Agrotreibstoffe sind Studien der EU-Kommission zufolge deutlich weniger klimafreundlich als behauptet. Wann wird Minister Berlakovich aufwachen?
Sind Diesel und Sprit aus Pflanzen eine Wunderwaffe im Kampf gegen den Klimawandel? Das behauptet zumindest die Agroindustrie, die mit Treibstoffen aus Mais, Soja, Palmöl, Raps und Zuckerrohr ein profitables Geschäftsfeld entdeckt hat. Unterstützt wird sie dabei von der Politik - besonders auch in Österreich. Hierzulande werden sogar mehr Agrotreibstoffe beigemengt als von der Europäischen Union als Ziel vorgegeben. Doch nun könnten Studien im Auftrag der EU-Kommission weitreichende Folgen haben.
Fatale Klimabilanz
Die via Reuters durchgesickerten Studien belegen, dass Agrotreibstoffe deutlich weniger klimafreundlich sind als angenommen, was das Aus für die milliardenschwere Industrie bedeuten könnte. Nach den vorliegenden Untersuchungen radieren die indirekten negativen Effekte den Großteil der Vorteile aus. Die Klima-Ziele der EU könnten demnach indirekt zur einmaligen Freisetzung von rund 1000 Megatonnen Kohlenstoffdioxid führen - mehr als doppelt so viel, wie in Deutschland jährlich in die Atmosphäre gelangt. Nach den Berechnungen der EU setzt Palmöl 105 Gramm CO2 pro Megajoule Energie frei, Soja 103 Gramm und Raps 95 Gramm. Fossiler Diesel dagegen nur 84 Gramm.
Agrosprit macht Hunger
Abgesehen vom fragwürdigen Nutzen für den Klimaschutz sind Agrotreibstoffe nachweislich für den weltweiten Anstieg der Nahrungsmittelpreise mitverantwortlich. Die ohnehin prekäre Ernährungslage in vielen Ländern wird weiter verschärft; bereits heute hungern über eine Milliarde Menschen. Durch die ständige Ausweitung der Anbauflächen für Zuckerror, Soja oder Palmöl für den Tank verlieren zudem viele Kleinbauern in Entwicklungsländern ihre Lebensgrundlage. Die Agroindustrie hat sich bereits mehrere Millionen Hektar Land in Afrika, Lateinamerika und Asien "angeeignet" und damit der lokalen Bevölkerung den ausreichenden Zugang zu Land und Wasser entzogen.
Die Befürworter der Agrotreibstoffe, wie etwa Umweltminister Nikolaus Berlakovich, haben jedenfalls Erklärungsbedarf. Anstatt gebetsmühlenartig die angeblichen Vorzüge von Agrotreibstoffen zu wiederholen, ist es längst an der Zeit, die wissenschaftlichen Fakten anzuerkennen und die völlig fehlgeleitete Agrotreibstoffpolitik zu beenden. Die geplante Ausweitung der Beimengung von Agrosprit und -diesel ist inakzeptabel; sie muss vielmehr auf ein sozial und ökologisch nachhaltiges Niveau gesenkt werden. Für wirksamen Klimaschutz müssen etwa energiesparende Transportsysteme und Verkehrskonzepte gefördert werden, nicht aber Alibimaßnahmen, die nur der Industrie zugute kommen. (Leser-Kommentar, Mag. Christian Köpf, derStandard.at, 29.07.2011)