Wiederaufnahme von Mozarts "Le nozze di Figaro" im Haus für Mozart: Regisseur Claus Guth frischte sein raffiniertes Konzept mit glänzenden Sängerdarstellern (wie Genia Kühmeier) auf
Salzburg - Nicht immer wird bei den Salzburger Festspielen so
offensichtlich, wie sich (nach den hehren Eröffnungsvorträgen) Kunst und
Geschäft mixen: In voller Figaro-Montur posiert jedenfalls Erwin Schrott
in der Opernpause auf der Terrasse des Mozarthauses turtelnd mit seiner
(ein goldig gleißendes Kleid ausführenden) Anna Netrebko für die
Fotografen. Was ein Opernpärchen mit popdimensionierter Reichweite
bleiben will, weiß, wie man das Business traumpaarhaft am Köcheln hält.
Drinnen, bei der Wiederaufnahme des Figaro, ist Profi Schrott allerdings
als virtuoser Strippenzieher ebenfalls ganz bei der Turtelsache. Er
wälzt sich mit Marlis Petersen (souverän als Susanna) sehr glaubwürdig
am Boden herum und ist auch anderen spontanen Zweisamkeiten nicht
abgeneigt. Schrott (gut bei Stimme, aber nicht immer koordiniert mit dem
Orchester) ist nicht der einzige eher sehr Triebgesteuerte.
Regisseur Claus Guth, der heuer in Salzburg noch mit Così- und Giovanni
-Wiederaufnahmen präsent ist, holt ja das bienenartig herumschwirrende
Begehren als solches ins verlebt-gruselige Landhaus des Grafen Almaviva
und implantiert mit der Engelsfigur des Cherubim (Uli Kirsch) eine Art
verlängerten Regiearm hinein, der alle Figuren manipuliert wie
drangsaliert.
Eine fantasievolle szenische Spielerei, die nach fünf Jahren immer noch
wirkt (Premiere war 2006): Der beflügelte Kuppler im putzigen
Matrosenanzug lässt moralische Hüllen fallen, löst Beziehungsordnungen
auf. Und so landen etwa Susanna, Gräfin und Cherubino (passabel Katija
Dragojevic) auch schon mal in der Nähe eines flotten Dreiers.
Plakativ ist dabei gar nichts. Es entstehen bei Guth vor allem auch
extrem subtile und dichte Choreografien der gestisch vermittelten
Gefühle, deren Umsetzung natürlich nur mit glänzenden Singschauspielern
zu bewerkstelligen ist. Und: Auch Simon Keenlyside (als
neurotisch-aggressiver Graf) und Genia Kühmeier (als Gräfin) gehören zu
dieser Luxusbesetzung. Besonders Kühmeier war (bis auf eine Note) sehr
nahe an vollendeter lyrischer Eindringlichkeit.
Einseitige Akzente
Vor allem während ihrer melancholischen Arienmomente merkt man jedoch,
dass das Orchestra of the Age of Enlightenment im Sanft-Poetischen über
zu wenig wirklich atmosphärisch brauchbare Mittel verfügt. Zwar ist der
durchaus um sinnvoll-markante Statements nicht verlegene junge Dirigent
Robin Ticciati zu erhellender Interpretation im Sinne einer historisch
kundigen Partiturbetrachtung befähigt. Und natürlich sind differenzierte
Stimmbehandlung und herbe Akzente ein inspirierendes Spannungsmoment.
Der kompletten emotionalen Bandbreite dieser Musik wurde man mit alledem
jedoch nicht gerecht. Zumal sich nach der Pause langsam auch eine
gewisse orchestrale Mattigkeit auszubreiten begann und in Summe ja auch
nicht alles sicher und sauber klang. Dennoch Applaus ohne Widerspruch.
Natürlich auch für Schrott, der fürs Verbeugungsritual ein T-Shirt der
Fußballnationalmannschaft von Uruguay überstreifte. Sollte man nicht als
eitles In-Szene-Setzen brandmarken.
Der Mann konnte nur seine Freude über den Titel, den sein Land kürzlich
erspielte (südamerikanischer Meister), nicht unterdrücken. Was ja
wiederum irgendwie zu Guths inszenatorischer Triebentfesselung passte,
die übrigens auch heftig bejubelt wurde. Einst, bei der Premiere, hat
das noch ganz anders - viel unfreundlicher - geklungen. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2011)