Wie weit steht es um unsere Empörung?

    29. Juli 2011, 17:45
    44 Postings

    Ich als Weltgesellschaft soll mich empören. Gefällt mir. Aber ist der Aufstand nicht doch auch ein Märchen der Zeit? Von Claudia Tondl

    Fünfzehn Seiten Appell. Traumhaft in Türkis gebunden, leuchtet das Heftchen in jedem Buchgeschäft einladend aus der erdrückenden Masse geschriebenen Wortes, verführt zum Kauf. Die Nachfrage ist groß, der Autor ist alt. 93 Jahre. Und mit diesen Jahren weiß der Mann von einer imposanten und bewegenden Lebensgeschichte zu erzählen. Er überlebte nicht nur das Konzentrationslager Buchenwald, sondern zeichnet auch als ehemaliger französischer Widerstandskämpfer für die UN-Menschenrechtscharta verantwortlich. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen", steht in Artikel 1 geschrieben. Eben an jene Vernunft und jenes Gewissen appelliert Stéphane Hessel, wenn er mit seinem Manifest Empört euch! proklamiert.

    Aber wie weit steht es um unsere Empörung? Brauchen wir die überhaupt? Na ja. Die Finanzmärkte sind zusammengebrochen, die Arbeitslosigkeit erreichte einen Höhepunkt, die Politik tut alles erdenklich Mögliche, um die staatlichen Probleme nicht zu lösen, und lässt damit Menschen gehört werden, die als einziges Patent Hass auf andere und anderes anbieten und immer erfolgreicher propagieren. Um uns ereignen sich Naturkatastrophen, die uns Menschen vor Augen führen, wie hilflos wir eigentlich unserem Dasein ausgesetzt sind, und anstatt mit der Welt zu arbeiten, arbeiten wir permanent gegen sie. Am besten gegen alles und gegen jeden. Ich bin. Das Individuelle ist unser persönliches Heiligtum. Der Mensch als Monade. Vernunft existiert nicht. Kann gar nicht existieren, denn die Macht des Geldes ist zu groß, zu stark, zu unüberwindbar. Wenige oben scheffeln sich die Taschen voll, während der Rest der Weltbevölkerung die Konsequenzen zu tragen hat. Und wir? Empören wir uns? Wir hätten jeden Grund. Doch leben wir in einer demokratischen Blase. Hier können wir sein. Wir könnten, wenn wir wollten. Unsere Stimme würde jederzeit gehört. Das reicht, also lehnen wir uns zurück, schweigend. Und weil wir Menschen dazu verdammt und erzogen sind, die Stille nur sehr bedingt zu ertragen, posten wir dazwischen, ab und zu oder dauernd und sehr gerne unsere ernsthaften Absurditäten und banalen Ergüsse auf Facebook - einer harmonisch freundlichen und friedlichen Vereinigung aller WeltbürgerInnen, jedem Datenmissbrauch und Mobbing-Opfer zum Trotz. "Gefällt mir" ist zum nationalen und internationalen Hobby geworden. Die Erdatmosphäre könnte genauso gut von einer schillernden Seifenblase ersetzt werden.

    Bis sie platzt. Aber was bringt sie dazu? Der manifeste Aufruf, sich zu empören, vermag das nicht. Im Gegenteil. Spätestens mit der letzten der fünfzehn Seiten schlägt die hohe Erwartung in niederste Enttäuschung. Da sagt mir ein 93-jähriger Mann, der verfolgt wurde und gekämpft hat, "aus ganzem Herzen und in voller Überzeugung": "Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen." Was Neues? Wie Widerstand? Wogegen? Werde ich bedroht? Hallo! Ich schüttle das Buch, aber mehr kommt nicht heraus. Aus mir stößt ein: Ja, eh. Frustriert und unzufrieden. Wenn Stéphane Hessel den Jungen einräumt, heute in einer anderen Wirklichkeit zu leben, in der die Anlässe, sich zu engagieren, nicht mehr so offen zutage liegen, sage ich, der Mann hat recht. Die westliche Welt, in die ich geboren wurde und in der ich lebe, tut mir nichts. Es geht mir gut. Prinzipiell. Doch behauptet Artikel 1 von mir, mit Vernunft und Gewissen begabt zu sein. Ah ja. Wo bitte? Und noch wichtiger: Was mache ich damit?

    Mit einem Mal und urplötzlich ist mir elend zumute. Um mein Gewissen nicht länger zappeln zu lassen, muss ich mir selbst eingestehen, dass das System, in dem es mir augenscheinlich gutgeht, eigentlich und tatsächlich schlecht ist. Und nicht nur irgendwie, sondern von vorne bis hinten. Das System ist schlecht. Schamlos und niederträchtig beutet es Menschen aus. Menschen, die durch mein Konsumverhalten in abscheuliche Bedingungen getrieben, dort geradezu gehalten und ausgebeutet werden. Mein Übermaß und meine Verschwendung produzieren mehr. Mehr von allem. In der Produktion ist der olympische Gedanke längst das Ziel. Und ich bin der Weg. Ein Trampelpfad.

    Weil meine Mittel im Vergleich aber so minimal, so klein und unvollkommen scheinen, poste ich zumindest diesen Gedanken auf Facebook - immerhin: "Das System, in dem wir leben, ist schlecht." Ich bin stolz auf mich. Ich bin frei, das auszusprechen. Herr Hessel, ich engagiere mich, konkret. Pause. Pause. Pause. Und mit mir, rekordverdächtig, 32 Fb-Freunde, denen mein Posting gefällt. Daumen hoch. Die Welt wird gerettet werden. Gemeinsam haben wir ein Zeichen unseres Aufbegehrens für die Veränderung dieses Systems gesetzt. Außerdem bin ich schon längst Mitglied bei Avaaz und unterschreibe jede Petition. Ich unterschreibe für den Stopp der Atomkraft. Ich unterschreibe für den Stopp der Abholzung des Regenwaldes. Ich unterschreibe für den Stopp des weltweiten Bienensterbens. Ich unterschreibe für den Stopp der Informationssperren im Nahen Osten. Ich unterschreibe für den Stopp von Rupert Murdoch. Ich beteilige mich - ja, das tu ich wirklich - und behaupte überzeugt: Ich bin auf dem richtigen Weg.

    Ich bin ein guter Mensch

    Der Medientheoretiker Marshall McLuhan stellte bereits in den 1960er-Jahren fest, dass wir deutlich mehr durch die Medien geformt werden, mit denen wir kommunizieren, als durch den Inhalt, den wir mit ihnen kommunizieren: Das Medium ist die Botschaft. So verkaufen uns soziale Netzwerke wie Facebook das Gefühl, in dem von McLuhan geprägten Begriff des globalen Dorfes als WeltbürgerIn zu leben. Ich bin Weltgesellschaft. Ich bin Weltgesellschaft, so wie ich da sitze: als Monade hinter meinem Bildschirm, von der Revolution abgekoppelt durch die demokratische Blase, die mich umgibt. Ich brauche kein autokratisches System niederschlagen, ich muss keinen Diktator stürzen, ich habe mit dem Kampf gegen ein tyrannisches System nichts am Hut. Aber ich bin involviert, indem ich davon lese. Ich lese davon, weil auch ich Welt bin. Ich bekomme die Ereignisse in Echtzeit in mein Wohnzimmer. Die Vögel zwitschern es von allen Dächern. Ich bin Welt und alle meine Fb-Freunde sind es auch. Mit diesem Gefühl drehe ich mich um. Und starre in die Leere. Um mich herrscht Einsamkeit.

    Was muss ich tun? Muss ich etwas machen? Ich bin definitiv kein "Ohne mich"-Typ. Immerhin träume ich seit Jahren von meinem Passivhaus und meinem eigenen Gemüsegarten. Ich bin fähig, mich zu empören. Jawohl, ich engagiere mich. Ich bin mit Attac Österreich befreundet. Ich bin mit Global 2000 und Amnesty International befreundet. Ich bin mit den Vier Pfoten befreundet. Ich bin mit Greenpeace und dem WWF befreundet. Ich trage ein Bockig-T-Shirt und Schuhe aus umweltfreundlichem Hanf. Ich beziehe Ökostrom. Ich esse regionales Biogemüse aus kontrolliert ökologischem Anbau und kaufe nur Fair-Trade-Produkte. Ich bin ein guter Mensch. Alte Kleidung spende ich der Caritas. Ich verwende recyceltes Klopapier und spare beim Wasserverbrauch. Ich heize nicht zu viel, sondern ziehe mir lieber einen zweiten Pullover an. Ich fahre mit dem Fahrrad und lasse mir von den Abgasen die Luft nehmen. Ich bin ein guter Mensch. Ein guter Mensch.

    Ich sehe mich nicht imstande, am großen in sich geschlossenen System, mit all seinen LobbyistInnen, anzuecken. Ich sehe mich nicht imstande, gegen die Macht der Finanzmärkte vorzugehen. Global ist zu groß, zu unüberschaubar. 2007 proklamierten die AutorInnen des Essays Der kommende Aufstand bereits eine alternative Gesellschaft von föderierten Kommunen und selbstverwalteten lokalen, ökonomischen Organisationen. Ist das aber der richtige Weg? An dieser Stelle ließen sich auch Karl Marx und Friedrich Engels zitieren, die im Kommunistischen Manifest die Bourgeoisie anklagen, die feudalen Verhältnisse zerstört und anstelle persönlicher buntscheckiger Feudalbande das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung herbeigeführt zu haben. Ja, eh. An dieser Stelle ließe sich Martin Luther King zitieren, der mit seiner Rede I Have A Dream für die konstituierten unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und Anspruch auf Glück aller Menschen erinnerte. Ja, eh. An dieser Stelle ließe sich Bob Dylan zitieren, der mit Blowin' In The Wind viele existenzielle Fragen aufwarf. Ja, eh. An dieser Stelle ließen sich The Beatles zitieren, die inbrünstig All You Need Is Love verfochten, weil du nicht tun kannst, was nicht getan werden soll, weil du niemanden retten kannst, der nicht zu retten ist, weil du nicht sehen kannst, was sich nicht zeigt. Ja, eh. An dieser Stelle ließen sich noch weitere Märchen zitieren.

    Der große Aufstand ist wünschenswert, doch liegt er fernab vom Rahmen unserer Realität. Wir wünschen. Ja. Wir tun auch. Aber jede Monade für sich. So scheitern wir am großen Aufstand, noch bevor er begonnen hat. Die weltweite Empörung bleibt ein Traum. (Claudia Tondl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 30./31. Juli 2011)

    Claudia Tondl, geb. 1980, lebt und arbeitet in Wien als freie Autorin und Texterin. Sie schreibt Theaterstücke und Prosa. Mehrfach publiziert ("Entwürfe", "Etcetera" u. a.) und uraufgeführt (Staatstheater Mainz, Garage X u. a.). 2010 erhielt sie das Dramatikerstipendium des bm:ukk, sie schreibt derzeit als Stipendiatin der Stadt Wien an einem neuen Stück.

    • In Türkis gebunden, leuchtet das Heftchen in jedem Buchgeschäft einladend aus 
der erdrückenden Masse geschriebenen Wortes, verführt zum Kauf. Die Nachfrage 
ist groß, der Autor ist alt. 93 Jahre.
      foto: ullstein verlag

      In Türkis gebunden, leuchtet das Heftchen in jedem Buchgeschäft einladend aus der erdrückenden Masse geschriebenen Wortes, verführt zum Kauf. Die Nachfrage ist groß, der Autor ist alt. 93 Jahre.

    Share if you care.