Denkmalamt: "Wir prüfen wie die Haftelmacher"

29. Juli 2011, 17:11
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Das von Adolf Loos entworfene Geschäftslokal auf der Mariahilfer Straße 70 wird als Ramschladen genutzt - Fachleute sind betroffen

Wien - "Diese Bankhalle wurde 1914 nach Entwurf von Adolf Loos errichtet und 1975 von der Zentralsparkasse als Teil einer neuen Zweigstelle restauriert." Gut, dass der Text seinerzeit in Stein gemeißelt wurde, denn viel ist von der ehemaligen Bankfiliale der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien nicht mehr zu sehen. Bunte Fetzen, Plastikschürzen und Scherzartikel hängen dicht gedrängt von der Stange und verwandeln die "bedeutende Arbeit von Loos" (Österreichischer Architekturführer von Friedrich Achleitner) in einen billigen Ramschladen. Mieter der denkmalgeschützten Halle ist der Ein-Euro-Shop "Allerlei" des deutschen Handelsunternehmens Dörrbecker.

"Nein, wir sind mit der Nutzung nicht besonders glücklich", sagt Friedrich Dahm, Wiener Landeskonservator im Bundesdenkmalamt (BDA), auf Anfrage des Standard. "Wir sind alle drei Tage vor Ort und prüfen wie die Haftelmacher, ob die Mieter den Schutz der historischen Substanz wahrnehmen oder nicht." Auf die Verwendung eines denkmalgeschützten Objekts hat jedoch auch das BDA keinen Einfluss: "Wir können nur sagen, ob die Substanz in Gefahr ist oder nicht. Alles andere liegt nicht in unserem Ermessen."

Auch beim Grundstückseigentümer, der Domus Facility Management GmbH, einer Tochtergesellschaft der Bank Austria, sei man letztendlich mit den Tatsachen konfrontiert worden: "Das Geschäftslokal in der Mariahilfer Straße 70 ist langfristig an ein Unternehmen vermietet, das seinerseits wiederum das Recht auf Untervermietung hat", erklärt der BA-Pressesprecher Martin Halama. "Daher haben wir auf die tatsächliche Nutzung der Räumlichkeiten keinerlei Einfluss." Außerdem gehe man davon aus, dass der Ein-Euro-Shop nur eine interimistische Lösung sei.

"Völlig falsche Nutzung"

Architekturhistoriker Friedrich Achleitner bezeichnet die derzeitige Lösung als "völlig falsche Nutzung. Ein Wahnsinn. Das ist zum Heulen." Gerade anhand solcher extremer Fälle erkenne man gut die Schwachstellen des österreichischen Denkmalschutzes. "Das ist alles eine Frage des Gesetzgebung, aber für besondere Denkmäler müsste es doch möglich sein, die Gebäudenutzung in irgendeiner Art und Weise zu beeinflussen - sei es per Gesetz oder per Beratung." Achleitner plädiert für eine gewisse kulturelle Verantwortung der Stadt, der Eigentümer und der Vermieter. Diese vermisse er.

"Das Denkmalamt hat keinen Einwand gegen die derzeitige Nutzung", entgegnet BA-Sprecher Halama. "So gesehen wird der kulturellen Verantwortung von unserer Seite Rechnung getragen." Randnotiz: Am 1. Oktober 1910 schrieb Adolf Loos in der Reichspost: "Im Parterre und Mezzanin, dort wo die Geschäfte ihren Sitz aufgeschlagen haben, dort verlangt das moderne Geschäftsleben eine moderne Lösung." Diese Forderung muss noch eingelöst werden. (Wojciech Czaja/DER STANDARD, Printausgabe, 30./31. Juli 2011)

  • Die historische Bausubstanz Adolf Loos' ist intakt, das Erscheinungsbild
 jedoch nicht: Architekturhistoriker Achleitner plädiert für mehr 
kulturelle Verantwortung.
    foto: der standard/andy urban

    Die historische Bausubstanz Adolf Loos' ist intakt, das Erscheinungsbild jedoch nicht: Architekturhistoriker Achleitner plädiert für mehr kulturelle Verantwortung.

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    foto: der standard/andy urban
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