Leider können nicht alle mit dem einfachen Einmaleins der Volkswirtschaft richtig im Kopf rechnen
Wer versucht bei seiner Bank Bundesanleihen zu zeichnen, um sie danach zu Hause im Tresor zu verwahren, wird feststellen, dass dies gar nicht möglich ist und er nur über ein lediglich im Bankcomputer existierendes Depot Miteigentümer eines Teiles der von der Bank gezeichneten Anteilscheine sein kann. Beim Fondsparen wird, von den meisten Bankkunden kaum beachtet, auf einen prozentuellen Anteil solcher Staatspapiere hingewiesen, aber bei Sparbüchern, Pfandbriefen und ähnlichen Sparformen ist die Veranlagung des Geldes durch die von der Bank erworbenen Staatsschuldverschreibungen nicht mehr sichtbar.
Selbst wenn beim Fondsparen gar keine Schuldverschreibungen des eigenen Staates aufscheinen, sondern beispielsweise solche von den fernen Fidschiinseln, dann werden auf den Fidschiinseln sicher irgendwelche Fonds mit Staatspapieren aus beispielsweise Brasilien existieren und irgendwelche Brasilianer haben ihr Geld in einem Fond angelegt, in dem sich österreichische Staatsschulden befinden; damit schließt sich auf oft sehr undurchsichtigen globalen Wegen immer wieder der Kreis und unter dem Strich sind die Bürger von Österreich auch die Gläubiger des österreichischen Staates. - Doch dieser Staat ist doch die Summe seiner Bürger und so ist letzten Endes der Staat Schuldner und Gläubiger bei sich selbst.
Warum ist eigentlich Griechenland bankrott und nicht Österreich?
Wenn die Zeitungsnotizen richtig sind, dann hat jeder Grieche "Staatsschulden" in der Höhe von rund € 20.000,- während wir Österreicher eine Kopfquote von rund € 24.000,- besitzen - warum ist dann Griechenland bankrott und wir nicht?
Liegt es daran, dass die Griechen in Summe nicht einmal die € 20.000,- als durchschnittliche Spareinlagen haben oder liegt es einfach nur daran, dass niemand so richtig weiß, wie viel der Staatsschulden durch die Spareinlagen seiner Bürger neutralisiert werden? Selbst nach geheimen Wahlen sind Statistiker in der Lage uns in Wählerstromanalysen genau aufzulisten, wie viele Wähler eine andere Partei gewählt haben, und so müsste es trotz der globalen Vernetzung der Geldströme doch möglich sein, den rechnerischen Anteil der eigenen Bürger eines Staates an den Anleiheschulden festzustellen. Doch nichts dergleichen habe ich in den Medien gelesen oder gehört.
Panikmache durch Horrormeldungen
"Tu Gutes und rede darüber" ist der Titel eines vor 40 Jahren erschienenen Buches, in dem der Begriff "Public Relations" auf 488 Seiten erläutert wird. Betrachtet man die heutigen Krisenmeldungen, dann scheint diese deutsche Übersetzung wohl nicht mehr richtig zu sein.
Panikmache durch Horrormeldungen mit Halbwahrheiten wie zuletzt bei der EHEC-Krise, die unschuldigen Gurkenbauern den Ruin brachten, sind offenkundig die neue Strategie, und das Herbeireden einer eigentlich nicht wirklich existierenden Staatsschuldenkrise ist nur ein weiteres Beispiel. Cui bono fragt man sich unwillkürlich? Handelt es sich hier nicht um eine besonders miese Form von Terrorismus, der unsere Neugier nach Katastrophenberichten schamlos ausnutzt und oft ahnungslose Fanatiker als Werkzeuge benutzt?
Durch die spektakulären Ereignisse des 11. September 2001 ist die für die folgenden Wirtschaftskrisen verantwortliche Insolvenz vom 2. Dezember 2001 aus den Schlagzeilen verdrängt worden: die Pleite der "World's Greatest Company", wie sich die texanische Energiefirma ENRON selbst bezeichnete.
Nachdem die US-Bürger ihr Pensionsgeld vorwiegend in Aktienkapital steuerbegünstigt anlegen, hatten durch diese Pleite sehr viele ihre Ersparnisse verloren. Deshalb wechselten danach immer mehr zu Immobilien, wodurch deren Preise rasant anstiegen. Bis zu 39% jährliche Preissteigerung beispielsweise in Florida, wo mit zusätzlichen Steuerbegünstigungen auch die Spekulanten angelockt wurden, sich mit Kredit ein Condominium zu kaufen. Als dieses Pyramidenspiel 2007 platzte, stellte sich heraus, dass die US-Kreditinstitute ihr Risiko mit diversen Fonds über die ganze Welt verteilt hatten und damit eine Weltfinanzkrise auslösten.
Die Folgen der geplatzten Immobilienblase
Als Folge der geplatzten Immobilienblase haben sich viele europäische Staaten hoch verschuldet, um so ein Zusammenbrechen ihrer betroffenen Banken zu verhindern. Doch woher stammt der Großteil des dafür notwendigen Geldes?
Während die Österreicher durch ihre Beiträge in die Pensionsversicherung nur ein verbrieftes Anrecht auf eine spätere Pensionszahlung aus den Beiträgen der Arbeitenden erhalten, werden in den USA und einigen anderen Ländern die Beiträge vorwiegend als Aktienkapital gesammelt, und da kommt bis zum Pensionsantritt eine sehr große Kapitalsumme zusammen. Dieses für die späteren Pensionszahlungen durchaus entbehrliche Kapital (die Pensionisten verkaufen ja ihre Aktien an die Arbeitenden, was im Prinzip unserem Umlageverfahren entspricht) sucht weltweit nach lukrativen Anlagemöglichkeiten, und da kommen die zusätzlichen europäischen Staatsanleihen gerade recht.
Die mittlerweile in Verruf gekommenen Ratingagenturen versuchen nun durch ihre schlechten Bonitätseinstufungen etwa für Griechenland den Kapitalertrag durch höhere Zinsen anzuheben, ausgerechnet jene Ratingagenturen, die schon 2001 der ENRON und 2008 Lehman Brothers Inc. bis zu deren Pleite (aufgrund massiver Bilanzfälschungen, siehe Wikipedia) beste Bonität attestierten.
Angesichts des unverständlichen Terroranschlages in Oslo vom 22.7.2011 erhebt sich nach der obigen Erörterung der Ereignisse des letzten Jahrzehnts die bange Frage, welcher Raub von Sparguthaben diesmal, von der Presse möglichst unbemerkt, erfolgen wird? Bisher hat noch jede Reaktion des Marktes und der Regierungen zu neuen Problemen geführt und wenn die Regierungschefs der EU so zögerlich und bisweilen ratlos wirkend agieren, ist dies nur allzu verständlich. Unsere Computer haben keine Patentlösungen programmiert, und nicht alle können noch mit dem einfachen Einmaleins der Volkswirtschaft richtig im Kopf rechnen. - Das ist die tiefere Ursache der Staatsschuldenkrise. (Leser-Kommentar, Karl Plankensteiner, derStandard.at, 28.7.2011)