"Man muss Charakter haben"

9. April 2004, 16:03
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Karl Heinz Ritschel, ehemaliger Chefredakteur der "SN", über Freiheit im Journalismus, Manipulation und den Einfluss von PR

30 Jahre lang war Karl Heinz Ritschel Chefredakteur der "Slzburger Nachrichten" - eine Zeit in der Manipulationen und Bestechungsversuchen keine Möglichkeit geboten wurde.

Ritschel beklagt, den Einfluss von PR in den Journalismus, der sich im praktischen in der Undurchsichtigkeit der Grenzen zwischen redaktionellem Teil und Anzeigenteil eines Blattes niederschlägt. Natürlich ist zur Zeit der Druck uaf die Verlage größer und die Ressourcen kleiner, aber trotzdem hätte es mehr Widerstand geben müssen.

Ritschel hat die "Salzburger Nachrichten" von der bestandenen ÖVP-Nähe weggeführt und seine Meinung immer klar dargelegt. Auch im Fall Waldheim wo es, wie er lachend erzählt, schon zur Morddrohung gekommen wäre.

"Man muss Charakter haben"

Man könne und dürfe nicht ständig Meinungsbefragungen der Leser durchführen – "Man muß Charakter haben." Es habe früher eine striktere Trennung von Fakten und von Meinungen gegeben, heute sei das nur mehr zum Teil der Fall. Wertigkeiten haben sich verschoben, es ist eine ehrlicher Zeit gewesen, in der meinungsungebunden und weisungfrei gearbeitet wurde.

Der Kampf um Einschaltquoten und Reichweiten sei entbrannt, durch wirtschaftliche Interventionen, wie Anzeigeninserenten oder durch die Konzentration in der Branche fast gelungene Monoploisierung. Die Gefahr sei tatsächlich die Medienkonzentration und die sich daraus ergebende Gefälligkeitsschreiberei.

"Kampagnenjournalismus"

Auch der Umgang mit der jounalistischen Freiheit habe sich verändert, die Maxime Menschen gegenüber Verantworung zu haben, meint Ritschel, sei auch nicht mehr aktuell, obwohl gerade der Enthüllungsjournalismus seine Grenzen wieder erfahren sollte. Seinen Grundsatz: erstens zu berichten und zweitens zu kommentieren sieht er im Kampagnenjournalismus untergraben, denn "wenn ich dem Bundespräsidenten sage was er zu tun hat ist in der Medienlandschaft etwas schräg".

Hätte Ritschel die Wahl, würde er den Beruf des Journalisten immer wieder auf´s Neue ausüben. Als erfahrener Journalist, meint er, dass viele junge Leute mit einem falschen Bild an diesen Beruf herangehen. Freie Verträge waren und sind Normalität – erst nach längerer Zusammenarbeit sei es üblich als fester Mitarbeiter angestellt zu werden. Auch das der Beruf des Journalist kein acht Stunden Job ist, sollte jedem klar sein, trotz Aufnahmestop stehen dem Journalismusnachwuchs die Chancen nicht schlecht, da zur Zeit eine ganze Generation in Pension gehen werde.

Ansichtssache

"Elder Statesmen"
23. Mai: Karl Heinz Ritschel


Von Elvira Kiss.

Die Autorin ist Teilnehmer der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" am Institut für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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