Bestialische Gewalttaten

Lust am Bösen und die Irrtümer des "Therapeutismus"

Kommentar der anderen | 29. Juli 2011, 19:07
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    foto: wdr

    Eugen Sorg:
    Amokläufer sind Partisanen des Nichts

Was wir über die Hintergründe bestialischer Gewalttaten zu wissen glauben - von Eugen Sorg

Und warum derlei Erklärungsversuche mehr als fragwürdig sind: Grundsätzliche Anmerkungen über die "Lust am Bösen".

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Kürzlich mussten sich einige amerikanischen Soldaten vor einem US-Militärgericht im Staate Washington wegen mehrfachen Mordes verantworten. Sie hatten in Afghanistan Zivilisten umgebracht, darunter Jugendliche, ohne Anlass, aus "purer Lust am Töten" , wie es der Ankläger formulierte. Die Gruppe, die sich Kill Team nannte, filmte sich nach den Taten gegenseitig, stolz grinsend, den Kopf der erlegten Beute in die Kamera haltend, und packte sich als Jagdtrophäen abgeschnittene Finger und dergleichen ein. Das Verhalten der jungen Soldaten erinnerte an dasjenige der deutschen Wehrmachtsangehörigen vor rund siebzig Jahren. In amerikanische und britische Kriegsgefangenschaft geraten, tauschten sie sich mit ihren Kameraden über ihre Erlebnisse an der Ostfront aus, nicht ahnend, dass ihre Gespräche aufgezeichnet wurden. Die von den Autoren Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem Buch "Soldaten" jüngst veröffentlichten Abhörprotokolle zeigen nicht nur auf, dass auch die einfachen Armeemitglieder Bescheid wussten über die Judenvernichtung, dass viele freiwillig an Judenerschießungen teilgenommen hatten oder dass sie Jüdinnen trotz "Rassenschande" oft zuerst vergewaltigten bevor sie sie töteten. Die Protokolle machen vor allem deutlich, dass sie mit Lust zu Werke gegangen waren. "Mein lieber Freund", hört man auf den Aufzeichnungen immer wieder, "das hat Spaß gemacht."

Wann immer wir, wie auch jetzt gerade wieder im Fall Breivik, mit Beispielen menschlicher Grausamkeit und Niedertracht konfrontiert werden, reagieren wir ratlos. Wir suchen nach einer rationalen Erklärung, die der Tat den Schrecken des Sinnlosen nehmen soll. Dass jemand einen anderen tötet aus reiner Freude am Töten, scheint uns undenkbar geworden zu sein. Seit rund einem halben Jahrhundert hat sich in den reichen westlichen Ländern die Auffassung durchgesetzt, dass das Böse eine Reaktion auf erlittenes Unrecht sei, gleichsam ein fehlgeleitetes Gutes, die Folge einer Ursprungskränkung aus der Vergangenheit. Je abscheulicher eine Tat, so die Universaldiagnose, desto weniger ist der Täter dafür verantwortlich. "Das Problem der bösen Leute" sei, fasst der amerikanische Philosoph Richard Rorty die therapeutische Weltauffassung der kulturellen Eliten des Westens zusammen, "dass sie nicht so viel Glück gehabt haben wie wir selbst hinsichtlich der Umstände, unter denen sie aufgewachsen sind." (Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt a. M. 2000.)

In allen bekannten bisherigen Gesellschaften wurde das Böse als eigenständige Macht begriffen. Uralte Mythen erzählen davon, wie es in die Welt kam, die Legenden der Völker berichten von seiner vielgestaltigen Erscheinung, Religionen warnen vor dessen Verführungskraft. Die grundlegenden zivilisatorischen Erzählungen gehen vom selbstverständlichen Wissen aus, dass in der Fähigkeit zum Bösen die menschliche Freiheit begründet liegt, die ihn vom Tier unterscheidet, und dass das Böse letztlich ein Rätsel, eine "unbegreifliche Faktizität" (Sören Kierkegaard) bleibt. Wahrscheinlich hat es dies noch nie gegeben, dass eine ganze Kultur, so wie die unsere, das Böse als im Prinzip vermeidbarer Betriebsunfall und nicht als wesentlicher Bestandteil der Conditio humana beurteilt hat.

In den europäischen Städten hat sich in den letzten Jahren eine neue Form von Jugendbrutalität ausgebreitet. Eine Gruppe junger Männer wählt sich ein Opfer aus, spontan, meist ohne Anlass und schlägt es zu Boden. Endete hier früher meistens die Aggression, beginnt sie nun erst richtig. Gezielt wird der Kopf mit Tritten traktiert, Invalidität oder Tod in Kauf nehmend. Manchmal wird das Opfer ausgeraubt, manchmal nicht. Beute spielt keine zentrale Rolle. Ein Großteil der Delinquenten stammt aus Unterschichts- und Immigrantenfamilien - aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus dem Balkan. Aus diesem Umstand leiten die Gewaltexperten in der Regel ihre Deutungen ab: Die Jugendlichen litten unter Identitätsproblemen, Diskriminierung, Kriegstraumata, die sie aus ihren schwierigen Herkunftsländern importiert hätten.

Einheimische Schlägertrupps aus sozial solidem Milieu sind die Ausnahme. Zum Beispiel jene schweizerischen Berufsschüler auf Klassenfahrt in München, die im Sommer 2009 auf einem fröhlichen Abendspaziergang innert weniger Minuten fünf Männer grundlos niedergeschlagen und zum Teil schwer verletzt hatten. Die drei sechzehnjährigen stammten aus schmucken Gemeinden am Zürichsee, lebten in geordneten Verhältnissen, waren beliebt bei Lehrern und Mitschülern, hatten Lehrstellen in Aussicht. Der Fall löste in Deutschland und der Schweiz große Bestürzung aus. "Ob diese satte Schönheit Langeweile erzeugt?", sinnierte der Reporter eines deutschen Nachrichtenmagazins, der extra in die Heimatgemeinden der Jugendlichen gereist war, um deren Taten besser verstehen zu können. Er reiste ratlos wieder nach Hause.

Mehr Aufschluss über die Motive der Schläger geben die Aufnahmen von Überwachungskameras, die ab und zu von der Polizei zu Fahndungszwecken ins Netz gestellt werden, wie jene aus einer Bahnhofsunterführung in Kreuzlingen am Bodensee. Das Video zeigte, wie kurz nach Mitternacht ein junges Prüglertrio zwei andere junge Männer zu Boden schlägt und mit Fäusten und Tritten zu bearbeiten beginnt. Nach über einer Minute lässt es von den Regungslosen ab und steigt die Rampe hoch, direkt Richtung Kamera. Die drei Burschen wirken aufgekratzt und freudig beschwingt. Sie haben sich unter den Armen eingehängt und lachen und feixen und genießen offensichtlich die immer noch nachklingende Wirkung des Adrenalins, das ihnen beim Auflauern, Quälen, Erniedrigen durch Körper und Hirn schoss, in heißen, energetischen Schüben, wie eine hochstimulierende Droge. Als sie später gefasst wurden, konnten sie keine Gründe für ihre Attacke nennen. Sie hatten ihre Opfer vorher noch nie gesehen. Aber ihre Gesichter auf dem Video verrieten, warum sie geprügelt hatten. Sie hatten eine "geile Zeit".

An die Schläger musste ich wieder denken, als ich die Bilder des amerikanischen Kill Teams sah. Die Schläger erinnerten mich aber auch an die Milizionäre und Kämpfer, denen ich in den letzten zwanzig Jahren in den verschiedensten Kriegszonen der Welt begegnet bin. Der junge brutale Chef eines Gefangenenlagers im auseinanderbrechenden Jugoslawien, die mit Rosenkranz und Kalaschnikow ausschwärmenden Taliban, die nach Rache dürstenden Freiwilligen der kosovarischen Guerilla der UCK, die sich seit zwanzig Jahren rücksichtslos bekriegenden somalischen Clanverbände - sie alle waren wie die Bahnhofsschläger von einer eigentümlichen wilden Feierlichkeit, von einer Hochstimmung erfüllt.

Man überschätzt im Westen Ideologien und Theorien und unterschätzt die Neigung zu irrationalen, zerstörerischen Handlungen. Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren. Wir tragen in uns ein mächtiges Reservoir an aggressiven Impulsen, ein evolutionsgeschichtliches Erbe animalischer Reflexe.

Jede Kultur wird von der Lust an der zivilisatorischen Subversion bedroht, von den Versuchungen der Anarchie, des Chaos, der Allmacht. In Jugoslawien, Ruanda, in jedem Bürgerkrieg kann man feststellen, wie leicht sich gesellige Kaffeehauskumpane in erbarmungslose Menschenjäger verwandeln, egal welcher Religion, Ethnie, Weltanschauung oder sozialer Schicht sie angehören.

Das utopische Menschenbild des Therapeutismus verhindert bis heute eine realistische Einschätzung gewalttätiger. Auch über Breivik beugen sich bereits wieder Dutzende psychologisch tiefgründelnder Experten oder Politikauguren und glauben, gestörte Vaterbindungen oder ein bestimmtes politisches Klima ausmachen zu können.

Doch eine nüchterne Betrachtung zeigt, dass sich unter den Selbstmordattentätern auffällig viele Gutausgebildete mit beneidenswerten Berufsaussichten befinden. Die Lebendbomben und die Amokläufer wie Breivik sind nicht verzweifelt oder unglücklich oder auf irgendeine verdrehte Art idealistisch. Sie sind nicht einmal religiös. Zwar widmet der Märtyrer die allerletzten Worte seinem Gott. Aber in Wirklichkeit preist er sich selber.

Er setzt sich über alle ethischen, natürlichen, strategischen Gesetze hinweg, steht jenseits von Angst, Mitleid, Schmerz, jenseits von jedem Sinn. Wer leben oder sterben soll, liegt in seinem Belieben, er entscheidet sogar über den eigenen Tod. Er stößt Gott vom Thron und setzt sich an dessen Stelle. Dies ist der Kern des radikalen Islamismus wie auch des wirren, 1500-seitigen Breivik'schen Internetvermächtnis:

Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar.

Es ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit, man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft. Die Existenz des Bösen zu verleugnen, ist der gerade Weg, sich ihm auszuliefern. Sich vor ihm schützen kann nur, wer es erkennt. (Eugen Sorg/DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2011)

Eugen Sorg, Jg. 1949, bis Frühjahr 2011 Redakteur der Schweizer "Weltwoche" und nun Textchef der "Basler Zeitung" ist Autor des Buches "Die Lust am Bösen", das seine langjährigen Erfahrungen als Rot-Kreuz-Gesandter und Kriegsberichterstatter zusammenfasst.

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Knochenmann
00

Ich stimme zu.

wurzen sepp
 
02
alles schön und gut:

aber ich musste erst den "falter" lesen, um mir klar zu werden, dass es sich um einen gezielten anschlag auf den sozialdemokratischen nachwuchs in norwegen handelte, und nicht um eine manifestation eines abstrakten "bösen" und einer lust am töten - auch wenn ich überzeugt bin, dass es die gibt.

Günther Gettinger
00
http://www.nybooks.com/articles/... tion=false

If nothing else, a reassessment of what we know about Europe in the years between 1933 and 1953 could finally cure us of that “lack of imagination” that so appalled Czeslaw Milosz almost sixty years ago. When considered in isolation, Auschwitz can be easily compartmentalized, characterized as belonging to a specific place and time, or explained away as the result of Germany’s unique history or particular culture. But if Auschwitz was not the only mass atrocity, if mass murder was simultaneously taking place across a multinational landscape and with the support of many different kinds of people, then it is not so easy to compartmentalize or explain away. The more we learn about the twentieth century, the harder it will be to draw easy lesso

Günther Gettinger
01
Von wegen 'Lust am töten'

http://www.killology.com/art_train... illing.htm

"During World War II, US Army Brig. Gen. S. L. A. Marshall had a team of researchers study what soldiers did in battle. For the first time in history, they asked individual soldiers what they did in battle. They discovered that only 15 to 20 percent of the individual riflemen could bring themselves to fire at an exposed enemy soldier.

That is the reality of the battlefield. Only a small percentage of soldiers are able and willing to participate. .....From the military perspective, a 15 percent firing rate among riflemen is like a 15 percent literacy rate among librarians. And fix it the military did. ... And by Vietnam, the rate rose to over 90 percent."

Wolkengedanken
00

Interessant ! Aber wie glaubwürdig sind die Aussagen von Soldaten zu diesem Thema und wie soll es dann gelungen sein die "Schießrate" von 15% auf 90% zu steigern, mit welcher Art von Indoktrination ?

emanze c
01
Hier sind militärinterne Unterlagen minutiös aufbereitet vorhanden. Vor den 1940er Jahren wurden Soldaten durch Schießen auf Zielscheiben trainiert. Auf "echte Menschen" zu schießen fiel der überwiegenden Mehrheit schwer,

zumindest wenn nicht unmittelbare Lebensgefahr im Zweikampf bestand. Auf direkte Frage von Vorgesetzten (wenn auch vermutlich in anonymisierter schriftlicher Befragung) würden sich Soldaten eher den Erwartungen gemäß "gut" darstellen, und eher sagen, sie hätten auf Feinde geschossen wenn das nicht der Fall war. Die 15-20% Rate ist also wahrscheinlicher eher zu hoch als zu niedrig. Soviel verschossene Munition und "Ineffektivität" im Kampf war den Militärs ein Dorn im Auge und es wurde begonnen, mit beweglichen/Menschen ähnelnden Zielscheiben zu arbeiten.
Dieses Enthemmen/Automatisieren zeigte Wirkung und das direkte Schießen auf Menschen im Kampf stieg sprunghaft an schon in Korea.

Gut dokumentiert und teils öffentlich, also verläßlich.

wurzen sepp
 
00
Sobald es Ihnen selbst oder jemandem anderen

gelungen ist, in ihrer psyche einen feind zu etablieren, dessen lebensrecht Sie verwirkt sehen, wird Ihnen das töten freude machen. ich glaube nicht mal, dass der größere anteil der menschen dagegen resistent wäre.
es muss halt immer der RICHTIGE feind sein.
wie ginge es uns gutmenschen zb, wenn neonazis mit waffengewalt versuchten, die herrschaft an sich zu reißen? also ich könnte da für mich nicht garantieren...

Char Ming
00
31.7.2011, 22:19

Kein Mensch ist von Natur aus "böse". Man findet immer Grausamkeit und Gewalt in der Kindheit.
Einen gewissen Anteil haben die Täter aber selbst: Irgendwann können sie sich auch entscheiden, ob sie die Gewalt weiter führen wollen oder nicht.

emanze c
01

Das ist eine Generalisierung. Es gibt durchaus Menschen, die unerklärlicherweise Spass an Gewalt haben, ohne "typische" Gewaltgeschichte in der Familie. Natürlich wird Gewalt in der einen oder anderen Form in jeder menschlichen Gesellschaft verherrlicht (ob durch TV oder Heldensagen), aber Menschen entwickeln sich in die eine oder andere Richtung auch ohne direkte Gewalterfahrungen in der Familie. Erzählen Sie mal liebenden Verwandten, deren Kind begonnen hat, Katzen grausam zu töten, dass es an ihnen liegen muss. Stimmt oft, aber bei weitem nicht immer. Jeder Mensch ist nun mal ein Unikat, auch im Schlechten.

Seminole Eagle Chief
01
31.7.2011, 21:55
Das ist einer der Artikel...

... wegen derer ich den Standard lese.

recouvrer la raison
02
31.7.2011, 18:57

Ich verstehe nicht, wieso gerade auf Biegen & Brechen von einigen versucht wird die Tat eines rechtsextremen, christlich fundamentalistischen Terroristen als Amoklauf eines einzelnen Verwirrten oder als eine Art Lust am Töten & damit als ein Paradebespiel für irgendwelche krude psychologistische Theorien (zum Teil aus der ersten Hälfte des 20. Jhs - die von manchen wieder rehabililitert versucht werden) über "das Böse" hin zu konstruieren. Allein der Brief vom Vize-Chefredakteur des ORF NÖ, doch bitte nicht von einem "christlichen Fundamentalisten" zu sprechen, da das Christentum "im Widerspruch zu Mord steht" spricht hier doch Bände. Wer glaubt die Tat B.s ist die eines Verwirrten & habe nichts mit Politik zu tun lügt sich doch selbst an.

Günther Gettinger
02
31.7.2011, 21:08
TMT

Schon mal auf die 'Terror- Management-Theorie' gestoßen? http://www.psychology48.com/deu/d/ter... heorie.htm

Ziemlich erklärungsmächtig und einfach!

Wolkengedanken
02
31.7.2011, 18:54

Ohne irgendjemandem zu nahe treten zu wollen, möchte ich aber schon festhalten, dass man um Kriegsberichterstatter sein zu wollen, schon eine gewisse psychische Disposition braucht, die sich sicherlich auch auf das allgemeine Weltbild eines Menschen auswirkt.

Steinbock1959
11
31.7.2011, 17:01

Vielleicht noch etwas Schönes zum Abschluss: Ich habe einmal eine Dokumentation über irgendein Nomadenvolk in der Mongolei im Fernsehen gesehen - und die haben dabei noch so richtig strahlende Augen gehabt und ihre paar Habseligkeiten haben sie auf dem Rücken von einem Pferd untergebracht.

Char Ming
11

Was wollen Sie uns damit sagen?
Na dann, auf in die Mongolei, Eigentum belastet, weg mit dem ganzen Krempel, rein in die Steppe?

Elio Ambrosi
 
42
31.7.2011, 17:25
er hat

Verhaltensmuster gewalttätiger Menschen in unterschiedlichsten Situationen dargestellt und das gemeinsame Muster "Lust an der Gewalt" dargestellt und daraus den Schluss nachvollziehbar abgeleitet, dass die gängige Annahme ideologischer Hintergründe dieser Handlungen überschätzt werden.
Bleiben Sie meinetwegen in ihrem theoretischen Konstrukt, aber Sparen Sie sich bitte den erhobenen Zeigefinger und das Nichtgenügend.

pox vobiscum
13
31.7.2011, 18:35

...und dabei die grundlegenden Fragen ausgespart wie und warum es zum Ausbruch der Gewalt kommt, warum nicht alle immer wieder ausrasten, was es mit der Lust daran denn auf sich hat - das kommt wahrscheinlich davon wenn man reine Beobachtungen zusammenfasst aber nicht tiefer nachfragt und forscht. Weiters verstellt er durch die etwas naive moralisierende Feststellung, im Menschen sei nun mal etwas "Böses", dessen Existenz der Preis für die menschliche Freiheit sei, die Sicht auf wichtige Fragen und mögliche Antworten, wie eben nach dem Einfluss von Familie und Gesellschaft, wieweit es mit der Feriheit des Willens wirklich her ist etc. Für die herabsetzende Bezeichnung "Therapeutismus" gebührt ihm sowieso der Ig-Nobelpreis für Psychologie.

Saskia Fabian
 
64
31.7.2011, 16:48
tDer liebe Hr. Sorg hat kein einzig stichhaltiges Gegenargument gegen die "Theorien der Eliten aus dem Westen" gebracht

vielmehr urteilt er pauschal ab und wischt die neuesten Erkenntnisse der Gewaltforschung mit uraltanalytischen Erklärungen (Triebe-Konrad Lorenz) weg und rückt sich damit selbst ins rechte Eck. Für Lösungsvorschläge ist er sich ohnehin zu gut, das was er recht glaubwürdig praktiziert ist eine gewalttätige Argumentation, er lebt es uns praktisch vor, wies funktioniert, wenn einer autoritär seine Meinung als Wahrheit hinstellt. Nicht genügend!

Jonathan Möwe
13
31.7.2011, 15:37

Der Artikel trifft ganz einfach nicht die richtige Ebene.
Mir scheint, daß der Autor vielmehr dadurch polarisiert wird, wie auf Grausamkeit reagiert wird.
Es ist das zeitgeistige Dogma eines falsch verstandenen (!) Therapeutismus, daß Friedfertigkeit, sich öffnen und vermeintliches Verständnis für den Täters als Lösungsansatz proklamiert wird, der aber in vielen Fällen einfach nur dazu dient Problemen durch "Schöndenken" aus dem Weg zu gehen.
Aber dazu braucht man nicht gleich als Konter auf Mystizismen, wie das Böse als eigenes Element, als eigene Macht, umkippen. Brrrrrr!

Günther Gettinger
13
31.7.2011, 17:27

Seltsam.Plötzlich scheinen sich sehr viele Menschen darüber einig zu sein, das so etwas wie 'Therapeutismus' (also primär mal 'Verstehen' statt sofort mal gleich 'Verurteilen') eine wesentliche Ursache für die Zunahme von 'ausrastenden Wutbürgern' sei. "Net so viel herumreden, stattdessen mehr kontrollieren und potentielle Täter ein-und wegsperren": ist das der neue Zeitgeist?

Aber kann man irgend etwas verstehen ohne mit ihm in Kontakt zu treten, ohne sich von ihm berühren zu lasssen? Nein. Ich vermute, es geht dabei (unbewusst und bewusst) um die Veteufelung des Verstehens (von Empathie) zugunsten der Zunahme von externer Kontrolle. Eins seltsames 'Sicherheitsdenken' greift da um sich......ich fühl mich immer unsicherer dabei.

Jonathan Möwe
00
31.7.2011, 18:42

Da haben sie mich falsch verstanden. Ich rufe weder nach noch mehr Härte und Kontrolle.
Ich wollte nur aufzeigen, daß man aus pychologischer Perspektive sehr wohl (!), entgegen der weitläufigen Meinung, an gewissen Punkten Grenzen setzen darf und muss, um sich zu schützen. Man darf Empathie nicht grenzenlose Unbedingtheit aufzwingen - in der Hoffnung, daß sich damit tatsächlich etwas ändert. In manchen Situationen stimmt das einfach nicht.
Letztendlich glaube ich, wird es immer bei der berühmten unlösbaren Diskrepanz bleiben, frei nach Rushdie: sollen wir die Intoleranten tolerieren?

das ausschließlich Empathie - eine solche wie meist scheinbar spirituelle Größen sowie viel

Günther Gettinger
02
31.7.2011, 21:17

Empathie ist ein Mittel zum Zweck (der Verständigung) - und kein Selbstzweck. Für einen beweglichen Geist gibt es keine 'Empathiegrenze'. Sein Gegenüber emotional intelligent verstehen zu können ist Voraussetzung für alle rational sinnvollen Handlungsoptionen - hier sogleich von 'Therapeutismus' zu reden ist ein grober Schnitzer bzw. Anzeichen geistiger Engführung.

Jonathan Möwe
00
31.7.2011, 22:11

Bitte, es bleibt Ihnen offen, Empathie mit Verständnis zu verwechseln.

pox vobiscum
02
31.7.2011, 18:22

Mir gefällt das auch nicht, aber der Ruf nach mehr Kontrolle und Härte ist ja kein neuer, vielleicht kommt einem nur so vor, dass immer mehr Leute in ihm einstimmen.
Mir gefällt auch nicht, wie viele Leute nicht erkennen, dass an Herrn Sorg die Aufklärung anscheinend vorbeigegangen ist, wir sollten über die Vorstellung von etwas Bösem im Menschen hinaussein und die grundlegenden Einflüsse von genetischer Ausstattung, Gesellschaft und Umwelt erkannt haben. Es ist erstaunlich wie wenig Erkennisse er über den Einfluss des Milieus als Kriegsberichterstatter gewonnen hat und wie unbeleckt von neuen Erkenntnissen er über das Böse und den "Therapeutismus" schwatzt. Durch moralische Mystifizierung der menschlichen Natur löst man keine Probleme.

Trismegisto
 
01
31.7.2011, 18:42

von einem Ruf nach mehr Kontrolle und Härte hab ich allerdings bei diesem Kommentar und seinen Postings nichts gelesen. Das ist vielleicht eine Schlussfolgerung, aber keine schlüssige.
Und bei dem was Aufklärung anscheinend alles bewirken soll wird mir schon langsam schwindlig.

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