In Belgrad sind die Zombies los

Reportage29. Juli 2011, 16:17
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Wie ein Kanadier seine Nationalsportart am Balkan etablieren will und ein paar junge serbische Männer von der WM in den USA träumen

Belgrad - Die Sonne brennt vom Himmel über Belgrad. Wolken sucht man vergeblich. Nur die kühle Brise am Ufer der Save scheint Abhilfe gegen die Hitze zu schaffen. Die beiden jungen Männer wuchten ihre Trainingstaschen aufs Boot und stellen die Sticks und Helme neben sich auf den Boden. Srdjan und Ivan sind auf dem Weg zum Lacrosse-Training. Und zwischen dem hypermodernen Trainingsplatz und ihren kommunistischen Blockbauten liegt nur der Fluss. Die beiden spielen seit knapp über einem Jahr Lacrosse im Team der Belgrade Zombies. "Weil's Spaß macht", sagt Ivan und grinst.

Sogar bei gefühlten 50 Grad Hitze laufen die sechs Spieler der Zombies während des Trainings Runde um Runde. Mit ihren Sticks, den Schlägern, fangen und werfen sie sich den kleinen Hartgummiball immer schneller zu. Kondition, Fähigkeiten mit dem Stick und ein bisschen Spielaufbau stehen in den nächsten zwei Stunden auf dem Programm.

Mangelnde Spielpraxis

"Ich bin ziemlich stolz auf meine Jungs", sagt Brian Gorodetsky, der am Spielfeldrand steht und immer wieder die neuen Übungen ansagt. "Wenn man bedenkt, dass sie fast keine Spielpraxis haben, dann es ist schon faszinierend, wie sie mit dem Ball umgehen", erzählt der Kanadier, der wegen der Liebe nach Serbien gezogen ist.

Die Belgrade Zombies sind der erste und bislang einzige Lacrosseverein im ganzen Land und bestehen zurzeit nur aus Herren, von denen einige in der vergangenen Saison gemeinsam mit den Ljubljana Dragons an der österreichischen Lacrosseliga teilgenommen haben. Brian, der in Kanada jahrelang selbst Box- und Feldlacrosse gespielt hat, suchte im Jahr 2008, nach seiner Ankunft in Serbien einen Zeitvertreib, um das Warten auf einen neuen Job zu verkürzen. So kam ihm die Idee den Nationalsport Kanadas am Balkan groß rauszubringen.

Fehlende Zahlungsmoral

Die Idee war zwar schnell geboren, doch die Umsetzung gestaltete sich schwieriger als erwartet. "Begonnen hat alles mit ein paar Jungs, Sticks und einem Turnsaal in einer internationalen Schule in Belgrad", erzählt der 31-jährige Brian. Von der Stammformation geblieben seien dann nur Ivan, Srdjan und fünf weitere Burschen. Der Kader zähle zwar offiziell 18 Mitglieder, "doch davon kommt nur etwa die Hälfte regelmäßig zum Training".

Die größte Schwierigkeit bei der Verbreitung der neuen Sportart sei, dass die Jugendlichen in Serbien daran gewöhnt wären, dass der Staat oder die Stadt die Kosten für die jeweiligen Sportarten übernimmt. "Zu Beginn waren noch zig Jugendliche bei den Trainings und ich dachte mir noch: Wow, wenn das so weitergeht, wird das ein Selbstläufer", erzählt Brian. "Aber sobald ich begann über Mitgliedsbeträge oder Leihgebühren für das Equipment zu sprechen, sind viele wieder gegangen."

Noch immer würde er mit der Zahlungsmoral der Spieler hadern. "Ich verstehe ja, dass dreißig Euro pro Monat in Serbien viel Geld ist. Die meisten Spieler studieren noch oder sind arbeitslos. Aber irgendwie muss ich die Platzgebühren und die Ausrüstung bezahlen", sagt der Wahlserbe. Deshalb hoffe er auf zahlungskräftige Sponsoren, die aber schwer zu bekommen seien.

Mafia im Sport

Ein Problem, das fast jede Sportart in Serbien hat, ist die Mafia. Laut Slobodan Georgijev von der englischsprachigen Zeitung "Belgrade Insight" könne man nie wissen, "wem ein Fußballverein gehört oder wer einen bestimmten Club finanziell unterstützt". Diese starken Verstrickungen seien möglich, da es "keine Gesetze gibt, die diesen Bereich regulieren". 

So würde die Mafia auch Fanclubs unterwandern, um so Einfluss bei großen Sportmannschaften zu erreichen. Georgijev kann sich vorstellen, dass sie auch versuchen würden, in neuen Sportarten Fuß zu fassen: "Aber nur, wenn dafür ein schneller und sicherer Gewinn für sie rausspringt." Das ist bei Lacrosse definitiv nicht der Fall.

Der Weg zur Anerkennung

Da private Sponsoren auf sich warten lassen, versucht Brian an offizielle Förderungen zu kommen. Um diese in Anspruch nehmen zu dürfen, muss die Sportart durch die Serbische Sportvereinigung offiziell anerkannt werden. Die erste Hürde dafür ist nicht gering: zehn Clubs im ganzen Land. Dane Korica, der Generalsekretär der Vereinigung und ehemals 10.000 und 5.000 Meter Läufer für Jugoslawien, lässt sich zwar die Info-Mappe von Brian geben und zeigt sich interessiert, als es dann um die Fakten geht, verlässt er aber den kleinen Konferenzraum. 

Korica überlässt nun Miodrag Sebek das Wort, dem Präsident der Abteilung Spitzensport. Sebek erklärt, dass jeder Sportclub in Serbien einen offiziellen Trainer haben muss, der einen Abschluss an der Sportuniversität besitzt. Brian könne eigentlich nur als Fachmann für Lacrosse eine beratende Rolle einnehmen.

Darüber hinaus müsse er einen 240 stündigen Kurs an der Sportfakultät nachholen, in dem ihm die Grundlagen der Anatomie und der Sportwissenschaften näher gebracht werden. Sebek schwächt aber gleich wieder ab: "Darüber müssen Sie sich in der Anfangsphase noch keine Gedanken machen. Diese Sachen brauchen Sie aber, um offiziell anerkannt zu werden." Außerdem müsse der Serbische Lacrosseverband, der noch nicht existiert, von der FIL (Federation of International Lacrosse) und der ELF (European Lacrosse Federation) anerkannt werden.

Lacrosse soll olympisch werden

Beides ist bereits der Fall. Um die Sportart wieder wie 1904 und 1908 olympisch werden zu lassen, fördert die FIL weltweit die Gründung neuer Verbände. Um das Ziel zu erreichen, muss zumindest in 40 Staaten Lacrosse gespielt werden. Serbien war die Nummer 37 auf der Liste, mit Uganda wurde die magische Grenze überschritten.

Olympia ist für die serbischen Spieler aber noch eine weit entfernte Utopie. Neben der Gründung neuer Vereine und dem Kampf um die offizielle Anerkennung, verfolgen die jungen Männer unter Brians Führung ein weiteres Ziel: die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2014 in Denver/USA.

Für Brian hat vor allem der Austragungsort den Ausschlag für dieses Unterfangen gegeben: "Drei der besten Spieler der National Lacrosse League in den USA spielen für die Colorado Mammoth und wohnen in Denver. Außerdem kommen sie aus Serbien." Es sind die Gajic-Brüder Nenad, Ilija und Alex, die während eines Heimatbesuches auch die Zombies trainierten. "Sie sammeln in den Staaten auch Equipment für die Jungs, doch gibt es immer wieder Probleme mit dem Versand. Der Zoll kostet einfach wahnsinnig viel", sagt Brian.

Damenteam als Rettung

Um bis 2014 die dringend benötigte Spielerfahrung zu sammeln, organisiert Brian am 30. September ein Newcomer Turnier in Belgrad. "Das wird von der ELF gesponsert, die vor allem Teams aus Kroatien und Ungarn dazu bringen möchte, mehr mit uns zu spielen", so der Kanadier. Im Rahmen dessen möchte er auch etwas Neues ausprobieren: ein Damenteam. 

Zwar seien die Regeln komplett anders als bei den Herren, aber es würden Spielerinnen aus Österreich kommen, die den Sport vorstellen. Seine Hoffnung: "Beim Damenlacrosse braucht man kein teures Equipment sondern nur einen Stick. Es wird sicher leichter sein, diese Variante in Serbien zu verbreiten." Und sollte auch das nicht funktionieren, weiß Spieler Ivan Rat: "Wir sind Zombies und stehen immer wieder von den Toten auf." (Bianca Blei, derStandard.at, 28.7.2011)

 

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Dieser Text entstand im Rahmen eines Journalisten-Austauschprogrammes zwischen dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) und derStandard.at.

  • Mit einem serbischen Nationalteam zur WM 2014: Der Traum der Zombies.
    foto: derstandard.at/blei

    Mit einem serbischen Nationalteam zur WM 2014: Der Traum der Zombies.

  • Die Zombies mit Brian Gorodetsky.
    foto: derstandard.at/blei

    Die Zombies mit Brian Gorodetsky.

  • Ivan und Srdjan auf dem Weg zum Training: mit dem Boot.
    foto: derstandard.at/blei

    Ivan und Srdjan auf dem Weg zum Training: mit dem Boot.

  • Mladen beim Schusstraining. Er hat während eines Austauschjahres in den USA gespielt.
    foto: derstandard.at/blei

    Mladen beim Schusstraining. Er hat während eines Austauschjahres in den USA gespielt.

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