Poetische Triebentfesselung

28. Juli 2011, 17:26
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    foto: apa/barbara gindl

    Virtuoser Strippenzieher: Figaro (Erwin Schrott) und Cherubim (Uli Kirsch) in Claus Guths Inszenierung von "Le nozze de Figaro".

Wiederaufnahme von Mozarts "Le nozze di Figaro" im Haus für Mozart: Regisseur Claus Guth frischte sein raffiniertes Konzept mit glänzenden Sängerdarstellern (wie Genia Kühmeier) auf

Salzburg - Nicht immer wird bei den Salzburger Festspielen so offensichtlich, wie sich (nach den hehren Eröffnungsvorträgen) Kunst und Geschäft mixen: In voller Figaro-Montur posiert jedenfalls Erwin Schrott in der Opernpause auf der Terrasse des Mozarthauses turtelnd mit seiner (ein goldig gleißendes Kleid ausführenden) Anna Netrebko für die Fotografen. Was ein Opernpärchen mit popdimensionierter Reichweite bleiben will, weiß, wie man das Business traumpaarhaft am Köcheln hält.

Drinnen, bei der Wiederaufnahme des Figaro, ist Profi Schrott allerdings als virtuoser Strippenzieher ebenfalls ganz bei der Turtelsache. Er wälzt sich mit Marlis Petersen (souverän als Susanna) sehr glaubwürdig am Boden herum und ist auch anderen spontanen Zweisamkeiten nicht abgeneigt. Schrott (gut bei Stimme, aber nicht immer koordiniert mit dem Orchester) ist nicht der einzige eher sehr Triebgesteuerte.

Regisseur Claus Guth, der heuer in Salzburg noch mit Così- und Giovanni -Wiederaufnahmen präsent ist, holt ja das bienenartig herumschwirrende Begehren als solches ins verlebt-gruselige Landhaus des Grafen Almaviva und implantiert mit der Engelsfigur des Cherubim (Uli Kirsch) eine Art verlängerten Regiearm hinein, der alle Figuren manipuliert wie drangsaliert.

Eine fantasievolle szenische Spielerei, die nach fünf Jahren immer noch wirkt (Premiere war 2006): Der beflügelte Kuppler im putzigen Matrosenanzug lässt moralische Hüllen fallen, löst Beziehungsordnungen auf. Und so landen etwa Susanna, Gräfin und Cherubino (passabel Katija Dragojevic) auch schon mal in der Nähe eines flotten Dreiers.

Plakativ ist dabei gar nichts. Es entstehen bei Guth vor allem auch extrem subtile und dichte Choreografien der gestisch vermittelten Gefühle, deren Umsetzung natürlich nur mit glänzenden Singschauspielern zu bewerkstelligen ist. Und: Auch Simon Keenlyside (als neurotisch-aggressiver Graf) und Genia Kühmeier (als Gräfin) gehören zu dieser Luxusbesetzung. Besonders Kühmeier war (bis auf eine Note) sehr nahe an vollendeter lyrischer Eindringlichkeit.

Einseitige Akzente

Vor allem während ihrer melancholischen Arienmomente merkt man jedoch, dass das Orchestra of the Age of Enlightenment im Sanft-Poetischen über zu wenig wirklich atmosphärisch brauchbare Mittel verfügt. Zwar ist der durchaus um sinnvoll-markante Statements nicht verlegene junge Dirigent Robin Ticciati zu erhellender Interpretation im Sinne einer historisch kundigen Partiturbetrachtung befähigt. Und natürlich sind differenzierte Stimmbehandlung und herbe Akzente ein inspirierendes Spannungsmoment.

Der kompletten emotionalen Bandbreite dieser Musik wurde man mit alledem jedoch nicht gerecht. Zumal sich nach der Pause langsam auch eine gewisse orchestrale Mattigkeit auszubreiten begann und in Summe ja auch nicht alles sicher und sauber klang. Dennoch Applaus ohne Widerspruch. Natürlich auch für Schrott, der fürs Verbeugungsritual ein T-Shirt der Fußballnationalmannschaft von Uruguay überstreifte. Sollte man nicht als eitles In-Szene-Setzen brandmarken.

Der Mann konnte nur seine Freude über den Titel, den sein Land kürzlich erspielte (südamerikanischer Meister), nicht unterdrücken. Was ja wiederum irgendwie zu Guths inszenatorischer Triebentfesselung passte, die übrigens auch heftig bejubelt wurde. Einst, bei der Premiere, hat das noch ganz anders - viel unfreundlicher - geklungen.  (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2011)

Pausenkritik zur Nachlese:
Im Landhaus des Engels

Kontrahent1
00
29.7.2011, 12:05
Dann ist Conte Almaviva

mit seiner Eifersucht ja durchaus nicht daneben, wenn seiner Frau sogar ein 'flotter Dreier' zugemutet werden kann. (Das 'Porgi amor' ist dann aber ziemlich absurd.)

Queen of Sheba
 
00
29.7.2011, 04:47
Ohne Christine Schäfer (Cherubino 2006) fehlt der Glanzpunkt.

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