Vom politischen Mehrwert eines Medienmassakers

Kommentar der anderen29. Juli 2011, 20:08
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Neonazi-Organisationen mögen Breivik unterstützt haben. Seine wahren Handlanger aber sind die Medien. - Eine Polemik von Richard Schuberth

Anders Behring Breivik ist der unmoralische Gewinner. Er hat nicht nur Zeichen gesetzt, er hat sie besetzt. Denn wer den Kampf um die Zeichen gewinnt, hat den Kampf schon halb gewonnen.

Neonazistische Organisationen mögen Breivik ideologisch und materiell unterstützt haben. Seine wahren Multiplikatoren, seine wahren Handlanger aber sind die Medien.

Denn sie arbeiten, vom Boulevard bis zur sogenannten Qualitätspresse, seit einer Woche, den Gesetzen der Verwertung folgend, für ihn. Und das macht sich bezahlt. Für die Medien sowieso. Für Breivik insbesondere.

Breivik, bereits die Aussprache seines vollen Namens ist versteckte Werbung, hatte sich, so wurde berichtet, zwei Jahre lang akribisch auf seine Tat vorbereitet. Verhohlene Bewunderung für die Präzisionsarbeit eines irren Idealisten glaubt man aus dem Unisono der medialen Mystifizierung herauszuhören. Doch das Massaker war nicht der Höhepunkt, sondern der Auftakt eines einzigartigen PR-Selbstläufers.

"Ja, Meister!"

Einige Medien, die - würden sie wirklich Aufklärung betreiben - unmittelbar nach der Tat mit der konkreten Entschlüsselung der "Banalität des Bösen" hätten beginnen sollen, verhielten sich zu ihm mitunter wie der irre Irrenanstaltsgehilfe Renfield zum Grafen Dracula. - "Ja, Meister."

Breivik hatte sie nicht direkt hypnotisiert, das erledigte der Verwertungszwang als zwischengeschaltete Instanz für ihn. Er kann sich nun in seiner Gefängniszelle mit lächelndem Babyface, das seit seiner Verhaftung das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bannt, gemütlich zurücklehnen. Es ist alles so gelaufen, wie er sich gewünscht hat. Die norwegischen Sondereinheiten hatten keine Boote, um die Insel Utøya rechtzeitig zu stürmen, und die Medien nicht den Willen, der Mystifizierungssoap, die dem Massaker folgte und folgen musste, Einhalt zu gebieten. Seine Website war ein für sie gedeckter Tisch.

Wie konnte man es sich auch verkneifen, statt aktueller Fotos des etwas untersetzten Mannes mit beginnendem Haarausfall jenes mythische Jugendbild zu publizieren, das wie ein Castingfoto zu Herr der Ringe rüberkommt, und als aktuelle Bilder gerade jene Heroenfotos in selbstgewisser Combatstellung mit Präzisionsgewehr im Anschlag oder in selbst entworfener Galauniform, in der er als ideelle Alternative zu Prinz Albert posiert?

Im letzten Augenblick noch kamen die norwegischen Justizbehörden überein, ihm die gewünschte Rede an die Nation nicht zu gestatten.

Narzisstische Ermächtigung

Breivik ist zwar eingesperrt, die Pop-Ikone des Bösen aber aus dem Ei geschlüpft. Millionen potenziell rechter "Schläfer" haben die richtigen Zeichen zu dieser nordischen Blut-Katharsis serviert bekommen. Ein unsichtbares Heer verunsicherter und orientierungsloser Jugendlicher, die in der dämonischen Erhebung über gängige Moral das einzige taugliche Role Model der narzisstischen Ermächtigung sehen, haben zu einem Hero gefunden, der die eigenen faschistischen Impulse kleidsam macht.

Diese tickenden Bomben verachten den angeblichen liberalen Konsens von Toleranz und Humanität. Sie spüren nicht nur dessen Schwäche, sondern auch dessen Heuchelei, können sie bloß nicht kognitiv deuten. Sie spüren das Missverhältnis von rhetorischem Anspruch und materieller Politik, die seit Jahrzehnten nicht nur hinter der Maske der bürgerlichen Mitte, sondern auch der Sozialdemokratie und der Grünen das Geschäft der Entsolidarisierung und ökonomischen Prekarisierung betreibt.

Die Welt der Zeichen und Symbole zu besetzen, jene uneingeschränkte Domäne der Rechten, welche das Unterbewusstsein füttert, anstatt Bewusstsein zu schaffen, dafür ist sich das politische Establishment zu schade, denn es pocht noch immer auf eine Vernunft, die durch ihre konkrete Politik aber in keiner Weise eingelöst wird. Ein Versagen auf allen Linien. Der Siegeszug des Rechtspopulismus ist nicht deren irrationaler Gegenspieler, sondern das stinkende Abfallprodukt ihrer eigenen Irrationalität.

Doch zurück zu Breivik. Im Postulat des wahnsinnigen Einzeltäters wird die Mystifizierung fleißig vorangetrieben. Der rechte Berserker figuriert in der Mythografie des Terrorismus stets als charismatisches Gegenbild zur gesichts- und subjektlosen Horde bärtiger muslimischer "Gotteskrieger" .

Besseres Gewissen lukrieren

Es bedarf gar nicht des Hinweises, dass der angebliche Einzeltäter nur der heiß gewordene Gewehrlauf jenes generellen rechtspopulistischen Irrsinns ist, der soeben einen europäischen Parlamentssitz nach dem anderen für sich zu erobern weiß.

Denn die Rechte - das gehört wesenseigen zu ihrer Pathologie - imaginiert sich selbst als unverstandener Außenseiter, dessen angebliche Bedrohung durch noch Schwächere aggressive Notwehr rechtfertigt.

Ziviler Common Sense gebietet, Breiviks Tat zu verurteilen, doch in der Geheimsprache jener Zeichen, welche die alten politischen Klassen nicht mehr verstehen, zwinkert man einander verschworen zu. Dass der perverse Narr Breivik zum Heiligen Narren avanciert, dazu trugen die Medien ihr Scherflein bei. In der Distanzierung von Breiviks Methoden lässt sich nun besseres Gewissen zu dessen weltanschaulichen Beweggründen lukrieren.

So wählt man dann doch - ziviler und reifer - das andere Blondi, Geert Wilders, oder aber den schusselig-keifenden Peter Alexander des rechten Ressentiments, H.-C. Strache, wenn man nicht warten kann, bis Breivik selbst dereinst - demokratisch geläutert - auf Bewährung freikommt. Manche Rechte beenden ihre politischen Karrieren mit Pogromen, manche beginnen sie damit.

Der norwegische Kreuzritter hat sich für die publicityträchtigere Variante entschieden. (Richard Schuberth, DER STANDARD Printausgabe, 30./31.7.2011)

Richard Schuberth, Jg. 1968, lebt als freier Publizist und Bühnenautor ("Freitag in Sarajewo", "Wie Branka sich nach oben putzte") in Wien.

  • Schöner, dämonischer Massenmörder? - Cover einer schwedischen Boulevardzeitung am Tag nach der Wahnsinnstat.
    foto: standard

    Schöner, dämonischer Massenmörder? - Cover einer schwedischen Boulevardzeitung am Tag nach der Wahnsinnstat.

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