit Chris Anderson gedacht, einem mindestens ebenso klugen Kerl wie Lippman oder Schulz, verschwinden sie im Long Tail der Aufmerksamkeiten. Dort ist kein Angebot klein genug, um nicht doch auf Nachfrage zu stoßen und irgendjemand interessiert sich immer auch für Reissäcke.

Dieser Text handelt nicht nur sprichwörtlich von Reissäcken, sondern von echten. Er soll die Reissäcke aus dem Long Tail in die Hitliste der nachrichtenwertigen Ereignisse holen. Er soll die seit Tagen dominierenden Themen Anders Breivik und Amy Winehouse einmal kurz vom Tisch wischen. Das ganze Brimborium dazu in meinem Twitter-Stream, in meinem Feedreader, auf Facebook, auf Google+ (ja, ich bin mittlerweile dabei und ich brauche es eigentlich nicht) - alles muss jetzt kurz weg.

Die ganz große Katastrophe findet schon seit langem anderswo statt: am Horn von Afrika. Wegen der größten Dürre seit 60 Jahren sind inzwischen mindestens zwölf Millionen Afrikaner in Not, knapp vier Millionen davon akut vom Hungertod bedroht. Besonders Somalia ist vom jahrelangen Bürgerkrieg zerrüttet, Infrastruktur gibt es nicht mehr. Die Regierung hat keine Kontrolle über weite Teile des Landes. Auch die Hauptstadt Mogadischu ist teilweise in der Hand der islamistischen al-Shabaab-Milizen, die die ohnehin schon schwierigen Hilfsmissionen blockieren, weil es, so ihre Diktion, besser sei zu verhungern, als Hilfe vom Westen anzunehmen.

Dieses Verbrechen ist uns egal

Was derzeit in Somalia passiert, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so wie jede Hungersnot. Und vor allem geht es uns alle an. Egal, wie betroffen wir von Anders Breiviks Taten oder Amy Winehouses Tod sind. Egal, wie nahe uns die eigenen Probleme und wie wenig nachrichtenwertig uns die Fotos von verhungernden Kindern sind, weil sie sich nach all den Jahren schon abgenutzt haben. Es fehlt trotzdem an allen Ecken und Enden. Jeder Euro, der einen Reissack mehr finanziert, rettet Leben. Gehen Sie also spenden, und spenden Sie, was Sie geben können.

Und ja, am Beispiel der Milizen in Somalia kann man sehen, dass Islamismus tatsächlich ein Problem für unsere Welt ist. Mit dem Islam an sich hat das trotzdem nichts zu tun. Und schon ist es wieder da, das Bestseller-Thema in meinen Newsstreams. (derStandard.at, 30.7.2011)

Autor

Eberhard Lauth, The European, der Journalist arbeitete viele Jahre als freier Autor und in den Chefredaktionen der Magazine "WIENER" und "Seitenblicke". 2009 gründete er das Meinungsmagazin ZiB21

Kommentar posten
24 Postings
donna corleona
00
31.7.2011, 18:26

Somalia ist Mitglied der Vereinten Nationen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Mitg... n-Nationen

Vielleicht kann ja irgendwer einmal herausfinden, warum die UNO - zum wiederholten Male - um Monate zu spät auf eine absehbare Katastrophe reagiert hat!

Gerhard Gilnreiner
 
00
31.7.2011, 17:53
Helmuth Moltke
01
31.7.2011, 15:08

Aufklärung in der Region wäre angebracht
weniger Bevölkerungswachstum und weniger Völlerei
http://derstandard.at/plink/131... id22258612
http://derstandard.at/plink/131... id22166321
nachhaltige Lösungen am Beispiel Indien :
http://www.cseindia.org/
http://www.navdanya.org/
http://www.sulabhinternational.org/

Plus Lucis
01
31.7.2011, 14:59

Die Lösung für das Problem, dass es dort Leute gibt, die andere aus ideologischen Gründen verhungern lassen, ist also mehr spenden?

Was bedeutet es genau, dass "es uns was angeht"?
Was ist der Lösungsvorschlag abseits von Spenden für die Leute, die es aus dem Land hinaus geschafft haben?
Oder fühlt sich der Autor einfach besser, wenn wir weiterhin nichts tun können, aber das in den Medien breiter diskutieren?

Steinbock1959
00
31.7.2011, 16:35

Vielleicht könnten wir ja versuchen, an den Verhältnissen dort etwas zu verändern.

Queen of Sheba
 
14
31.7.2011, 09:50
Welche "Analyse" "gebührt" dem Tod von Amy Winehouse ?

So einen schwachsinnigen Untertitel habe ich noch nicht gelesen.

Steinbock1959
00
31.7.2011, 16:36

Ein drogensüchtiger Popstar - gestorben an diesem ganzen Wahnsinn?

Zuben Elgenubi
00
31.7.2011, 10:01

Danke! Genau das wollte ich soeben posten!

Steinbock1959
00
31.7.2011, 06:45

Der kombinierte Wahnsinn eben - und dass es hinsichtlich der Umwelt schön langsam kritisch wird, dürfte dabei auch eine Rolle spielen.

mistvieh666
 
07
30.7.2011, 21:39

seit 60 jahren duerre...
und in diesen 60 jahren ist die bevoelkerung afrikas von 200 millionen auf 1 milliarde menschen angewachsen.
http://en.wikipedia.org/wiki/Afri... mographics
somalia: eine frau hat im schnitt 6 kinder.
http://en.wikipedia.org/wiki/List... ility_rate
das geht langfristig nicht.
die somalische bevoelkerung ist von 1975 bis heute von 3.5 auf 10 mio gestiegen. trotz not und buergerkrieg.
http://en.wikipedia.org/wiki/Soma... mographics

Apocalypse
00

Europa hat sich auch verdoppelt und etwas aufwendigere Essgewohnheiten. Man steht halt im Konflikt, es soll endlich ein klares Bekenntnis zur Bevölkerungsabnahme her.

Vergib ihnen
62
30.7.2011, 13:08
die Wilderer des Kapitalismus haben die Reispreise versechsfacht

Im übrigen bin ich dafür, den Begriff "Verbrechen gegen die Menschlichkéit" so zu übersetzen, dass es das gleiche heißt: Verbrechen gegen die Menschheit. denn Menschlichkeit ist - wie man sieht - etwas sehr subjektives. Gar ist der eine oder andere recht zufrieden mit der ihm innewohnenden Dosis Menschlichkeit. Wenn man es aber Verbrechen gegen die Menschheit nennt, wie es ja heißt, dann ist das nicht mehr subjektiv zu deuten, dann hat das keine Stufen mehr, dann ist es Fakt. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, der wir alle angehören.

Das Furunkel auf der Rübe
41
30.7.2011, 12:51
Gäääähn!

Johannes Benn
51
30.7.2011, 12:03
.

aehnliche aussagen wurden bei koenigshofer zum skandal stilisiert

maxbz
413
30.7.2011, 11:26
Und vor allem geht es uns alle an...

Nein, das geht uns wirklich nichts an!

Der Westen hat bereits versucht, in Somalia etwas zum besseren zu bewegen. Das ist mißlungen es blieb nur ein schmählicher Rückzug in Schimpf und Schande. Nun bestimmen die Islamisten das Leben dort und sie finden offenbar genug Unterstützung um sich an der Macht zu halten trotz aller Unmenschlichkeit. Dürren gibt es in Afrika seit tausenden Jahren (siehe Bibel) aber mit zunehmender Überbevölkerung und bleibender Misswirtschaft gibt es ein Problem.

Und nein, Somalia hat was mit dem Islam zu tun und deshalb schlage ich vor, das sich die unermesslich reichen, islamischen Ölförderländer des Problems annehmen. Vielleicht können sie dort mehr erreichen.

Mein Geld geht dorthin, wo es nachhaltig wirkt...

Steinbock1959
01
31.7.2011, 07:26

Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat der Karl Heinz Böhm auch einmal ein siebenjähriges Mädchen, das gerade am Verhungern war, in eines seiner Spitäler gebracht - und geworden ist aus ihr dann eine strahlende junge Frau.

Steinbock1959
21
31.7.2011, 07:19

Es sollte uns doch etwas angehen, weil die Menschen dort verhungern, so schwer es auch ist.

Otsch1
 
01
31.7.2011, 13:46

Und seit Jahrtausenden taten sie selbst nichts dagegen außer Kinder gebären.

Steinbock1959
20
31.7.2011, 17:03

Konnten sie dabei auch etwas anderes tun - und so richtig schlimm dürfte es erst geworden sein, wie dann der große weiße Mann gekommen ist.

Otsch1
 
01
31.7.2011, 18:16

Der Große Weiße Mann bewältigt seine Probleme seit Jahrhunderten durch Leistungen, Erfindungen und Steigerung und Anwendung seines erarbeiteten Wissens und dessen Weitergabe. Dort, wo er dann hinkam, hätten die Menschen zumindest das Gesehene selbst erlernen und sein Wissen anwenden können, sozusagen abkupfern können, wie das die ostasiatischen Völker getan haben. Aber - niente. Was sie gut gelernt haben, ist ihr eigenes Volk auszubeuten und Kalaschnikows zu bedienen.

Steinbock1959
01
31.7.2011, 06:46

Wo wirkt es nachhaltig?

Otsch1
 
00
31.7.2011, 13:42

Am eigenen Sparbuch!

Steinbock1959
00
31.7.2011, 16:33

Und wenn dieses Sparbuch dann eines Tages nichts mehr wert ist?

Otsch1
 
00
31.7.2011, 16:47

Dann ist das Geld genauso futsch als wenn ich es für Somalia & Co gespendet hätte!

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