140. Geburtstag

Der älteste Stand am Viktor-Adler-Markt

29. Juli 2011, 14:14
  • Artikelbild
    foto: apa/robert jäger

    Für die Familie Andrä heißt es um drei Uhr Früh Tagwache. Sie betreiben einen Stand am Viktor-Adler-Markt.

  • Artikelbild
    foto: apa/robert jäger

    Das Geschäft ist seit 140 Jahren in Familienbesitz.

Familie Andrä erinnert sich an "hässliche Bananen" und mütterliches Wickeln bei Eiseskälte

Wien - Reges Treiben auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten: Alteingesessene Grätzelbewohner und einige Touristen sind am Freitagvormittag durch die engen Gassen zwischen den Hütten spaziert, wo verschiedene Waren feilgeboten werden. Viele von ihnen machten auch einen Zwischenstopp beim Obst- und Gemüsestand Nummer 6, denn dort wurde heute ein Jubiläum gefeiert: Seit mittlerweile 140 Jahren betreibt die Familie Andrä - nun in fünfter Generation - den ältesten Stand am Markt.

Begonnen hat alles im Jahr 1871 mit der Ururgroßmutter von Josef Andrä. Sie gehörte zu den Mitbegründern des Marktes: "Meine Ururgroßmutter hat sich einfach hierher gestellt. Damals ist jeder mit irgendetwas gekommen und hat versucht, es an den Mann zu bringen", erzählte der 61-Jährige, der zwischen 1982 und 2003 den Betrieb führte. Vor 140 Jahren, habe es am Eugenmarkt - wie der Viktor-Adler-Markt damals noch hieß - keine Hütten gegeben, vielmehr hätten die Händler ihre Waren in Körben feilgeboten.

Obst in Fässern

Urgroßmutter Andrä habe das Obst und Gemüse dann schon in Fässern angeboten: "Darin wurde die Ware gelagert und verkauft", erzählte Josef Andrä. Zur Jahrhundertwende bauten seine Vorfahren schließlich einen Holzstand. Den Zweiten Weltkrieg überlebte der Markt, der dann schon Viktor-Adler-Markt hieß, nicht: Die Stände wurden durch Feuer zerstört, darunter auch jener der Andräs. Nach dem Krieg wurden Notbaracken geschaffen, um die Lebensmittelversorgung der Wiener zu verbessern. Diese Hütten wurden im Laufe der Zeit durch moderne Stände ersetzt. Die Familie Andrä baute ihren 1990 neu auf. Ende 2003 ging Josef Andrä krankheitsbedingt in Pension und seine Frau Susanne übernahm den Betrieb.

"Ich bin mehr oder weniger am Markt aufgewachsen", erinnerte sich Josef Andrä, "Meine Mutter hat mich seinerzeit bei 20 Grad minus im Geschäft noch gewickelt." Das Marktleben habe sich im Laufe der Zeit nicht geändert, nur das Angebot sei vielfältiger geworden: "Exoten, das haben die Leute früher überhaupt nicht gekannt. Ich kann mich erinnern, als Kind hat es Bananen gegeben, die würde heute kein Mensch mehr kaufen, weil die so hässlich waren. Jetzt muss alles einwandfrei sein, es darf kein Tupferl mehr drauf sein, kein Drücker."

Familiäres Verhältnis mit Kunden

Ihm sei es wichtig, gute Qualität anzubieten, erklärte Josef Andrä: "Wenn der Kunde schöne Ware bekommt, dann kommt er gerne wieder. Und er ist bereit, für gute Ware einen guten Preis zu zahlen." Mit der Kundschaft sei das Verhältnis familiär. Seine Frau Susanne ergänzte: "Wir haben 90 Prozent Stammkunden." Sie ist vor 32 Jahren in das Geschäft eingestiegen: "Es ist ein harter Job, aber wir machen das gerne."

Drei Uhr Tagwache

Der Arbeitstag ist lang: Um 3.00 Uhr ist Tagwache, dann muss am Großmarkt Obst und Gemüse eingekauft werden. Um 6.00 Uhr öffnet der Stand, um 18.00 Uhr ist Sperrstunde. Diese Belastung halten nicht alle aus: "Alle, die gleichzeitig mit meinem Mann von den Eltern übernommen haben, haben binnen kürzester Zeit verkauft. Weil sie einfach die viele Arbeit nicht machen wollten", so Susanne Andrä. Doch ihr mache der Job Spaß.

Weniger Freude haben die Andräs mit den politischen Kundgebungen, die zu Wahlkampfzeiten häufig am Viktor-Adler-Markt stattfinden: "Wenn das normal ablaufen würde, hätte keiner etwas dagegen. Aber es muss immer extrem laut sein. Man kann mit einer Kundschaft nicht normal reden. Es ist eine Katastrophe - da wird nur geschrien und gedeutet. Und zu Mittag hast einen Hals, wie wennst im Stadion gewesen wärst", ärgerte sich Josef Andrä.

Wie viele weitere Jubiläen die Familie mit ihrem Stand noch feiern wird, ist ungewiss, denn es gibt keinen Nachfolger. Die beiden Töchter wollen nicht einsteigen: "Wir werden das wohl oder übel verkaufen müssen. Dann ist die Ära leider zu Ende. Ich bin die fünfte Generation, eine sechste Generation wird's halt leider nicht geben", bedauerte Josef Andrä. (APA)

Kommentar posten
17 Postings
Der Tourist
01

Der Viktor-Adler-Markt am Samstag: Der letze Ort, an dem man Besuchern noch echte Wiener zeigen kann.

HERR PUDL
02
9.12.2011, 22:44
viktor-adler-markt

jeden samstag vormittag ein pflichttermin. grüße aus floridsdorf.

ikra
03
30.7.2011, 22:18

Ich weiß nicht ob es das Geschäft noch gibt, aber es gab damals einen Händler der eingelegtes Gemüse verkauft hat. Ich war süchtig nach den Salzgurken von dort:) UND: die eine Bäckerei, die einen blauen Anstrich hatte.... Ich werde seither die Kilos nicht mehr los:):)

Bitte drei Bier!
00
16.2.2012, 18:32
Und die Bäckerei mit dem blauen Anstrich

hat auf gelb-braun gewechselt und ist auch nimmermehr da.

Ich freu' mich schonauf Samstag in der Leibni(t)zgasse.

Baerald
00
20.10.2011, 14:16
...wenn Sie den "Radl" meinen

(mei, was für Gurkerl und Sauerkraut - *seufz*) - den gibts meines Wissens dort leider nimmer... :-(

Never
03
29.7.2011, 19:15
Ja es ist schade

keine Frage, nur wer will heute schon so viel arbeiten und täglich gegen die Supermärkte ums Überleben kämpfen? Und das ist alles andere als ein fairer Wettbewerb...

Loxoceles
00
31.7.2011, 14:50

"Fairen Wettbewerb" gibt es nirgends. Es ist in keiner Branche leicht, sich als kleiner Selbstständiger gegen marktbeherrschende Große zu behaupten.

Loxoceles
01
29.7.2011, 15:05

Hier drängt sich die Frage auf, welchen Beruf die Töchter vorgezogen haben.

arsen hitrach
01
21.10.2011, 14:10

Die eine ist glaub ich Kassiererin beim Billa.

Radlerwahn68
816
29.7.2011, 14:56

wäre ewig schade um diesen marktstand! wird dann leider die nächste kebab-pizza-nudel lumpert hütte!

Thomas Felder1
00
14.1.2012, 19:09

ein stand für arabische lebensmittel wär super

Nneka Yobachi
89
30.7.2011, 12:07

Und der HC-Strache-Förderpreis für das gedankenloseste Wiederkäuen nicht realitätsverifizierter Klischees, Platitüden und Vorurteile 2011 geht an ...

... Radlerwahn68!

HERR PUDL
01
9.12.2011, 22:51
radlerwahn68 hat recht

und hören sie auf ihn mit dem unwort "hc strache" zu beleidigen.

Luftblaserl
05
30.7.2011, 08:01
... nicht wirklich viel Ahnung von diesem Teil am Victor Adler Markt

legal eagle
 
04
30.7.2011, 08:19
leider leider beginnt dort auch schon die naschmarktisierung -

ich hab nix gegen das asia-standel, das statt der ehemaligen drogerie gekommen ist, und das eine standel mit dem antipasti-einerlei geht auch noch. aber zugleich breiten sich non-food-standeln und fresshütten aus wie ein geschwür. traurig.

torch
 
00
31.7.2011, 12:24

Das Haushaltswarenstandl Nahe der Nordostecke wollen Sie missen ?

Jane Lane
 
19
29.7.2011, 15:43

Dann möchten Sie ihn vielleicht übernehmen? Die Andräs täte es sicher freuen.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.