Im Dreck wühlen ist nichts Neues

29. Juli 2011, 20:24
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Boulevard ist überall, und das seit langem - Meist regiert er ungebremst, manchmal stolpert er kräftig - wie in den Zwanzigerjahren in Wien

Es war einmal ein junger Mann in einem kleinen Land, der wollte groß und reich werden. Ein guter Freund riet ihm, bunte Blätter mit vielen Geschichten zu füllen, da würden die Taler nur so sprudeln. Zwar musste er sich zuerst plagen bis spät in die Nacht, doch dann hatte er eine Idee: Wenn ich schöne Geschichten über Leute und ihre Taten schreiben lasse, werden sie mir's reichlich vergelten.

Gesagt, getan. Er ließ schöne Geschichten schreiben und klopfte dann an, um sich seinen Lohn zu holen. Manche waren verwundert, sagten Nein und warfen ihn sogar bei der Tür hinaus. Doch andere sahen, dass seine Geschichten ihren Ruhm mehrten. Gerne steckten sie dem jungen Mann viele Taler zu und freuten sich auf die nächste Geschichte mit Bildern, in denen sie auf vorteilhafteste Art zu sehen waren.

Den Widerwilligen aber zahlte er es heim. Sie wurden auf gar nicht vorteilhafte Art geschildert und abgebildet und mussten manche Ungnade erleiden.

So wurde der junge Mann immer angesehener und einflussreicher. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch gut von den Geschichten, die er schreiben lässt.

Geschichte mit vielen Kapiteln

Das war selbstverständlich ein Märchen. Jede Andeutung einer Ähnlichkeit mit wirklichen Zuständen in einem tatsächlichen Land verbietet sich, sie würde sofort mit Klagsdrohungen zugedeckt werden. Zwar können erstaunlich viele Beteiligte von derartigen Begegnungen erzählen, doch nur im privaten Kreis und nur als G'schichterln, die folgenlos bleiben. Wer öffentlich von Erpressung spräche, würde draufzahlen.

Boulevardjournalismus hat eine lange Geschichte mit vielen Kapiteln. Die Idee, sich redaktionelle Beiträge ungekennzeichnet bezahlen zu lassen, ist nur ein Randkapitel. Es zeigt, mit welchen Methoden man Medienprodukte großziehen kann, und sagt noch nichts aus über ihre tatsächliche Stoßrichtung und Wirkung. Es ist sozusagen die Verhaberungs-Variante von unsauberen Usancen, die sich auf die Society-Seiten beschränken mag.

Da sind Praktiken der Tabloids, wie sie jetzt in England ans Tageslicht kamen, schon von anderem Kaliber. Hier wäscht nicht mehr nur eine Hand die andere, hier spritzen sich die Mitspieler gegenseitig vollständig nass, in einem Haifischbecken. Wie man inzwischen weiß (und wie manche, weniger mächtige Medien schon seit Jahren der Öffentlichkeit klarzumachen versuchen), haben die Verlags- und Redaktionschefs und ihre Mitarbeiter im Verein mit bestechlichen Beamten nichts ausgelassen, auch nicht kriminelle Handlungen, um politischen Einfluss und Marktposition zu maximieren.

Kurzes Gedächtnis

"Gutgläubig" seien sie gewesen, behaupten jetzt Politiker, und als naiv bekennt sich der Premier, doch das nimmt ihnen kaum jemand ab. Derart eklatant haben News of the World sowie offenbar auch deren Konkurrenten über Jahre bespitzelt, gehackt, gedroht und bestochen, dass nun sogar - ausgerechnet - die chinesische Nachrichtenagentur, wie die FAZ meldete, das eklatante Defizit an Berufsethik in den westlichen Medien kritisieren konnte.

Als besonders großer Haifisch im Boulevard-Becken gilt der global agierende Unternehmer Rupert Murdoch. Politisch konservative sowie kommerzielle Anliegen und eine Begeisterung für Medien, insbesondere Print, ergänzen sich bei ihm aufs Beste. Naivität nimmt auch ihm niemand ab, höchstens Altersstarrheit. Sowohl dirty digger als auch dirt-digger sind die wenig rühmlichen Prädikate, die die britische Öffentlichkeit ihm nun verleiht: also selber dreckig beziehungsweise einer, der bloß im Dreck wühlt.

Die Öffentlichkeit ist wütend, aus den Berichten über die englischen Zustände könnte der Eindruck entstehen, man sei erstmals auf das skandalöse Treiben der Presse gestoßen. Aber am Rande beziehungsweise jenseits der Legalität im Dreck wühlen ist nichts Neues, und auch Skandale rund um die Machenschaften des Boulevards haben eine lange Tradition. Nur das Gedächtnis ist kurz.

Der Sensationsjournalismus hatte eine erste Blütezeit im späten 19. Jahrhundert, vor allem unter den angelsächsischen Pressebaronen. Tabloid (Kleinformat) oder Yellow Press (wahrscheinlich nach der Comic-Figur Yellow Kid) genannt, führten die Blätter des britischen Viscount Northcliffe oder der New Yorker Rivalen Hearst und Pulitzer regelrechte Artikel- und Bilderschlachten um höhere Auflagen und mehr politischen Einfluss.

Sie hatten Verbündete und bezahlte Zuträger unter den Politikern und der Polizei. Sie konnten darauf pochen, dass sie Missstände aufdeckten. Tatsächlich war die Grenze zwischen investigativem Journalismus und Boulevardsensationen fließend - und ist es heute noch.

Die Tabloids wurden mächtig und schüchterten ihre Gegner ein. Die Kritik an ihren Machern kam oft spät oder blieb zunächst fast folgenlos wie etwa Orson Welles' Citizen Kane, eine Chiffre für den Zeitungszaren William Randolph Hearst.

Gerade Hearst aber bekam gleichzeitig die Größe und die Grenzen seiner Macht exemplarisch zu spüren. Er hatte hohe politische Ambitionen und benutzte seine Blätter für entsprechende Stimmungsmache. Das ging so weit, dass zwei seiner Kolumnisten 1901 die Ermordung eines politischen Gegners, des amtierenden Präsidenten McKinley, suggerierten. Als dieser tatsächlich kurz danach erschossen wurde, führte die Empörung der Bevölkerung dazu, dass Hearst seinen Wunsch, selbst Präsident zu werden, begraben konnte.

Ein weiteres Beispiel, aus unseren Breitengraden, ist umso erstaunlicher, als nicht die mächtige Konkurrenz, rechtsstaatliche Institutionen oder eine aufgebrachte Öffentlichkeit den Kampf gegen einen Presse-Mogul aufnahm, sondern eine Einzelperson mit seinem kleinen Monatsblatt. Das war der Fall Kraus vs. Békessy.

Von den Tabloids lernen

Imre Békessy war ein 1923 aus Budapest zugewanderter Zeitungsgründer. Seine Blätter, Die Börse und vor allem Die Stunde, bedeuteten, technisch gesehen, einen Modernisierungsschub der Wiener Presselandschaft. Nicht umsonst hatte er sich in London umgesehen und von den dortigen Tabloids gelernt. Er installierte moderne Herstellungstechnik und Marketing, als es das Wort bei uns noch gar nicht gab: Leseraktionen, Geschenke, Wettbewerbe.

Vor allem nutzte er, ob nach britischem Vorbild oder auf eigene Faust, seine Publikationen massiv dazu aus, Stimmung zu machen: für politische und wirtschaftliche Verbündete, gegen lästige Gegner, als Damoklesschwert für alle, die sich nicht seinen geschäftlichen Vorstellungen fügten. Zu ihnen gehörte, dass man dafür zahlte, wenn man in seinen Blättern positiv vorkommen wollte. (Insofern war die Verwunderung ob solcher Praktiken vor einigen Jahrzehnten in Wien nicht ganz nachvollziehbar. Aber das Gedächtnis ist eben kurz.)

Békessy brachte also den Boulevard nach Wien. Dazu gehörte auch eine Portion investigativer Journalismus, die seine Zeitungen für seriöse Schreiber attraktiv machten. Wie den angelsächsischen Vorbildern war der Stunde ein dialektisches Moment eigen, sie konnte gesellschaftliche relevante Anliegen ebenso befördern wie Sensationshuberei. In politischen Fragen verbündete sie sich durchaus mit der damaligen Sozialistischen Partei, obwohl ihr Herausgeber vom Geschäftlichen her dem Kapital nahestand und auch von ihm unterstützt wurde.

Seine Usancen kippten ins Kriminelle, als die Verknüpfung von positiver Erwähnung mit Zahlungen immer unverfrorener wurde und er tatsächlich im engeren Sinne erpresste, also Privates an die Öffentlichkeit zu zerren drohte.

Eine Zeitung sei keine moralische Institution, sagte er einmal vor Gericht, als er sich verleumdet fühlte. Da war Karl Kraus schon auf dem Plan. Wenn der Schriftsteller, Dichter, Satiriker, Herausgeber und fast alleinige Autor der Fackel etwas hasste, dann war es die Presse. Und wenn ihm etwas wert und wichtig war, dann der Schutz der Privatsphäre vor heuchlerischen, sensationsgeilen Eindringlingen. (Wie weit das ging, formulierte er einmal so: "Ich mische mich nicht in meine Privatangelegenheiten.")

Békessy verkörperte also alles, wogegen Kraus stand. Dieser nahm einen komplizierten Kampf gegen den Zeitungsmacher auf, mit ungleichen Mitteln und in einem schwierigen Kräftefeld. So hatte zum Beispiel der Wiener Polizeipräsident Schober Békessys Einbürgerung erleichtert, warnte dann vor seinem Ruf, versöhnte sich schließlich wieder mit ihm. In dem Herausgeber der Arbeiter-Zeitung Friedrich Austerlitz fand Karl Kraus zuerst einen Verbündeten, dann musste jener, offenbar aus Partei-Räson, schweigen, um später doch noch gegen Békessy aktiv zu werden. Und Békessy selbst hatte zunächst die Nähe zum autokratischen Publizisten gesucht.

Doch Kraus sah in ihm lediglich ein weiteres Exemplar der Journaille, die er verachtete, ein besonders verlottertes. Zunächst schrieb er gegen ihn, dann strengte er Prozesse an und gewann sie meistens. Und als Békessy eine Montage von seiner Ansicht nach unverständlichen Kraus-Zitaten veröffentlichte und mit der Frage "Wos will er?" versah, antwortete Kraus in der Fackel mit dem berühmten Satz: "Hinaus aus Wien mit dem Schuft! Dos will er."

Das Erstaunliche war: Es ist ihm gelungen. 1926 begann Békessys Demontage, er musste das Land verlassen, an seinen früheren Erfolge konnte er auch nach dem Krieg nicht mehr anknüpfen.

Aus London vertrieben

Für den Falter-Herausgeber Armin Thurnher finden sich einige Parallelen zum heutigen Geschehen, die zu denken geben. Der Kraus-Biograf Edward Timms, den er zitiert, hatte schon vor vielen Jahren einen prophetischen, inzwischen hochaktuellen Vergleich mit Kraus/Békessy bemüht: Das wäre, als hätte ein kleines satirisches Blatt wie Private Eye eine Kampagne gegen den mächtigen Rupert Murdoch geführt und ihn aus London vertrieben.

Thurnher selbst betreibt seit vielen Jahren in seinem Blatt wöchentlich einen mehr rhetorischen als realen Angriff gegen eines der hiesigen Medien-Oligopole: Der Mediamil-Komplex müsse zerschlagen werden. Immerhin, "auch heute machen Träger hoher Ämter mit übel beleumdeten Journalisten gemeinsame Sache". (Im Märchen würde man hinzufügen: und sind an ihren Medien beteiligt.) Und auch heute "genießen die zwielichtigen Helden (wirtschaftlicher und finanzieller) Geschäftigkeiten öffentlichen Ruhm und Ansehen."

Wer könnte hier aufräumen? In Großbritannien ist einiges ins Wanken geraten, weil die Zustände zu offensichtlich unhaltbar waren. Ob sich am Boulevard etwas nachhaltig verändern wird, bleibt abzuwarten.

In Österreich sind die Zustände vielleicht weniger eklatant. Was ist schon das Erschleichen eines Fotos des Ex-Bürgermeisters im Spital gegen das Hacken von Telefonnachrichten eines 13-jährigen Mordopfers? Aber aufzuräumen gäbe es immer noch genug. Dass das seit Kraus' Zeiten nicht leichter geworden ist, liegt auch an der einheimischen Verhaberungs-Variante des Boulevards. (Michael Freund/Album, DER STANDARD; Printausgabe, 30./31.7.2011)

  • Boulevard-Vorreiter Imre Békessy (1887-1951): "Die Zeitung ist keine moralische Institution!". Sein prominentester Gegner: "Fackel"-Herausgeber Karl Kraus, dessen Satz "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" (oft am Ende von Vorlesungen ausgerufen) bald zum geflügelten Wort wurde.
    foto: österr. nationalbibliothek/pic

    Boulevard-Vorreiter Imre Békessy (1887-1951): "Die Zeitung ist keine moralische Institution!". Sein prominentester Gegner: "Fackel"-Herausgeber Karl Kraus, dessen Satz "Hinaus aus Wien mit dem Schuft!" (oft am Ende von Vorlesungen ausgerufen) bald zum geflügelten Wort wurde.

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    foto: österr. nationalbibliothek/pic
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