Ums Leben schreiben

27. Mai 2003, 10:27
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Konturen eines Werks: Drei neue Bücher von und über Paul Nizon

März 1961. Sie kannten sich aus Rom, in Zürich trafen sie sich wieder. Der eine, ein Schriftsteller und Star hatte gerade sein Stück Andorra fertiggestellt, der andere, viel jüngere, hatte, es war noch nicht lange her, einen vielbeachteten Erstling vorgelegt und war gerade zum leitenden Kunstkritiker der Neuen Zürcher Zeitung geworden. Sein Name: Paul Nizon. Für den selben Abend bestellte Max Frisch den jungen Kollegen zum Dinner mit Dürrenmatt in die Kronenhalle. Dort wird Nizon merken, dass Frisch hemmungslos Propaganda für ihn gemacht hat. Trotzdem: "Komisch, peinlich dieser Eintritt ins fremde Milieu", notiert er in sein Journal der Jahre 1961-1972, das kürzlich unter dem Titel Erstausgaben der Gefühle erschienen ist. Das Milieu aber, das ihn damals so irritierte, wird ihm immer fremd bleiben.

Begonnen hat alles ganz glatt und scheinbar leicht. Nizons Erstling wurde 1959 von Carl Seelig, Robert Walsers Freund und Vormund, lobend rezensiert und auch Ingeborg Bachmann und Max Frisch waren auf den damals 30jährigen Sohn eines russischen Emigranten und einer Bernerin aufmerksam geworden. Zwei Jahre später reiste Siegfried Unseld nach Zürich, nicht, um sich die Premiere von Andorra anzusehen, sondern um den Vertrag mit dem "jungen Genie" Nizon zu fixieren. Allerdings wurde dessen zweites Buch Canto, ein Vater- und Rombuch, das 1963 bei Suhrkamp erschien, ein katastrophaler Misserfolg. Nizons radikale Subjektivität, die offene Form des Canto, die mit nichts damals Bekanntem vergleichbar war, die Aufgabe jeglicher erzählerischer Linearität, der großspurige, ja überhebliche Gestus, all das kam in einer Zeit, in der vom Schriftsteller gesellschaftliches Engagement verlangt wurde, nicht gut an - Sätze wie "mein Platz unter der Sonne ist im Nachtlokal" auch nicht.

Die Jahre nach Canto waren für Nizon in vieler Hinsicht entscheidende Jahre, diese Zeit des Zweifels und der Orientierungslosigkeit behandelt der nun vorliegende Journalband. Doch nicht um einen Leidensbericht geht es hier, denn Nizons Journal ist ein im besten Sinne des Wortes literarisches Diarium. Notate, Lektüren, programmatische Überlegungen zum Schreiben und zur Ästhetik wechseln sich ab mit Geschichtenskizzen, Empfindungsschnipseln und Bewusstseinssplittern. Persönliches bleibt mit Ausnahme einiger Hinweise auf seinen Freund und Trauzeugen Elias Canetti fast vollständig ausgespart. Vieles aber, was in der Abfolge von Nizons Werken erst langsam sichtbar werden wird, ist in diesen Notaten in nuce angelegt. Das strikte Beharren auf die sinnliche Wahrnehmung etwa und eine private, schwebende und poetische Sicht der Dinge, die sich allen moralischen, gesellschaftlichen und politischen Werten verweigert, sowie die Suche nach einer Sprache, die das Leben nicht erzählen sondern es sagen kann und so dessen Ereignis und Vergänglichkeit zelebriert. Auch Nizons ureigene Themen der Enge, des Nichtankommen-Könnens und des Kampfs des Schriftstellers um den Roman nehmen hier Kontur an.

Acht Jahre dauert es, bis Nizon sein nächstes Buch fertiggestellt hat. Es wird ein Erfolg - und eine Befreiung für den Autor. Nur ein halbes Jahr später erscheint die Erzählung Untertauchen (einem Mann kommen auf einer Barcelonareise sein bürgerliches Leben und seine Selbstgewissheit abhanden), die den Durchbruch als Schriftsteller bedeutet. Mit dem Erscheinen von Untertauchen endet das Journal, in einem der letzten Einträge heißt es: "Ich sehne mich nach Atem, Fesselabstreifen, Reisen, Taten. Sprung über Europa hinaus".

Es sollten zwei Jahre vergehen, bis Nizon den Abschied von Europa wagt, den er in einem schön ausgestatteten, soeben erschienen Bändchen beschreibt. Zusammen mit einem Fotografen begibt er sich 1975 auf Reportage ins westliche Sumatra, den Norden Thailands, an das Ufer des Mekong und an den Golf von Siam. Von der gängigen Begeisterung, die Asienreisende gemeinhin befällt, kann in Nizons Fall allerdings keine Rede sein. Das Klima behagt ihm nicht und der erhoffte befreiende Effekt stellt sich nicht ein: "Eine unerhörte Bildverschiebung müsste es werden, dachte ich, auf dem Flughafen. Aber es geschah nichts dergleichen. Ich fuhr durch diese tropischen Breiten in einer trägen, geistesabwesenden Verfassung". Und auch literarisch lässt sich das Erlebte nicht verarbeiten, der "innere Apparat" blieb stumm, und: "Ich kam leer zurück und nachhaltig unsicher, ich fand mich auch zu Hause nicht mehr leicht zurecht, ich war weder da noch dort, jedenfalls auch nicht bei mir, etwas war in Stücke gebrochen. Auch die Ehe zerbrach." Sieben Jahre später schrieb Nizon die (nun in erweiterter Form vorliegende) Reportageerzählung dann doch noch für das ZEIT-Magazin, und es sagt viel über seine Methode der Feier des Lebens, dass er persönliche Düsternis und die Dunkelheit des Urwalds in eine lichte und bilderflirrenden Sprache bannt.

1977 kehrte Nizon seinem "Hinterland Vaterland" den Rücken und zog nach Paris, wo seine nächsten Bücher in französicher Übersetzung große Erfolge wurden. Im Gegensatz zum deutschen Literaturbetrieb zu dem stets eine (gegenseitige) Irritation blieb, wurden Nizons Existenz- und Sprachpartituren in Frankreich sofort angenommen. Wenn er von einem Buch im deutschen Sprachraum 8000 Stück verkauft, ist es in Frankreich leicht das Zehnfache. "Meisterwerk", schrieb Le Monde beim Erscheinen seines vorletzten Buches und: "Bleibt die Frage, warum ein Schweizer, Sohn eines russischen Emigranten, seinerseits nach Paris emigriert, dieses Buch reinster Literatur geschrieben hat, konzentriert auf die eigenen Gefühle, befruchtet von allen Künsten, gebildet wie eine ganze Geschichte der Moderne. (...) Es bedürfte einer Studie". Et voilà, da ist sie, Paul Nizon - Das Leben am Werk heißt Philippe Derivières hervorragender Essay, der seit kurzem auch auf deutsch greifbar ist. In blendendem Stil und mit langem Atem analysiert Derivière, wie in dieser Schriftstellerlaufbahn "Leben" und "Werk", die anfangs klar getrennt sind, schließlich ineinander verschmelzen. Er zeigt, dass da einer schreibt, um in die Welt, um zur Welt zu kommen. Sich ausdrücken heißt für Nizon sich selbst erfinden, deshalb ist immer auch ein Aufbruch in seinen Büchern, sie enden - so wie Derivières Essay - im Offenen, erschließen neue Horizonte. Was kann man mehr von Literatur erwarten? (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 24./25.5.2003)

Von
Stefan Gmünder

Hinweis:

Nizon liest am 27. 5. um 20 Uhr im Grazer Literaturhaus (Elisabethstraße 30, 8010 Graz) aus "Abschied von Europa".

  • Paul NizonErstausgaben der Gefühle. Journal 1961 bis 1972.€ 20,50/290 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002. 

Paul NizonAbschied von Europa. € 13,30/50 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003. 

Philippe Derivière, Paul NizonDas Leben am Werk. 
€ 9,30/140 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003.
    foto:buchcover

    Paul Nizon
    Erstausgaben der Gefühle. Journal 1961 bis 1972.
    € 20,50/290 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002.

    Paul Nizon
    Abschied von Europa.
    € 13,30/50 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003.

    Philippe Derivière, Paul Nizon
    Das Leben am Werk.
    € 9,30/140 Seiten.
    Suhrkamp, Frankfurt/Main 2003.

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