Ruf nach mehr Gerechtigkeit

Kommentar |

Niemand weiß, wie lange der Atem der Protestzeltbewohner ist

Seit der Gründung Israels wünschen sich seine Bürger einen "normalen" Staat in dem Sinne, dass sie nicht ständig über Krieg und Terror reden müssten, sondern sich wirtschaftlichen und sozialen Problemen widmen könnten. Diese "Normalisierung" ist jetzt erreicht, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, denn niemand weiß, wie lange der Atem der Protestzeltbewohner ist.

"Bibi, erwache", rufen die Sprechchöre und manche Kommentatoren Premier Benjamin Netanjahu zu - er müsse endlich begreifen, dass hier eine Art soziale Revolution in Fahrt komme, die auch ihn hinwegfegen könnte, wenn er nicht schnell und umfassend reagiert. Andere meinen, es habe über die Jahre immer wieder lähmende Megastreiks von Ärzten, Lehrern oder Flughafenbediensteten gegeben, was Israel letztlich aber auch nicht in ein Paradies der Werktätigen verwandelt habe.

Dabei wirken Israels Wirtschaftsindikatoren beinahe paradiesisch, trotz der Belastung durch die Rüstungsausgaben. Das kleine, von seiner Nachbarschaft isolierte Land ist, gestützt auf seine brillante Hightech-Industrie, relativ gut durch die globale Krise gekommen. Sogar im Einbruchsjahr 2009 wuchs die Wirtschaft leicht, 2010 betrug die Wachstumsrate schon wieder 4,5 Prozent. Die Arbeitslosenrate sinkt ständig. Und allein am Donnerstag flogen 61.000 Israelis vom Ben-Gurion-Flughafen in einen teuren Auslandsurlaub. Die Zahl der am Mietwucher verzweifelnden jungen Menschen, die indessen unter der brütenden Julisonne in den Zeltstädten saßen, war zwar beeindruckend, aber noch bei weitem nicht so hoch.

Doch ihr Schmerz ist echt, und das Problem für den Staat ist ernst, wenn der Mittelstand zusammenbricht, weil er sich auch mit einem passablen Gehalt Wohnung oder Ausgaben für die Kinder nicht mehr leisten kann. Als Ursache wird, wild durcheinander, vieles genannt: eine Handvoll Wirtschaftsbarone, die mit Monopolen und Preisabsprachen die kleinen Leute ausbeuten; eine zu rasante und gefühllose Privatisierung; zu hohe Abgaben. Oder ist bloß die Rückständigkeit des öffentlichen Verkehrs an allem schuld? Wenn es passable Bahnverbindungen gäbe, würden nicht alle im teuren Zentrum wohnen wollen. Einen Nachdenkprozess haben die Zeltprotestierer schon ausgelöst. Eine präzise Gebrauchsanweisung dafür, wie die von ihnen geforderte "soziale Gerechtigkeit" herzustellen ist, haben auch sie nicht vorzuweisen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2011)

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