Nachricht von Großinquisitor ORF

7. Februar 2005, 17:44
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Einen Euro mehr TV-Gebühr pro Monat und Haushalt will der ORF ab 2004. Schon jetzt holt er sich mehr Geld durch verschärfte Zasterfahndung nach Schwarzsehern.

Hallo. Ich bins, dein Fernseher. Seh alles, hör alles. Ob du zahlst oder nicht, potenziell bist du Sünder, bist du Schwarzseher. Im (für den ORF) besten Fall ein Sünder, der sich nicht traut.

Oder einer, dessen Frau für dich den Ablass zahlt, weil sie die Lizenz zum Sehen hat. So wie die Mütter den Kirchbeitrag für die sündigen Söhne zahlen. Oder bist der Sohn eines Mannes, dessen Frau für ihn zahlt, weil sie die Lizenz hat. Oder die Tochter ... So jedenfalls agiert die ORF-Gebührentochter GIS, Großinquisitor auf Sünderjagd.

Früher ging der (Irr-)Glaube um, dass nächtens Kleinbusse lautlos peilend durch die Straßen rollten. Man wartete bang auf das Klopfen an der Tür.

"Haben Sie bisher einfach vergessen ..."

Heute ist alles ein wenig moderner, ein Brief. Jetzt melden, dafür Sündenerlass. "Haben Sie bisher einfach vergessen, Ihre Radio- und Fernsehgeräte anzumelden, oder verfügen Sie in Ihrem Haushalt wirklich über keine Geräte?"

Für den Brief bist du Schwarzseher, zumindest potenzieller Schwarzseher. Obacht, mit ihm ist die Macht der von "Bundes- und Landesgesetzgeber beauftragen" Anstalt. Sie schmeichelt, verspricht (einen BMW), droht, man kennt das aus Verhören der TV-Kommissare. "Wenn der begründete Verdacht besteht" "ist die GIS verpflichtet, eine Überprüfung durch die Bezirksverwaltungsbehörde zu veranlassen".

Die Mühlen des Gesetzes ...

Auf jeden Fall antworten, sagt der Brief. Rechtfertige dich, auch wenn du zahlst. Der Glaube zum ORF braucht eben Bekenntnis, nicht bloß einen Dauerauftrag. E-Mail der zahlenden Lizenzinhaberin, die deine Frau ist, genügt da nicht, schließlich schickt ja auch die GIS keine E-Mail, und schon ist es zu spät. Die nächste Instanz ist das Inkassobüro aus Linz, und plötzlich bist du nicht nur schuldig, bist gleich ein Schuldner, hast offene Rundfunkgebühren, eine neue Teilnehmernummer, einen Vorschreibungszeitraum, Inkassokosten, und eine letzte Frist, ehe die Mühlen des Gesetzes zu mahlen beginnen.

Also telefonierst du mit dem Inkassobüro, erklärst dich frei von Schuld, drohst selbst mit dem Anwalt wegen Zeitraubs, Nötigung, was dir so einfällt als Rechtfertigung dafür, dass du zwar Sünder bist, aber halt im konkreten Fall keine Gelegenheit zum Sündenfall hattest. Ein Schriftstück muss her, darunter tut es auch das Inkassobüro nicht, aber immerhin: E-Mail erlaubt, Empfang selber bestätigt. Denkst, es sei erledigt.

Hallo, ich bins, dein Fernseher

Denkste. Was findet sich anderntags in der Post? Die GIS schreibt dir. Glücklich, dich zu den bekehrten Sündern zählen zu können (der BMW lockt). Erfreut, dir deine persönliche "Servicekarte" zusenden zu können und weitere Rundfunkgebühren in Rechnung zu stellen. Und wenn nicht du, dann der Sohn, oder die Tochter, oder halt einer der anderen aus der Schar potenzieller Schwarzseher, den die Massenmailings der GIS wie eine Ladung Schrot treffen. Irgendwer, der vielleicht "wirklich vergessen hat", wird schon die Nerven wegschmeißen. Hallo, ich bins, dein Fernseher. (Helmut Spudich/DER STANDARD; Printausgabe, 24./25.5.2003)

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    foto: jung von matt/donau
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