Wiener Philharmoniker unter Boulez

Lyrische Abstraktion in gelassenen Händen

Ljubiša Tošić, 29. Juli 2011, 17:16

Wiener Philharmoniker im Großen Festspielhaus - Boulez ist der Altmeister des subtilen, mit klanglichen Feinheiten berückenden Dirigierminimalismus

Salzburg - Für die Wiener Philharmoniker ist die sommerliche Festspielzeit auch eine, in der das dirigentische Wechselbad (dem sich die bewusst cheffreien Flexibilitätskünstler immer stellen) in verdichteter Festivalform zu bewerkstelligen ist: Mit dem impulsiven Christian Thielemann stieg man etwa Freitag in den Salzburger Opernring (Die Frau ohne Schatten) - mit dem eher sehr gelassenen Pierre Boulez hingegen zog man am Donnerstag im Großen Festspielhaus in die Konzertmanege.

Boulez ist der Altmeister des subtilen, strukturinteressierten, mit klanglichen Feinheiten berückenden Dirigierminimalismus. Der mittlerweile 86-Jährige wirkt denn auch bei Alban Bergs Lulu-Suite, in deren Mitte die rätselhafte Frauenfigur singend thront (glänzend Anna Prohaska), als jene kundige Idealbesetzung, die eine abstrakte Lyrik mit Klarheit zur Entfaltung bringt, sich jedoch gerne auf die philharmonische Klangpräsenz und -wärme ebenso verlässt wie auf die effektive Umsetzung rasanter Passagen.

Diesen besonderen Berg-Ton trifft Boulez auch bei der schummrig-eleganten Konzertarie Der Wein, wobei: Die an sich sehr sicher agierende Sopranistin Dorothea Röschmann musste (mit einem zu wenig kontrollierten Vibrato) mitunter als vom Stilkonsens abweichende Akteurin erscheinen. Bei Gustav Mahlers Klagendem Lied fiel dies weniger ins Gewicht. Mehr irritierte, dass Anna Larsson wenig wortdeutlich und auch nicht sonderlich einnehmend klang. Immerhin konnte man sich mit Johan Bothas robustem Tenor trösten - wie natürlich mit dem Orchestralen.

Boulez stellt bei diesem Frühwerk jene schon wirkenden, markant ambivalenten Stilgesten Mahlers deutlich aus. Er versäumt es aber auch nicht, die Entfaltung von überbordender Energie zu ermöglichen (wovon die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor reichlich profitierte), bevor das Werk mit einem "Knall" samt hohem Ton (Röschmann) diskreteffektvoll zu Ende ging. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 30./31. Juli 2011)

Wiederholungskonzert am 31. Juli um 21.00 Uhr

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