Reformagenda Föderalismus

Dänisches Vorbild für Gemeindereform

28. Juli 2011, 17:31

Chef des Ökosozialen Forums warnt aber vor Reform über die Köpfe der Bürger

Wien - Eine Gemeindereform dürfte nie ohne die Beteiligung der betroffenen Bürger passieren, "sonst kommt da nichts Gescheites heraus", sagt Klemens Riegler, Geschäftsführer des Ökosozialen Forums, im Standard-Gespräch. Das heiße aber nicht, dass Gemeindezusammenlegungen falsch wären, im Gegenteil: "In Österreich hat eine Gemeinde im Durchschnitt 3408 Einwohner, aber dieser Wert ist durch die dabei eingerechneten Großstädte verzerrt. Die Hälfte der Gemeinden hat überhaupt weniger als 1554 Einwohner. Das zeigt, dass wir schon ein Problem haben. Vor allem, wenn man europäische Standards anlegt."

Die größten Gemeinden hat Großbritannien, dort hat eine mittlere Gemeinde 119.500 Einwohner, in Irland sind es 90.800, in Portugal und Schweden 15.500.

Riegler hat vor allem die skandinavischen Länder im Blick, "die machen Verwaltungsreformen meistens sehr gescheit. Bei der Gemeindereform soll man sich zum Beispiel Dänemark zum Vorbild nehmen. Die haben 2007 eine Gemeindezusammenlegung durchgeführt, bei der von 275 nur 97 Gemeinden übriggeblieben sind."

Dabei hatte Dänemark schon in den 1970er-Jahren eine Welle von Gemeindezusammenlegungen, vorher bestanden dort noch 1200 Kommunen.

Zum Vergleich: In Niederösterreich gab es vor 50 Jahren 1652 Gemeinden, nach den Zusammenlegungen der 1970er-Jahre blieben 573 - und in diesem Bundesland wird (im Unterschied zur Steiermark) eine weitere Gemeindezusammenlegung abgelehnt.

Anders in Salzburg, wo man auf Gemeindekooperation statt Zusammenlegung setzt: Dort ist die Zahl der Gemeinden seit 50 Jahren mit 119 gleich geblieben.

Riegler meint, dass man nicht unbedingt die strengen dänischen Vorgaben - keine Gemeinde darf unter 20.000 Einwohner haben - einhalten muss. Wohl aber sollte man dieselbe Ambition zeigen, was die Neuverteilung von Aufgaben und die Finanzierung betrifft: "Bedarfszuweisungen müssten an Kooperationen gebunden werden, denn allein aus Nachhaltigkeitsüberlegungen ergibt sich, dass nur Kooperationen oder größere Einheiten die entsprechende Effizienz haben." Die Dänen haben bei der Schaffung der Großgemeinden auch die Bezirksebene abgeschafft - was in Österreich bisher nicht einmal angedacht wird. Riegler fordert da mehr Mut.

Im Zuge der Bundesstaatsreform könnte den Gemeinden die letztinstanzliche Entscheidung bei Bauverfahren entzogen werden - dafür sollten sie mehr Kompetenz für Gebühren bekommen.(Conrad Seidl, DER STANDARD; Printausgabe, 29.7.2011)

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13 Postings
captaineskimo
01
31.7.2011, 13:03

gemeindezusammenlegungen - schön und gut, aber wir sollen uns doch andere länder als dänemark und großbritannien als vorbilder nehmen. ö kann man topographisch überhaupt nicht mit diesen ländern vergleichen.

in dänemark darf keine gemeinde unter 20.000 einwohner haben. auf tirol übertragen, würde das bedeuten, dass das zillertal mit 20.000 bis 30.000 einwohnern eine gemeinde wäre - eine gemeinde mit ca. 40 km ausdehnung. wo ist da die bürgernähe?

wo ortschaften zusammenwachsen macht aber eine gemeindezusammenlegung durchaus sinn!

ProfKreuzundQuer
00
wer geht heute noch zum bürgermeister - also das ist wirklich eine schlechte strategie, altes zu bewahren ...

warum haben die zillertaler keine äxte mehr - die waren ja früher auch so beliebt.

die zeiten ändern sich - und da sind einige täler einfach anders zu sehen.

ich war persönlich noch nie beim bürgermeister. wüsste auch nicht warum. also könnte man diesen auch woanders einsetzen.

3dGeist
00
30.7.2011, 16:27

Manchmal wünsche ich mir das die Wirtschaftskrise viel stärker zugeschlagen hätte. Dann wären die Politiker nicht um radikale Einsparungen und Reformen herumgekommen.
Jetzt bessert sich die Wirtschafslage wieder ein bisschen, d.h. es geht weiter wie bisher.
Ich finde es beschämend dass die Politiker nur Anlassbezogen reagiern und bis zur nächsten Wahl denken.
Wo sind die Visionäre und Realisten in der Politik?

franzauer
10
29.7.2011, 11:07

Es gibt in Österreich Bezirke, die nicht viel mehr als 20.000 Einwohner haben, aber eine riesige Ausdehnung. Wie wird dort Bürgernähe aussehen?

konsens ist nonsens
01
30.7.2011, 01:48

Trennung Front Office - Back Office mit mehreren Servicestellen evtl. sogar mobilen Tagen an den Gemeindeämtern oder überhaupt bürolos mobil etwa als Rufservice in ganz entlegenen Tälern. Nicht jedes Büro auf Bezirksebene muss immer gleich einen übergeordneten Leiter samt Vorzimmer und Kanzleileiter haben...

Sao Tomé
02
29.7.2011, 09:49
In Niederösterreich ...

wird eine weitere Gemeindezusammenlegung abgelehnt.

Wieso auch, mit jeder Zusammenlegung verliert der Landeskaiser einen Bürgermeister, den er am Gängelband tanzen lassen kann ...

Clemo
00
29.7.2011, 14:40

Man sollte unseren Fürsten Pröll auf Schulung in die USA schicken. Er sollte Gemeindezusammenlegungen nicht strikt ablehen und dann, ja oh Wunder. Nach diesen Gemeindezusammenlegungen wäre dann der Anteil der ÖVP Bürgermeister größer.

In Amerika werden ja Wahlkreise laufend (besonders nach der Volkszählung) neu gezeichnet, immer in Hinblick darauf, die eigene Partei zu bevorzugen...

Zinnmo
 
00
29.7.2011, 16:40

Die Wahlkreise sind aber keine Gemeinden. Die zählen nur für das Repräsentantenhaus.

noldman
14
28.7.2011, 22:32
Wir müssen eine komplette Ebene abschaffen.

Derzeit haben wir die EU, den Bund, die Bundesländer, die Bezirke und die Gemeinden.

Sinnvoll wäre folgendes: EU, Bund, eine Art kombinierte Bundesländer - Bezirk Ebene im Ausmaß von Nuts-1-Regionen oder maximal die 4er Einteilung der OLG (Vlbg-Tirol, OÖ-Slzbg, Stmk-Knt, NÖ-Bgld-Wien) , auf Gemeindeebene in Richtung der Nuts-3-Ebene.

Als 1. Schritt müssen aber die Länder die Gesetzgebungskompetenz verlieren. Wollen wir weiterhin Pensione, ein öffentliches Gesundheitssystem und Investitionen in unsere Zukunft (=Bildung) dann müssen wir endlich anfangen unsere Schulden zurückzuzahlen und dazu brauchen wir rießige Reformen oder wir folgen Griechenland und die Internationale Gemeinschaft bestimmt die Reformen.

Sao Tomé
00
29.7.2011, 09:50
volle Zustimmung,

aber: Realisierungschancen: leider null!

wrkskrfzk
00
29.7.2011, 14:27
volle Zustimmung - ja

aber: wie Sie sagen, realpolitisch nicht umzusetzen. Von der Verwaltungsreform (also ein, die diesen Namen verdient) müssen wir uns verabschieden. Nicht mal die Schmerzen der jüngsten Kriese haben gereicht, dieses Thema anzugehen. Da geht es uns einfach viel zu gut und die Landeskaiser mit ihren unmittelbaren Mitarbeitern werden ALLES daransetzen, Reformschritte zu verhindern.

Zinnmo
 
00
28.7.2011, 18:55
Kooperationen sind undemokratisch

Da geht der direkte Zugriff der Bürger völlig verloren. Mir persönlich ist da eine echte Fusion lieber.

Sao Tomé
00
29.7.2011, 09:52
wenn

Kuhdorf 1 mit Kuhdorf 2 eine gemeinsame Feuerwehr betreibt oder den Friedhof, den Bauhof, die Müllabfuhr, geht der "direkte Zugriff" (was auch immer das sein soll!?) verloren?

Zusammenlegungen sind wünschenswert, aber äusserst unwahrscheinlich, zur Zusammenarbeit aber könnte man die Kommunen zwingen!

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