Norwegens 7/22 - Und was nun?

Gastkommentar28. Juli 2011, 13:54
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Zehn konstruktive Überlegungen zur weiteren Vorgehensweise nach den Anschlägen in Norwegen - Von Johan Galtung

Das Datum 22 Juli 2011, "7/22" wird sich zweifelsfrei ebenso tief in das kollektive Gedächtnis Norwegens einbrennen wie der 9. April 1940, der Tag an dem die deutschen Truppen in Norwegen einmarschiert sind. Die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses verschlägt einem die Sprache. Zum einen das Regierungsviertel im Zentrum Oslos. Es gleicht nunmehr einer Kriegszone. Das Ausmaß der Zerstörungen übertrifft mit Abstand die im zweiten Weltkrieg durch Anschläge des norwegischen Widerstands und von England verursachten Schäden. Dann das Massaker an der Jugend der sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf Utoya in der Nähe von Oslo mit 76 Toten und zahlreichen Schwerverletzten.

Augenscheinlicher Urheber des Entsetzens ist der 32-Jährige Anders Breivik - blond, blauäugig, "freundlich und verbindlich" wie ihn Nachbarn beschreiben, der sich - bis auf weiteres - zu beiden Gräueln geständig gibt. Sein 1.500-seitiges Manifest gibt sich als politische Philosophie. Er rechnet fest mit einem Bürgerkrieg, dessen Schauplatz ein durch Kulturmarxismus und Multikulturalismus geschwächtes Europa sei. Es würde einen Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der Weltreligionen Islam und Christentum geben. Aus dieser Geisteshaltung ergibt sich denn auch sein Rat für den Umgang mit muslimischen Mitbürgern: Ausweisen oder Hinrichten.

Journalisten und Sozialdemokraten hasst er, weil diese einer "Multikultigesellschaft" Vorschub leisteten. Das Erschütternde an dieser Angelegenheit: Dieser Massenmörder ist einer wie wir. Dieser Massenmörder ist der Feind im Inneren. Auch deshalb sitzt der Schock so tief. Gegenwärtig spüren alle Bewohner dieses, meines Norwegens, wie die Herzen der Welt sich für das unfassbare Leid erwärmen. Das Beileid aus aller Welt für die so plötzlich zum Trauern gezwungenen Bürger, rührt uns zutiefst. Doch die Diagnose bleibt: Das Land befindet sich im Schockzustand.

Trotz der Trauer, in der auch ich mich befinde, bedarf es einer rationalen und intellektuellen Analyse. Trotz der Verständnislosigkeit. Trotz der unmittelbaren Betroffenheit. Trotz der Ohnmacht. Was nun geleistet werden muss ist "Verstehen und Begreifen". Diese Anstrengung schließt die Reflexion darüber ein, was aus diesem Ereignis für die Zukunft gelernt werden muss. Folgen wir unserem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse, hilft der Allgemeinplatz, dass es für jedes Ereignis, ob erwünscht oder unlieb, stets Ursachen oder gar Ursachenbündel gibt. Diese gilt es zu identifizieren und zu entwirren. Und wenn das gegebene Ereignis, wie in diesem Falle, ein inakzeptables und abstoßendes ist, müssen seine Ursachen vermieden werden, damit es nicht erneut stattfindet.

Um zu begreifen, womit wir es zu tun haben, ist die Ausgangsfrage hilfreich, woran uns dieses Datum und dieses Ereignis "7/22" erinnern. In der Antwort liegen erste Anhaltspunkte für das erforderliche Verstehen. Die International Herald Tribune (IHT) vom Wochenende des Anschlags verwies in diesem Zusammenhang auf 9/11 und rückte die noch unbelegte Behauptung von Ansar al-Jihad al-Alami (Helfer des Globalen Jihad) in den Vordergrund, dass es sich bei dem Anschlag um eine Reaktion auf Beleidigungen des Propheten und militärische Aktionen norwegischer Kräfte in Afghanistan und Libyen handele.

Festzuhalten ist hier, dass diese norwegischen Kräfte im Ausland mit einer "Lizenz zum Töten" (Med mandat til å drepe, Oslo: Kagge, 2010) agieren. Fern von Oslo repräsentieren sie ein Norwegen, das innenpolitisch eine unvergleichlich starke Kultur der Meinungsfreiheit hat. In seiner gegenwärtigen Außenpolitik in Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung tritt es das Recht auf Freiheit vor Entwürdigung und Unversehrtheit mit Füßen. Es ist der IHT nicht zu verübeln, dass dieses Attentat sie an 9/11 erinnert. Die Botschaft beider Angriffe ist ähnlich: so sind beide Attentate architektonisch kodiert.

Dazu kommt die Auswahl der Ziele: die Hauptstadt, das Regierungsviertel, die Sympathisanten, Schützlinge und Parteigenossen des Ministerpräsidenten sowie das Ölministerium. Diese Selektion der Ziele erinnert uns nolens volens an die Auswahl der Ziele in dem laufenden Versuch der NATO, Gaddafi in Tripolis auszuschalten. Die Symmetrie hat erschreckt, weil mancher einen Vergeltungsakt Gaddafis zu erkennen glaubte. Eine Bestätigung in diesem Sinne gibt es jedoch bisher nicht.

Woran erinnert uns dieses Attentat noch? An "4/19". Am 19. April 1995, dem Tag, an dem der ehemals vorbildliche Soldat Timothy McVeigh mit seinen Helfern einen ebenfalls mit Düngemitteln gefertigten Sprengsatz in einem Behördengebäude in Oklahoma City zündete. Damals tötete er 168 Menschen. Auch er hasste die Behörden, auch er rationalisierte seine Tat und schob als Grund das Waco-Massaker an 76 Branch-Davidianern durch das Federal Bureau of Investigation vor. Es deuten sich Parallelen an. Anders Breivik war damals allerdings erst sieben Jahre alt. Dennoch muss gefragt werden, ob er in der einen oder anderen Weise durch diese gewaltsamen Präzedenzfälle aus den USA beeinflusst worden sein könnte.

Woran erinnert dieses Ereignis noch? Die politische Philosophie in seinem Manuskript erinnert stark an die Psychogramme, die in David Goldhagens Motivforschungsstudie Hitlers willige Vollstrecker erörtert werden. Die damalige Denkvorlage eines Goebbels bestand aus einer ideologischen Plörre aus Antisemitismus und der propagandistischen Aufhetzung sogenannter Arier gegen ihre jüdischen Mitbürger.

Die Idiosynkrasie Breiviks besteht allem Anschein nach aus einer widerwärtigen Islamophobie, die in einem ersehnten Bürgerkrieg zwischen Christentum und Islam kulminieren soll. Ganz wie die Nazis hasst auch er sogenannte Kulturmarxisten, Sozialdemokraten und jegliche Form inter- und transkulturellen Miteinanders. Eine Einstellung, die es ihm erlaubt seine Tat als "grausam, aber notwendig" zu umschreiben. Die Kaltblütigkeit, 90 Minuten lang auf hunderte Menschen zu schießen, und dutzende zu erschießen, denen man dabei ins Gesicht sieht, ruft verdrängte Assoziationen mit grausamen Repressalmassakern der SS und der Gestapo hervor.

Die Einstellung dieses Breiviks stellt sich als eine Art europäisch-westlichen Neo-Faschismus' dar. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage danach, warum Breivik seine Grausamkeit an der Jugend der Arbeiterpartei ausgelassen hat, einer Partei, die nachweislich ebenso wenig links oder marxistisch handelt, wie die Fortschrittspartei tatsächlich rechts im politischen Spektrum liegt. Denn anders als in Deutschland sind sich beispielsweise beide Parteien sowohl über das NATO-Bombardement Libyens als auch über den überteuerten Erwerb von US-amerikanischen F35 Kampfflugzeugen einig.

Der Anschlag auf eine Einwanderungs- oder eine Einbürgerungsbehörde, auf eine Moschee, auf eine muslimische Kongregation, all dies wäre für einen islamophoben Attentäter naheliegender gewesen und für die Rekonstruktion der Motive schlüssiger erschienen. Stattdessen spiegelt Breiviks Denken und Handeln die Idiosynkrasie eines verbitterten Eigenbrötlers, eines der norwegischen Gesellschaft entfremdeten Neofaschisten wider.

Nichtsdestotrotz darf der Interpretationshorizont nicht auf diesen Punkt reduziert werden. Der Fall weist viele Facetten und damit unterschiedliche Bearbeitungszugänge auf: Zum einen ist offenkundig, dass der Attentäter eine starke Politisierung durch islamophobe Kreise erfahren und verinnerlicht hat. Offenkundig ist auch, dass es Bestrebungen gibt, ihn für verrückt zu erklären; aber das hätte zur Folge, dass die politische Dimension, und damit auch die Verantwortung die politische Brisanz des Vorfalls angemessen kritisch-konstruktiv zu bearbeiten, verschwinden würde. Breivik dergestalt zu einem Psychiatriefall mit einer schwierigen Kindheit zu verklären, würde bedeuten, ihn zu einer causa sui zu erklären, als hätte er gänzlich aus sich selbst heraus in einer autistischen Gesinnungsblase seinen Hass und dessen Philosophie generiert. Dass er in einer solchen Blase gelebt hat, ist klar. Aber er hat diese Blase nicht alleine bewohnt.

Denkbar ist auch, dass Norwegen es sich leicht macht und sich den Umgang der US-Regierung nach dem Vorfall des 9/11 für die Interpretation des 7/22 zum Vorbild macht, und dass es beginnt, Stellungnahmen unter dem Tenor "evil", "nothing to do with anything we have done" zu verlautbaren. Beides hat zu einem verlorenen Jahrzehnt für die Völkerverständigung geführt und blutige Kriege im Mittleren Osten legitimiert. Im vorliegenden Fall wäre es angemessener, die Lehre zu ziehen, dass das 7/22 Attentat nur deshalb stattfinden konnte, weil nicht zuletzt im polizeilichen Verantwortungsbereich gravierende Versäumnisse im Hinblick auf die Prävention geschehen sind. Eine angemessenere Herangehensweise seitens der Regierung wäre zu fragen "is it something we have not done? Like not spotting him?"

Abschließend zehn konstruktive Überlegungen zur weiteren Vorgehensweise

[1] Gut denkbar, dass die norwegische Demokratie eine aufrichtigere Dialogkultur braucht. Der norwegische Premierminister hat es durchaus treffend formuliert. Die Demokratie Norwegens ist erhaltenswert und ihre Offenheit wehrhaft. ABER, Demokratie muss weit mehr sein als negative Toleranz für politisierte ideologische Nischen wie in diesem Fall für den christlichen Fundamentalismus, die intolerante Islamophobie, die Mitgliedschaft in der Jugendorganisation der Fortschrittspartei oder die Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge eines Breivik. Jenseits der in Norwegen gegebenen negativen Toleranz bedarf eine Demokratie einer stets transparenten und gesamtgesellschaftlichen Dialogführung, die sich gemeinschaftlichen Herausforderungen stellt und gefährliche Einstellungen diskursiv zu überwinden vermag. Es reicht nicht aus, alle vier Jahre Nischeninsassen derart klientelistisch zu bedienen, dass sie arithmetische Mehrheiten liefern. Das Parlament und die Bürger müssen Einsichten über ihre eigenen Gesinnungsinseln hinaus erlangen. Dialoge fördern solche Einsichten und ein Mehr an Einfühlungsvermögen. Gut denkbar, dass mehr Dialoge mit Menschen aus einem möglichst breiten Spektrum an Einstellungen und Gesinnungen Breivik hätten entschärfen können.

[2] Gewalt, die Vergegenständlichung ungelöster Konflikte, verhält sich stets antithetisch zum Dialog. Die NATO ist zum 18. Juli 2011 5858 Einsätze in Libyen geflogen; für 535 dieser Bombardements zeichnen norwegische Streitkräfte mit 501 abgeworfenen norwegischen Bomben verantwortlich. Waren die Ziele ausschließlich militärisch? Eine wahrlich rhetorische Frage! Für die NATO ist ein Angriff auf ein Bündnismitglied gleichsam ein Angriff auf alle Mitglieder. Gilt denn auch, dass ein Angriff eines Bündnismitgliedes der NATO gleichbedeutend ist mit dem Angriff aller Mitglieder? Es darf nicht in Vergessenheit geraten, dass das Mandat des Sicherheitsrates für besagte Flugeinsätze auf einer durch fünf Enthaltungen geschwächten Resolution fußt, und dass kein einziger muslimischer Staat ein Veto einlegen konnte. Gut denkbar, dass ein zügig und präventiv ersuchter Dialog mit allen Konfliktparteien in Libyen vernünftiger gewesen wäre, als der Abwurf von Bomben mit abgereichertem Uran.

[3] Uns Norweger hat die Wirkung dieser einzelnen norwegischen Düngemittelbombe zutiefst erschüttert. Gut denkbar, dass es den Libyern, die mit den Folgewirkungen der 501 norwegischen Bomben fertig werden müssen, ähnlich geht.

[4] Das norwegische Entsetzen über das Massaker an unseren arglosen Mitbürgern sitzt tief. Gut denkbar, dass es zahlreichen afghanischen Bürgern durch Operation Enduring Freedom nicht wesentlich anders geht.

[5] Konstruktive Politik ist letztlich stets eine auf kreative und konkrete Lösungen angewiesene Form der Konfliktbearbeitung. Bildungspolitik und Journalistik haben die Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung der letzten 50 Jahre noch nicht hinreichend aufgenommen und in ihr Problembearbeitungsbewusstsein eingefügt. Gut denkbar, dass es höchste Zeit ist, für eine Lehre der Konflikthygiene, die für die Politik eine ähnliche Funktion erfüllt, wie die medizinische Hygiene für die Gesundheit.

[6] Gut denkbar, dass eine umsichtige Auseinandersetzung über die Ursachen und die Reichweite von 7/22 in einer Institution der UN am besten aufgehoben wäre.

[7] Gut denkbar, dass mehr Wissen über und mehr Einsicht in die Makrogeschichte der wechselwirkenden Einflüsse zwischen „dem" Westen und "dem" Islam ein konstruktiver Ansatz für die Bearbeitung von 7/22 wäre.

[8] Gut denkbar, dass präventive Dialoge mit "Extremisten" über die möglicherweise legitimen Aspekte ihrer Positionen, Konflikte in Zukunft gewaltfrei werden lösen helfen.

[9] Gut denkbar, dass Illegitimität als Merkmal von Geisteshaltungen im gesamten politischen Spektrum vorkommen kann, was unter Umständen auch die eigene Legitimationsgrundlage betreffen kann.

[10] Gut möglich, dass eine Neuausrichtung der amateurhaften Geheimpolizei PST mit ihrer CIA- und FBI-Hörigkeit mehr als fällig ist. Fragwürdig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass sie auf dem linken Auge so klar sieht, dass sie es gar vermag Bedrohungen zu
erkennen, wo es sie gar nicht gibt, während sie auf dem rechten Auge so blind ist, dass Breivik völlig unentdeckt und ungehindert planen und handeln konnte.

Es gibt diesen ausgezeichneten US-amerikanischen Ausdruck "wake-up call". 7/22 war ein äußerst brutaler „wake-up call". Er sollte nicht nur zu einer stärkeren Überwachung von Düngemittel und strengeren Waffengesetzen führen, es ist dies die Zeit für ein Mehr an
Dialogführung und Konfliktbearbeitung und für die Förderung entsprechender Kompetenzen. (Johan Galtung, derStandard.at, 28.07.2011)

Autor

Prof. Johan Galtung, geboren 1930 in Oslo, Soziologe, Mathematiker und Publizist, gilt als einer der Gründungsväter der Konflikt- und Friedensforschung und wurde 1987 mit dem alternativen Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

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    Prof. Johan Galtung

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