Die Zukunft ist Zweitakt, Hybrid und Elektro

29. Juli 2011, 16:32
66 Postings

Der kanadische Konzern BRP lud Händler nach Montreal und peitschte sie auf die Zukunft der Mobilität auf Schnee, Wasser, Schotter und Asphalt ein

BRP-Vorstandsvorsitzender José Boisjoli sitzt beim Interview weniger vor als vielmehr tief. In einer großen Halle in Montreal hat er eine Leistungsschau der eigenen Produkte aufbauen lassen und lehnt lässig am Sitzpolster einer der Plattformen, während die zwei österreichischen Journalisten ihm gegenüber auf Barhockern Platz nehmen und damit gezwungen sind, auf ihn herabzuschauen.

"Das ist nicht geplant", verspricht der Mann, der Steve Jobs sein Vorbild als Geschäftsmann nennt, "das hat sich einfach so ergeben. Wir bei BRP sind da ganz locker." Es scheint ihm unangenehm zu sein, mit dieser Frage konfrontiert zu werden.

Da erklärt er schon lieber, wie es um die Geschäfte steht, auch wenn er zugeben muss, dass die Krise BRP als Hersteller von Powersport-Vehikeln mit voller Wucht erwischt hat. Ein Minus von 40 Prozent musste das kanadische Unternehmen wegstecken. Doch: "Wir haben die Krise gut überstanden und stehen heuer bei einem Plus von 26 Prozent." In den nächsten eineinhalb Jahren, ist Boisjoli überzeugt, wird BRP wieder einen Umsatz von drei Milliarden kanadischen Dollar machen, rund 2,2 Milliarden Euro.

BRP, das steht für ATVs, SkiDoos, Sea-Doos, Side-by-Side-Fahrzeuge, Außenborder von Evinrude, den dreirädrigen Can-Am Spyder und für BRP-Power-train - das wir als Rotax kennen.

Das 1920 in Dresden gegründete Unternehmen Rotax, das heute seinen Sitz im oberösterreichischen Gunskirchen hat, wurde 1959 von den Lohnerwerken übernommen, bevor Bombardier 1970 Lohner und Rotax übernahm.

2003 wurde die Powersports-Abteilung zu BRP und löste sich aus dem Bombardier-Konzern. Die ehemalige Rotax, jetzige BRP-Powertrain, ist dabei ein besonders wichtiger, wenn auch durchaus teurer Standort, an dem die Motoren für Leichtflugzeuge, den Can-Am, Karts und konzernfremde Motorräder gebaut werden.

BMW verlegte gerade erst die Produktion des Rotax-650er-Einzylinders nach Fernost, während der Motor der F800er-Modelle noch aus Oberösterreich kommt. Auf Basis dieses Motors entsteht der 900 Kubikzentimeter große Paralelltwin, der 2012 die neue Husqvarna antreiben wird.

In Kanada ist man darauf mindestens so stolz wie in Gunskirchen; denn allein der Standort aus dem Herzen der Motorenentwicklung in der Nähe von BMW, Audi und Porsche zieht nicht nur in Nordamerika - allein das rechtfertigt die höheren Lohnkosten.

Während bei uns für ATVs, Ski- und Sea-Doos kaum ein Markt besteht, hat sich BRP in Nordamerika einen Namen als Premiumhersteller gemacht. Der dreirädrige Cruiser Can-Am Spyder verkauft sich in den Staaten wie auch in Frankreich gut, während man ihn bei uns kaum sieht. Doch das gräbt BRP-Powertrain das Wasser nicht ab, denn hier sitzt das Motoren-Innovationszentrum von BRP.

Bei der größten Händlerveranstaltung, die BRP je veranstaltet hat, stand dieser Tage in Montreal bereits ein Can-Am Spyder mit Hybrid-Antrieb aus Gunskirchen.

DER STANDARD durfte auch schon den Prototyp eines ersten Side-by-Side-ATV mit Elektroantrieb fahren. Da ist in den Details wie dem Getriebe noch etwas feinzutunen, im Grunde steht das Vehikel aber bereits auf den Rädern und ist damit auf dem Sprung, den Österreich-Markt zu erobern.

Durch den Kauf des Marine-Motoren-Herstellers Evinrude hat BRP, und damit auch BRP-Power-train, dessen Zweitakt-Kompetenz übernommen. Evinrudes Einspritzer läuft derartig sauber, dass BRP-Powertrain-Geschäftsführer Gerd Ohrnberger noch mit einer langen Zweitakt-Entwicklung rechnet. Sogar ein Range-Extender - ein mit Benzin angetriebener Motor, der den Strom für die Akkus eines Elektrofahrzeuges liefert - auf Basis eines solchen Motors ist für BRP-Powertrain denkbar.

Jetzt steht aber einmal ein Zweizylinder-Viertakter dafür in den Startlöchern und wartet auf einen Abnehmer aus der Automobilbranche. "Wir haben dieses Projekt für einen Autobauer realisiert", erzählt ein Techniker, "ob dieser aber nun kaufen wird, ist noch nicht spruchreif."

Bei BRP arbeitet man indes weiter und zeigte die Studie eines viersitzigen Side-by-Side-Fahrzeugs, eines leichten Gelände-ATV. Ob er gebaut wird? "Das sollten wir eigentlich, oder?", meint dessen Chefdesigner. (Guido Gluschitsch/DER STANDARD/Automobil/29.07.2011)

  • Innovative Antriebskonzepte aus Oberösterreich bewegen BRP. Der Can-Am Spyder (li.) ist ein Hybrid, der  Side-by-Side eine Studie mit E-Antrieb. Beide werden in naher Zukunft auf den Markt kommen. Fotos: Gluschitsch
    foto: guido gluschitsch

    Innovative Antriebskonzepte aus Oberösterreich bewegen BRP. Der Can-Am Spyder (li.) ist ein Hybrid, der Side-by-Side eine Studie mit E-Antrieb. Beide werden in naher Zukunft auf den Markt kommen. Fotos: Gluschitsch

  • Ins Geschäftsfeld der Side-by-Side-Fahrzeuge stieg BRP recht spät ein, macht als Premiumhersteller aber rasch Boden gut.
    foto: guido gluschitsch

    Ins Geschäftsfeld der Side-by-Side-Fahrzeuge stieg BRP recht spät ein, macht als Premiumhersteller aber rasch Boden gut.

  • Bei den Ski-Doos - die ursprünglich Ski-Dogs heißen hätten sollen,
 was aber einem Tippfehler zum Opfer fiel - waren die Kanadier die 
Ersten.
    foto: guido gluschitsch

    Bei den Ski-Doos - die ursprünglich Ski-Dogs heißen hätten sollen, was aber einem Tippfehler zum Opfer fiel - waren die Kanadier die Ersten.

Share if you care.